Andachten, Gebete und Fürbitten

Andachten & Gebete


Predigt zu Johannes 7,37-39 am Sonntag Exaudi  16.05.21

37 Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! 38 Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. 39 Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

Liebe Gemeinde,

wie schnell ist es jetzt Frühling geworden. Vor ein paar Wochen waren die meisten Bäume noch kahl, ganz zaghaft zeigten sich die ersten Knospen und schließlich überzogen leuchtende Blüten und frisches Grün unser Land. Jahr für Jahr ist es eine große Freude, die erwachende Natur zu sehen, wie sie aus ihrem Winterschlaf erwacht. Die warme Sonne zu genießen, den Duft der Rapsfelder zu riechen, eine Wohltat. Viele zieht es jetzt raus in die Natur, Kraft tanken und den Akku aufladen. Sicherlich wird es auch irgendwann mal wieder möglich sein die Gasthäuser und Biergärten zu besuchen, so dass eine freudige  Stimmung herrscht  und man unbeschwert genießen kann.

Eine freudige, ausgelassene Stimmung wie auf dem Laubhüttenfest in Jerusalem, dass das jüdische Volk ganze sieben Tage feiert. Die Juden sollten nach dem Gesetz des Mose das Laubhüttenfest jedes Jahr feiern mit der Zielsetzung „ dass eure Nachkommen wissen, wie ich die Israeliten habe in Hütten wohnen lassen, als ich sie aus Ägytenland führte.“ Es erinnerte an die Wüstenwanderung und deren Ende. Das Fest wurde und wird noch heute im Herbst gefeiert. In Palästina ist dies die Zeit bevor wieder Regen fällt, der für die Aussaat der neuen Ernte nötig ist. Wasser bedeutete Leben und Wohlstand für die Menschen.

Es ist ein Dankfest, es wird gedankt für Brot und Wein aber auch für die Gaben der Ernte. An jedem der sieben Tage gehen die Priester zu einer Quelle, schöpfen mit großen Kannen Wasser und gießen es dann im Tempel in Wasserschalen. Die Menschenmenge begleitete den ganzen Vorgang. Das Wasser läuft über, die Menschen jubeln und es wird gefeiert. Wasser im Überfluss.

Überfluss den kennen wir. Das Bedenkliche am Überfluss ist nicht die Menge der Güter, von denen wir Gebrauch machen, sondern das Verhältnis dazu. Wenn wir uns beherrschen lassen von immer mehr an Essen, Kleidung, Technik. Wenn wir uns darüber nicht mehr freuen und mit anderen teilen können, dann ist es gerade der Überfluss der uns arm werden lässt.

Der Überfluss, den das jüdische Volk am ihrem Laubhüttenfest feiert, wird symbolisiert durch das überströmende Wasser. Durch die Propheten hat Gott verheißen lassen das es um mehr geht. Eines Tages soll der Durst gelöscht sein. Gott schenkt seinem Volk mehr als nur flüchtige Freude und billigen Trost.  Er gibt ihnen ein Leben in Frieden, in Freiheit und Gerechtigkeit. Es war auf diesem Laubhüttenfest, als Jesus seine Worte sprach:“ Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ In Jesus hat sich das Wort der Propheten erfüllt, er ist es, der allen Durst nach Leben stillen kann. Aber?

Woran liegt es, dass auch uns Christen nach dieser großen Zusage, hin und wieder die Kehle trocken bleibt unser Loblied verstummt? Woran liegt es das unser Gemeindeleben lange Durststrecken bewältigen muss, nach Überfluss sieht das nicht aus, es muss ständig geschaut und gespart werden. Vielleicht schöpfen wir aus den falschen Quellen, wir werden getränkt mit einem nichtendenden Strom von Botschaften und Nachrichten. Vielleicht haben wir es einfach nur satt. Wir mussten schon zu viel Enttäuschungen hinnehmen und halten uns lieber zurück.

 Die Gewissheit den der Regen über das Land bringt, das der Regen die ausgedorrte Landschaft verwandelt, lässt die Menschen immer wieder über Monate der Trockenheit aushalten. Sie wissen sich im Kreislauf der Natur. Mit einer Gießkanne in der Wüste kann ich nicht viel ausrichten. Das ein oder andere Pflänzchen kann ich am Leben erhalten. Viel mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein wird es aber nicht werden.

Jesus rief:“ Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“ Es ist ein Ruf der uns einlädt, Gottes Wirken in dieser Welt zu begreifen und es weiterzutragen. Es ist der Geist Gottes und dieser gleicht in vielem dem Wasser, über das gesprochen wird.

Haben sie schon mal Wasser mit der Hand geschöpft? Weit kommt man nicht, es zerrinnt zwischen den Fingern. Wasser sucht sich seinen Weg und überwindet mit der Zeit jedes Hindernis.

 Der Geist Gottes ist ein Geschenk an uns. Dieses Geschenk lässt sich nicht einsperren, festhalten oder verwalten. Der Geist weht wo er will. Er kann Begeisterung in uns wecken, uns umwerfen, uns inspirieren. Er kann uns aber auch darin leiten, im Glauben zu vertrauen

Amen

Herzlichst

Silke Hars


Predigt an Himmelfahrt

Mit Epheser 1, 15-23

„Weil ich von eurem Vertrauen auf Jesus als Herrn der Welt und zu allen Heiligen gehört habe, höre ich auch nicht auf, für euch zu danken, wenn ich bei meinen Gebeten an euch denke: Der Gott Jesu Christi, zu dem wir gehören und der Ursprung des Glanzes ist, möge euch Geistkraft der Weisheit und Offenbarung geben mit Gotteserkenntnis, dass die Augen des Herzens erleuchtet seien, damit ihr versteht, worin die Hoffnung der göttlichen Berufung besteht, welch glänzender Reichtum in Gottes Erbteil unter den Heiligen ist und was die überragende Größe der göttlichen Macht für uns, die Glaubenden, bedeutet, die der intensiven Wirksamkeit göttlicher Kraft entspricht: Sie zeigte sich wirksam in dem Gesalbten, den sie von den Toten auferweckte und in den Himmelsräumen zu ihrer Rechten setzte, über jede Herrschaft und alle Gewalt und alle Macht und jedes Herrentum und alles, was sonst noch mit einem Namen angerufen wird, nicht nur in diesem Zeitalter, sondern auch in der Zukunft. Und alles hat sie unter seine Füße gelegt und hat ihn als Haupt und Anfang über alles in der Gemeinde gegeben, die sein Leib ist, die Fülle der göttlichen Kraft, die das All erfüllt.“

Liebe Gemeinde,

wieder einmal ist es Himmelfahrt. In diesem Jahr feiern wir, hoffentlich zum letzten Mal, in Distanz unter Pandemiebedingungen. Und wir feiern mit dem frommen Wunsch der Autor*innen, Gott möge ihren Leser*innen in Ephesus und überall sonst Geistkraft der Weisheit und Offenbarung mit Gotteserkenntnis geben. Wenn ich an Himmelfahrt denke kommt mir spontan „Radfahren“ in den Sinn; mit vielen netten Leuten. In Stuvenborn/Sievershütten organisiert der Bürgerverein zu Himmelfahrt normalerweise eine Radtour, die gut angenommen wird. Für meine Familie und mich ein Höhepunkt im Frühjahr. Ziemlich vieles, wovon im Text die Rede ist, etwa Glanz bzw. glänzender Reichtum lässt sich entdecken, wenn man mit dem Rad unterwegs ist.

Himmelfahrt ist für mich natürlich auch untrennbar verbunden mit den Entrückungsgeschichten, die der Evangelist Lukas erzählt, nachzulesen in Lk.24,44-53 und Apg. 1,1-11. Lk. 24 wird geschildert, wie der Auferstandene seine Jünger beauftragt, seine Botschaft in die Welt zu tragen, und ihnen verheißt, dass sie dafür ausgerüstet werden „Mit Kraft aus der Höhe“. Dann segnet er sie, und wird alsdann in den Himmel emporgehoben. Eine märchenhafte Geschichte. Aber sie erzählt von etwas, was wir alle kennen: von Abschied, Trennung, vielleicht sogar Trauer, aber auch tiefer Verbundenheit. So wie die Himmelfahrtsgeschichte das Ende des Lukasevangeliums markiert, wird sie noch einmal, in Variation zum Anfang der Apostelgeschichte erzählt. Das ist kein Zufall. Lukas nimmt den Faden mit dieser Geschichte noch einmal auf, um etwas Neues zu erzählen, was fortsetzt, wovon im Evangelium erzählt wurde. Diesmal beginnt er mit der Angabe von 40 Tagen, die der Auferstandene seinen Jünger*innen erschien, bevor er gen Himmel entrückt wurde. Die Angabe von 40 Tagen/40 Tagen und Nächten lässt Bibelleser*innen aufmerken. 40 Tage und Nächte wandert der Profet Elia zum Gottesberg, 40Tage und Nächte fastet Jesus in der Wüste. Jedes Mal ist dieser Zeitraum verbunden mit mystischem Erleben, Transformation und Neubeginn, so auch hier. Nachdem der Auferstandene seinen Jünger*innen die Heilige Geistkraft verheißen hat, wird er ihren Blicken entzogen. Doch damit ist die Vision noch nicht zu Ende: Zwei Gestalten in weißen Gewändern (Mose? Elia?) stehen plötzlich neben ihnen. Sie fragen sie, weshalb sie noch immer in den Himmel blicken, Jesus sei ihnen entzogen und würde kommen, wie sie ihn zum Himmel hätten fahren sehen. 300 Jahre später hat, was Lukas in Form einer anschaulichen, märchenhaften Geschichte zu vermitteln suchte, Eingang in das Apostolische Glaubensbekenntnis gefunden: „Aufgefahren in den Himmel“.

Etwas weniger märchenhaft ausgedrückt: es geht an Himmelfahrt, wie auch an Pfingsten um die neue Gegenwart des Christus, die sich zunächst nur höchst widersprüchlich formulieren lässt. Es ist die „Anwesenheit des Abwesenden“. Himmelfahrt, das ist die Zumutung an uns Christen, zu glauben, wo nichts mehr zu sehen ist. Pfingsten wird daraus die geistliche Anwesenheit, die Menschen anspricht, ergreift, erfüllt, zusammenbringt und immer wieder neu aufbrechen lässt. Uns trägt das österliche „siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende“ (Mt.28,20).

Was aber machen wir mit unserem schönen, sprachgewaltigen und bilderreichen Predigttext an Himmelfahrt dieses Jahr? Ich wünsche uns allen auch Geistkraft der Weisheit und Offenbarung mit Gotteserkenntnis. Das „Alles hat sie unter seine Füße getan…“ (ist ein Zitat aus Psalm 8, in dem es um Gottes Glanz und die Würde des Menschen geht) nehme ich als mutmachende Verheißung: wo der Gesalbte Herr ist, kann das niemand anders sein. Da kann keiner kommen und sich Kaiser, Führer oder Ähnlich nennen wollen. Es wird etwas davon wahr überall dort, wo Grenzen überwunden werden und für Gerechtigkeit und Frieden eingestanden wird: Etwa, wenn die neuseeländische Ministerpräsidentin nach dem Anschlag auf Moscheen mit den Trauernden weint und Gemeinschaft einfordert. Oder wenn Menschen unterschiedlicher Ethnien gemeinsam gegen Rassismus demonstrieren.  Aber auch hier vor Ort, wenn Menschen, die hier eine Heimat suchen, Sprachunterricht gegeben wird, sie zur Tafelausgabe kommen können und ihnen im Umgang mit Behörden weitergeholfen wird. Da weht etwas vom Geist, der an Himmelfahrt verheißen wird. Pfingsten kann kommen.

Amen

 


Predigt an Rogate, d. 5.Sonntag nach Ostern

Mit Daniel 9,4-5,16-19

„Ich aber betete zum Lebendigen, meinem Gott, und bekannte und sprach: Ach Gott, du große und Ehrfurcht gebietende Gottheit, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen.

Ach, Gott, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Eltern trägt Jerusalem Schmach bei allen, die um uns her wohnen. Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Angesicht über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Gott! Neige deine Ohren, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. Ach, Gott, höre! Ach, Gott, sei gnädig! Ach, Gott, merk auf und handle! Säume nicht – um deinetwillen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt.“

Liebe Gemeinde,

Daniel ist eine beliebte Figur in Kinderbibeln. Geschichten, wie die von der Rettung aus dem glühenden Ofen oder der Bewahrung in der Löwengrube, verbunden mit spektakulären Illustrationen, sind spannend und eindrücklich. Als ein bemerkenswert charakterstarker Mensch wird er geschildert: er lehnt das königliche Essen und Trinken ab (!), ernährt sich mit seinen Freunden lieber von Gemüse und Wasser, bevor sie ein Speisegebot der Tora verletzen. Auch vor dem Götzenbild des Königs Nebukadnezar verweigert er mit seinen Freunden die Anbetung, obwohl sie um die Konsequenzen wissen…

Später wird er Königen ihre Träume deuten und als Weiser und Schriftgelehrter hohe Positionen bei Hofe innehaben. Bei Alledem hat er nie vergessen, wer er ist und wo er herkommt: Jerusalem liegt noch immer mitsamt dem Tempel Gottes in Trümmern. 70 Jahre Exil sind vergangen, doch immer noch zeichnet sich nicht ab, dass sie zurück in die Heimat, die viele von ihnen vermutlich noch gar nicht kennen, ziehen dürfen. Es bewegt sich nichts, die Lage ist im wahrsten Sinne ausweglos, ja schlimmer: aussichtslos ist sie auch.

In dieser Situation wendet sich Daniel an Gott mit seinem Bußgebet. Daniel zeigt sich realistisch. Er erkennt an, was ist und benennt es mit klaren Worten: es wurde gesündigt, Unrecht getan, abgewichen von Gottes Recht und seinen Geboten. Und trotzdem fleht Daniel um Gottes Ohr und darum, von ihm angesehen zu werden, gewissermaßen um Gottes Aufmerksamkeit. „Ach, Gott, höre! Ach, Gott, sei gnädig! Ach, Gott, merk auf und handle!“ Ein dreifaches „Ach“!

Im zweiten Jahr der Corona-Pandemie kommen wir, zumindest kommt es mir so vor, mit einem dreifachen „Ach“ nicht aus. Wir sind zwar nicht in einem Exil, aber einige hadern mit nächtlichen Ausgangsbeschränkungen und anderen Maßnahmen zur Eindämmung der Inzidenzen. In unserer Situation, die auch viele in wirtschaftlich bedrohliche Verhältnisse gebracht hat, besteht seit Alters her die Versuchung, Ursachen bzw. Verursacher außerhalb unserer selbst zu suchen und zu finden. Irgendwer muss doch schuld sein! Und so blühen – mal wieder – die Verschwörungstheorien: Schuld seien „Die-Da-Oben“ (aber: sind die nicht demokratisch gewählt?), ein nordamerikanischer Softwareentwickler (der vermutlich gerade ganz andere Probleme hat), die Juden (seit dem Mittelalter immer wieder im Focus), und andere mehr… Fast scheint es, je abstruser, desto besser. Und so kann sich dann eine junge Frau, Jana aus Kassel, im Kampf gegen nebulöse, dämonische Mächte nach eigenem Bekunden fühlen wie Sophie Scholl…(!)

Daniels Bußgebet bringt uns auf eine andere Fährte. Es lädt ein zur Selbstreflektion, ohne die Situation schön- oder die Problematik kleinzureden. Es verzichtet auch auf menschenverachtende Schuldzuweisungen und auf die Degradierung Gottes zu einem Zauberer oder Wunschautomaten.

Daniel fleht zu Gott und vertraut „nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“.

„Flehen“, das ist ein seltenes Wort geworden. Wer fleht, gesteht die eigene Machtlosigkeit, wer fleht, kommt aus eigener Kraft nicht weiter. Das passt, vermeintlich, nicht in unsere Zeit. Wir wollen nicht flehen (müssen), sondern Meister*innen, Regisseur*innen unseres Lebens sein. Wir wollen das Leben selbst gestalten und orchestrieren mit guten Kindergärten und Schulen, deren Abschlüsse uns gute Ausbildungen ermöglichen. Wir wollen Karrieren machen, die wir möglichst nur uns selbst zu verdanken haben. Natürlich in einer guten Work-Life Balance. Wir möchten einen guten Freundeskreis haben, angemessen Sport treiben, uns gut und ausgewogen ernähren und so bis ins hohe Alter fit und gutaussehend bleiben. Dazu vielleicht noch etwas ehrenamtliches Engagement, und alles zusammen wird dann in den sozialen Medien dokumentiert, um die Mitwelt am eigenen Glück teilhaben zu lassen. Warum sollte jemand bei so viel Freiheit und Ausgewogenheit flehen wollen? Nein, wer flehen muss, hat womöglich etwas falsch gemacht.

In dem Maß, in dem ein modernes Leben völlig individuell geworden ist, hat sich auch die dauerhafte Erfordernis von Entscheidungen eingestellt. Jede und jeder entscheidet frei von allen Zwängen über sein und ihr Leben, trägt damit aber immer selbst die Verantwortung. Wenn etwas nicht gelingt, ist es die eigene Schuld. Man hätte einfach anders entscheiden müssen. Der Krebserkrankung hätte man mit einer gesünderen Lebensführung entgegenwirken müssen. Im Falle einer psychischen Erkrankung war man nur nicht resilient genug. Im Falle eines Unglückes hätte man den Fahrer am schnellen Fahren hindern, oder besser auf das Kind aufpassen sollen. Wir bleiben auch in existenziellen Lebenssituationen häufig in der Möglichkeitsform: Hätte, könnte, würde… Wir verbleiben gern im Hadern mit verpassten Möglichkeiten.

Flehen ist ein Schritt weiter. Flehen blickt nicht mehr zurück, Flehen hadert und nörgelt nicht mehr. Wer fleht, hat anerkannt, hier und jetzt selbst nichts mehr an der Situation, wie sie ist ändern zu können. So wendet man sich an die einzige Instanz, der man noch zutrauen kann, Bewegung in den Stillstand zu bringen, weil es sonst nichts mehr gibt. Flehen kann man nicht zu sich selbst, es braucht ein Gegenüber. So ist man im Flehen nicht allein. Flehen öffnet einen Beziehungsraum. Wo man sonst ganz allein verantwortlich ist, kann man nun Verantwortung nicht nur teilen, sondern abgeben, und das schafft Möglichkeiten. Nicht die Möglichkeit des eigenen Handelns, des „Etwas-tun-Könnens“, aber die Möglichkeit des vor Gott Bekennens, dass ich am Ende meiner Möglichkeiten bin. So stehe ich dann vor Gott in der Hoffnung, dass er mich hört, mich sieht und sich gnädig erweist. Das kann etwas Befreiendes haben.

Apropos Befreiung: am 09. Mai ist der 71. Jahrestag der Befreiung Deutschlands von der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. Die aufgeriebene Deutsche Wehrmacht erklärte am Ende ihrer Möglichkeiten ihre Kapitulation. Längst nicht alle Deutschen haben sich damals „befreit“ gefühlt. Man fühlte sich besiegt, unterlegen und haderte mit diesen und ähnlichen Gefühlen.  Manche vielleicht bis 1985, als Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede am 9.Mai diesen Tag unmissverständlich zum Jahrestag der Befreiung Deutschlands erklärte. Das Gebet Daniels hätte schon vierzig Jahre früher, in den Trümmern von 1945 Möglichkeiten zur Bearbeitung, Wege zur Bewältigung der Katastrophe zeigen können.

Ach Gott höre! Ach Gott, sei gnädig! Ach Gott, merk auf und handle!

Amen

 


 

Predigt

Zu Lukas 19,37-40 am Sonntag Kantate den 02.05.21

Liebe Gemeinde,

aus den letzten Wochen klingt in mir noch ein Gefühl ganz deutlich nach. Das Gefühl: nun ist mir alle Kontrolle aus der Hand genommen. Ich war überfordert angesichts meiner plötzlichen Ohnmacht mein Leben nicht mehr gestalten zu können wie gewohnt. Ein echt ungutes Gefühl. Angepasst auf ihre jeweilige Lebenssituation wird es ihnen auch so gegangen sein, einmal ein bisschen mehr oder weniger. Doch letztlich sitzen wir alle im selben Boot.

Dass das Leben leicht ist, will ich gar nicht behaupten. Das wäre ebenso weltfremd wie das ewige Frohlocken auf Wolke sieben. Aber dass mein Leben so sehr von Katastrophen gekennzeichnet ist, dass Freude in die Rumpelkammer der Gefühle verbannt sein muss, das will ich auch nicht glauben. Denn – mein Glaube ist bunt und nicht nur „ grau in grau“. Die Farben aber wollen gelebt sein und wenn es an der Zeit ist, dann gehört auch ein „ Frohlocken“ mit dazu. So ergeht es auch den Jüngern Jesu, auf dem Weg zum Passahfest in Jerusalem mit all seiner drohenden Gefahr, bricht die Freude und das Glück über Jesu heilsame Gegenwart auf einmal ihre Bahn. Sie können nicht anders, als aufeinmal Gott lautstark und voller Jubel zu loben. So steht es geschrieben im Lukasevangelium

„Als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

Es muss einfach raus:“ Lobt und preiset ihn, der da kommt ! Er ist der König im Namen des Herrn.“ In dem Moment ist alles gut. Doch sofort  stehen da die Wichtigtuer in Sachen Religion und Moral“ Verbiete Deinen Schülern so zu reden.“ Bunt ist eben mehr als grau in grau. Da werde ich wieder erinnert. Ja wir stecken mitten in der Krise. Ich kann nicht planen, wie gewohnt. Aber was wenn ich mich darauf einlasse? Wenn ich aufhöre dagegen anzudenken, anzuplanen. Was, wenn ich das tue, was ich schon häufig mit meinen Lippen bekannt habe. Mein Leben ganz in Gottes Hand legen, ihm Vertrauen schenken Ich habe mich frei gemacht von dem was ich im Augenblick nicht kann. Frei werden für das, was mir immer noch geschenkt ist. Zu sein, zu leben, zu lieben. Ich treffe viel weniger Menschen. Aber wie wunderschön sind diese kostbaren Momente der Begegnung. Ich kann nicht mehr einfach in ein Cafe gehen, doch wie köstlich schmeckt der Cafe den ich genieße. Wie wunderbar sind all die Speisen, die ich trotzdem genieße, gebracht von einem Lieferservice oder endlich mal wieder mit Ruhe selbstgekocht. Die Supermarktregale waren immer gut gefüllt, trotz anfänglicher Panik. Ich kann nicht in den Urlaub fahren, doch wie schön ist die Gegend um Segeberg, bei langen Spaziergängen habe ich die Gegend erkundet. Was ich da so entdeckte, das treibt mein Herz an Gott zu loben für alle seine Wunder. So wie die Jünger die Jesus auf seinen Weg nach Jerusalem begleitet haben. Frei heraus aus voller Kehle. Im Evangelium heißt es weiter.

„ Und einige Pharisäer in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht!“

Diese Pharisäer, diese Besserwisser, verbieten einfach alles, sogar den Lobgesang. Ich habe mich in den letzten Monaten beeindrucken lassen von den Berichten über Menschen, die auf ihren Balkonen stehen und gemeinsam singen. Über Chöre die ihre Stimmen über das Internet miteinander vereinen.

„ Und Jesus antwortete den Pharisäern und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“

Wir wurden in die Schranken gewiesen. Aber verstummt sind wir nicht. Vielleicht klingen wir etwas ungewohnt. Etwas verzerrt und verzögert über das Internet, vielleicht auch nicht so deutlich wegen der Abstandsregeln.

Was würden die Steine oben auf dem Ölberg hinunter durch das Kidron Tal schreien? Den Weg den Jesus mit seinen Jünger gegangen ist. Die Steine könnten aufschreien, sie haben viel zu erzählen von: Freudenbotschaften, Trauergesänge, harte politische Wirklichkeiten.

Was könnten die Steine in unserer Kirche erzählen? Sie haben viel Trauriges gesehen, weinende Menschen, die schweren Verlust zu beklagen haben. Gesegnete Menschen, Paare, Konfirmanden, die sich ins Leben mutig und die anderen mit gemeinsamen Zielen aufgemacht haben.

Ein Stein aus dem Krematorium von Ausschwitz. Was würde er Schreckliches erzählen. In welchen klagenden Tönen würde er seine Stimme schreiend in den Himmel heben.

Ein Stein aus der Dresdener Frauenkirche. Ein zerbombter Schicksalsort eines wahnwitzigen Krieges. Das Schreien und Röcheln der Menschen ist aus ihm hörbar. Der Wahnsinn des Krieges.

Dann denke ich an die Steine auf den Stufen zum Tempel hoch in Jerusalem. Welche laute fröhliche Stimme des Erinnerns. Ja, die Steine würden von den Taten Jesu erzählen, fröhlich und beschwingt.

Kantate! Singt ihr Steine

Amen

Herzlichst

Silke Hars

 


Predigt an Jubilate, d. 3. Sonntag nach Ostern mit

Apostelgeschichte 17, 22-34

Liebe Gemeinde,

der Apostel Paulus muss ein begnadeter Prediger gewesen sein. Er hat nahezu den gesamten Mittelmeerraum bereist und etliche Gemeinschaften ins Leben gerufen, die an den auferstandenen Christus Jesus glaubten und ihn feierten. Ich habe bewusst „Gemeinschaft“ und nicht „Gemeinden“ gesagt, manchmal werden es nur wenige Menschen gewesen sein, vielleicht so viele, wie in ein größeres Wohnzimmer passten, vielleicht nur eine Hausgemeinschaft. Doch so bescheiden diese Anfänge auch gewesen sein mögen: dem Fleiß, dem Engagement, dem Geschick, dem Einfühlungsvermögen, der Offenheit und Klarheit des Paulus dürfte es zu verdanken sein, dass es die Kirche in ihrer heutigen Form überhaupt gibt. Übrigens verdanken wir dies auch seiner Leidensfähigkeit und seinen Nehmerqualitäten. Denn wer zum Glauben einlädt, kann auch durchaus erleben, Gegenwind zu bekommen, bis hin zu Hass und Gewalt. Paulus und seine Gefährten haben auf ihren spannenden Reisen viel erlebt. Nicht alles war gleich schön.

Besagter Gegenwind hatte Paulus nach Athen getragen. Seine Gefährten Silas und Timotheus waren in Beröa geblieben. So stieg Paulus allein von Bord im Herzen Griechenlands, in der Stadt, von der er sicherlich seit Kindheitstagen in Tarsus schon viel gehört haben dürfte. Athen, die Stadt der Bildhauer und Bauleute, der Dichter, Denker und Philosophen. Wiewohl schon seit hundertfünfzig Jahren von den Römern besetzt, war Athen damals immer noch unbestrittene Kulturhauptstadt des Mittelmeerraums. Anziehungspunkt für Suchende, Dichter und Denker aller Art von nah und fern, die es herzog, um Neues zu erfahren oder selbst zu berichten, wie Lukas, Autor der Apostelgeschichte, nicht ohne Ironie anmerkt. Athen zur Zeit des Paulus, eine Metropole der Geistesgrössen und Solcher, die sich dafür hielten.

Paulus ging aufmerksam und neugierig durch die Straßen und über die Plätze dieser beeindruckenden Stadt. Er sah die zahllosen Tempel und die vielen, vielen Bilder von Göttinnen und Göttern. Diese Erfahrung erfüllte ihn mit Wut und Unverständnis, ihn, der vom antiheidnischen Zeugnis von Tora und Profeten erfüllt war. In den Schriften, die ihm heilig waren hieß es: „du sollst dir kein Bildnis noch Gleichnis machen…!“ Wie sollte man der Anhängerschaft solcher Kulte begegnen?

Es mag Zufall oder Fügung gewesen sein. Paulus entdeckte eine besondere Kultstätte, geweiht „dem unbekannten Gott“. Ein schlichter Altar mit ebendieser Inschrift, vielleicht mit etwas verbranntem Räucherwerk, ein paar trockenen Weinflecken und einem nicht mehr ganz frischen Blumenstrauß darauf. Diese Entdeckung machte etwas mit dem Apostel: er stand vor der Beantwortung seiner Frage! Diese Menschen waren fromm und gottesfürchtig, nur eben auf ihre Weise. Sogar so sehr, dass sie befürchteten, bei der Vielzahl ihrer Göttinnen und Götter eine(n) – womöglich wichtige(n) – zu übersehen, was sie mit der Errichtung dieses Altars zu vermeiden suchten. Wut und Unverständnis waren schlechte Berater. Diesen Menschen war mit Wertschätzung auf Augenhöhe zu begegnen. Und hier, vor seinen Augen stand der Ausgangs- und Anknüpfungspunkt zum Dialog…

Paulus machte sich auf. Zunächst in die Synagoge, wo er mit jüdischen Glaubensgeschwistern und mit dem Kreis der Gottesfürchtigen, also Menschen, die man als „Gastmitglieder“ der jüdischen Gemeinde bezeichnen könnte, sprach und diskutierte.

Dann ging er auf den Markt, wo er mit Epikureern und Stoikern, also Philosophen ins Gespräch kam. Diese konnten allerdings nicht viel anfangen mit dem, was er zu sagen hatte. Sie hielten ihn für einen „Schwätzer“, für einen seltsamen Anwalt eines seltsamen Gottes, der unentwegt von einem gewissen Jesus und einer Göttin, die Auferstehung hieß, herumschwadronierte. Trotzdem, er sollte die Möglichkeit bekommen, seine Lehre, wie verwirrt und befremdlich sie auch schien, einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Schliesslich war man hier in Athen. Sie luden Paulus ein, auf den Areopag zu kommen.

Der Areopag ist ein Felsenplateau zwischen Markt und Akropolis. Ein Ort der Rechtsprechung und des weltanschaulichen Diskurses. Hier nun sollte Paulus Rede und Antwort stehen.

Er ließ sich nicht lange bitten:

„ihr Bürger*innen Athens, an allem sehe ich, dass ihr besonders fromme Menschen seid. Als ich durch eure Stadt lief und betrachtete, was ihr so alles verehrt, stieß ich auch auf einen Altar, auf dem geschrieben steht: dem unbekannten Gott. Nun denn, Athener*innen, den Gott, den ihr verehrt, ohne ihn zu kennen, verkünde ich euch. Es ist der Gott, der Himmel und Erde und alles, was darin ist, erschaffen hat. Dieser Gott des Himmels und der Erde wohnt nicht in Tempeln, die Menschenhände erbaut haben. Auch lässt er sich nicht von Menschenhand umsorgen, als habe er solches nötig. Er ist es, der allen Menschen das Leben, den Atem und alles andere gibt. Er machte aus einem einzigen Menschen die gesamte Menschheit, damit sie auf der ganzen Erde wohne, und er setzte für sie bestimmte Zeiten und Gebiete ihres Wohngebietes fest. Gott wollte, dass Menschen ihn suchen, um ihn tastend zu finden. Gott ist uns nicht fern. In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir. > wir sind göttlicher Abstammung<, um es mit einem eurer Dichter zu sagen. Da wir aber aus Gott sind, sollten wir nicht meinen,  das Göttliche sei gleich den  goldenen, silbernen und steinern Bildnissen, denn diese sind nur Produkte menschlicher Fantasie. Über die Zeiten unserer Unwissenheit sah Gott lange Zeit hinweg, nun aber ruft er die Menschen allerorten auf, ein neues Leben zu beginnen. Denn er setzte einen Tag fest, an dem er ein gerechtes Urteil über die Welt fällen will, durch einen Mann, den er dazu bestimmte und für alle glaubwürdig machte, indem er ihn von den Toten auferweckte.“

So (oder so ähnlich) predigte Paulus auf dem Areopag, vor und zwischen den Repräsentanten vieler religiöser und philosophischer Strömungen und Vorstellungen. Tapfer und allein auf weiter Flur. Ein kleiner Diener Gottes, Anhänger Jesu, der vorgelebt hat, was Leben ist, was Liebe bewirkt, „des Sohnes“ sozusagen, dem Gott, der Vater, bei sich einen Ort bereitet hat.

Etliche seiner Predigthörer*innen hatten selten so gelacht, so abstrus und abwegig kam ihnen der Gedanke an Auferstehung vor. Andere sagten: „darüber wollen wir dich ein andermal hören.“ Also nie. In der Bibel steht „so ging Paulus von ihnen weg“ als einzige Reaktion des Predigers. Alles gegeben und Häme und Spott geerntet. Er mag sich gefühlt haben wie der Schalke 04 unter den Apostel*innen. Aber es ist stimmig: wenn alles gesagt ist, kann man gehen. Sollte man meistens auch.

Doch sollte seine Saat dennoch Früchte tragen: Lukas schreibt: „Einige aber schlossen sich ihm an und kamen zum Glauben, darunter auch Dionysius, ein Mitglied des Gerichts auf dem Areopag, sowie eine Frau namens Damaris und weitere mit ihnen.“ Dionysius war benannt worden nach dem wilden, rasenden Gott des Rausches der paganen Griechen. Ich vermute, er wird zu seinem neuen Leben auch einen neuen Namen bekommen haben.

Das alles ist lange her. Trotzdem vermag die alte Geschichte noch immer zu berühren, denn sie handelt von tiefer Achtsamkeit, von liebevoller Zugewandtheit und der klaren Überzeugung ihres Protagonisten. Eigenschaften, die man in der späteren Kirchengeschichte immer irgendwo finden konnte, wenngleich auch nicht immer bei Gottes „Bodenpersonal“. Oft nicht einmal an der Spitze der Hierarchie.

Viel Zeit ist seitdem vergangen. Paulus kannte noch keine Kirchen. In den meisten Großstädten sind sie heute nicht einmal mehr die höchsten Gebäude. Sie sind umstanden und werden überragt von anderen „Tempeln“.

Athen wird immer noch überragt von der Akropolis. Auch das Felsenplateau gegenüber, den Areopag gibt es noch. Steinerne, stumme Zeugen der alten Geschichte. Angegriffen vom Götzen der Mobilität, infrage gestellt von vielen Anderen. Aber immer noch da. So wie manch bemerkenswerte Gotteshaus in den Straßenschluchten der Großstädte unserer Tage. Sie machen Mut zum Entdecken, Kraft und Inspiration zu tanken. Und dann loszugehen und den Dialog zu suchen. Manchmal wird man Dasselbe erleben wie Paulus in Athen. Ich finde vorbildlich, dass er trotz sehr mäßigem Erfolg nicht aufgegeben hat. Der große Erfolg mag noch kommen. Doch davon Pfingsten mehr.

Amen

 


Predigt für Sonntag den 18.04.21

Miserikordias Domini

Liebe Gemeinde,

Was wünschen Sie sich für unsere Welt? Mir fällt auf Anhieb einiges ein, das Ende von einer Krankheit, besonders Corona, von Krieg und Gewalt. Kein Hunger mehr, Hass und keine Umweltzerstörung. Oft fällt einem zuerst ein was nicht mehr sein soll. Wie sollte es sein? Ich sehne mich nach einer Welt, Zugewandtheit und Achtsamkeit den Alltag bestimmt, eine Welt der Freiheit, in der Gerechtigkeit und Vernunft herrschen.

Unsere Welt ist nicht so. Sie war es auch früher nicht. Denke ich an Kain und Abel, das biblische Zeugnis stellt dar, dass schon zu Anbeginn Neid und Streit in Gewalt münden. Gott hatte es anders vorgesehen. Wir Menschen sind frei zu wählen, wie wir handeln. Diese Freiheit ist Gott gewollt, sonst wären wir Marionetten und nicht Gott ebenbildlich. Gott sehnt sich danach, dass die Welt so wird wie sie sein könnte. Er tritt in Beziehung zu den Menschen und teilt die eigene Sehnsucht, ebenso den Unwillen mit.

Der heutige Predigttext schildert wie es hätte sein sollen im Gottesvolk Israel. Vorstellungen und Worte, geschrieben in einer Zeit, in der dieses Volk sein Land verloren hatte, in der Verbannung lebte und eigentlich gescheitert war. Der Prophet Ezechiel lebte selbst im Exil. Er schreibt vom Unheil, das Israel getroffen hat und der Prophet hält Gottes Anklage gegen sein Volk fest. Geschrieben steht bei: Hesekiel 34, 1-2. 10- 16. 31

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir:2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?10 So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.11 Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.13 Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes.14 Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels.15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR.16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Was ich da lese, ist eine Abrechnung. Im brutalsten Sinn des Wortes. Gottes Abrechnung  mit den Hirten des Volkes Israel . Die politisch und gesellschaftlichen Personen, sowie auch Priester, sie haben versagt „Euch geht es nicht um die Schafe die man euch anvertraut hat, sondern um euer eigenes Wohlergehen. Ihr seid Verbrecher, die das Vertrauen missbrauchen, das man in euch gesteckt hat.

Was Ezechiel vor zweieinhalbtausend Jahren geschrieben hat, könnte man auch heute bestimmte Personengruppen unserer Gesellschaft vorhalten. Wirtschaftsbosse, die Unternehmen an die Wand fahren, ihre Millionengage vorher aber in Sicherheit gebracht haben. Unfähige oder korrupte Politiker, aber auch Kirchenverantwortliche oder Internatsleiter, die genau wissen, dass einige Lehrer die ihnen anvertrauten Schüler misshandeln und missbrauchen, nichts dagegen tun um dem Ansehen des Hauses nicht zu schaden.

Endlich wird dem Elend ein Ende gemacht und da merke ich beim Lesen das die Worte auch mir selbst gelten, denn Hirten sind wir ja selbst auch ganz oft. Wer Kinder hat ist in diesem Sinne auch Hirte. Manchmal bin ich der Hirte für meine Freunde, weil sie sich auf mich verlassen. Wer Angehörige pflegt, der spürt die Verantwortung, die er hat, weil der Andere eben für sich selbst nicht mehr die Verantwortung übernehmen kann. Wo uns das Wohl von Tieren anvertraut ist. Sie sind uns ausgeliefert, da sind wir Hirten, auch wenn die Herdentiere eher auf Bello, Minka oder Hoppel hören. Nicht zuletzt haben wir Verantwortung als Hirte im Vereinsvorstand, als Feuerwehr- Gruppenführer oder als Kirchengemeinde Rätin. Hirte- das ist ein Knochenjob. Hirte sein heißt, Verantwortung übernehmen.

Nun kündigt Gott an, ab jetzt kümmert er sich um sein Volk. Gott übernimmt die Rolle des Hirten.  Daraus spricht die Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Die Priester verlieren ihren Job, die gierigen Volksführer fliegen raus. Denjenigen helfen, die es brauchen, eine Balance herstellen. Das verändern, was das Gleichgewicht stört. Was schwach ist, soll behütet sein. Auf dem ausgetrockneten Boden der Gesellschaft sprießen wieder grüne Halme der Hoffnung. Jesus hat die grünen Halme  der Verheißung aufgenommen er kannte die Worte von Ezechiel . Das Bild vom guten Hirten  bestimmte sein Leben und Handeln. Entsprechend war er bereit zu seiner Zeit Verantwortung für das Volk Israel zu übernehmen. Ohne an sein Ansehen und seinen Gewinn zu denken. Er bereit war bis zum Äußersten zu gehen für das Wohl seiner Herde. Zu sterben, um den anderen ein besseres Leben zu ermöglichen Ich bin der Gute Hirte!“ hat Jesus gesagt.“ Der Gute“ nicht irgendeiner. In ihm hat Gott selber die Aufgabe des Hirten übernommen.

Ich bin keine Heldin,. Die alles hinbekommt, die absolut selbstlos und fehlerlos für Andere Verantwortung übernehmen kann. Aber ich kann diesem einen guten Hirten Jesus nachfolgen, als  meinem Vorbild! Ohne Scheu davor, Fehler zu machen, denn sie werden passieren.  Wir sind Menschen. Wir brauchen Menschen die Verantwortung übernehmen, ohne Hirten geht es nicht. Schön wenn diese sich an den guten Hirten orientieren.

Amen

Herzlichst

Silke Hars


Predigt an Quasimodogeniti, dem 1. Sonntag nach Ostern, mit Johannes 21, 1-14

„Danach erschien Jesus den Jüngerinnen und Jüngern noch einmal am See Tiberias. Er erschien so: Simon Petrus und Thomas, der Didymos oder Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngerinnen und Jüngern waren zusammen. Simon Petrus spricht zu Ihnen: ich gehe fischen. Die anderen sagten zu ihm: wir kommen mit dir mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, aber in jener Nacht fingen sie nichts. Als es schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, die Jüngerinnen und Jünger wussten jedoch nicht, dass es Jesus war. Da sagte Jesus zu ihnen: Kinder, ihr habt wohl keinen Fisch? Sie antworteten ihm: Nein. Er sagte zu ihnen: werft das Netz auf der rechten Seite aus, dann werdet ihr welchen finden. Sie warfen es aus und konnten es nicht mehr heraufziehen wegen der Menge der Fische. Da sagte jener Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: es ist Jesus der Lebendige. Als Petrus hörte, dass es Jesus sei, zog er sein Oberkleid an, denn er war nackt, und sprang in den See. Die anderen Jüngerinnen und Jünger kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht weit vom Land entfernt, etwa 100 Meter. Als sie an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer mit Fischen darauf und Brot. Jesus sagte zu ihnen: bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg aus dem See hinauf und zog das Netz an Land. Es war gefüllt mit 153 großen Fischen. Obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht. Jesus sagte zu ihnen: kommt und frühstückt! Niemand von den Jüngerinnen und Jüngern wagte zu fragen: wer bist du? Denn sie wussten: Es war Jesus der Lebendige. Jesus kam, nahm das Brot und gab es ihnen, und den Fisch ebenso. Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern erschien, nachdem er von den Toten auferweckt war.“

Liebe Gemeinde,

voller wundersamer und wunderbarer Geschichten ist die Osterzeit. Geschichten von Erscheinungen des Auferstandenen vor seinen Jüngerinnen und Jüngern. So auch die obenstehende, die der Erzähler als „das dritte Mal“, dass Jesus erscheint zählt. Er hat sich verzählt: da war zunächst die Erscheinung vor Maria aus Magdala, dann die vor den Zwölfen ohne Thomas, schließlich die vor dem zweifelnden Thomas und den weiteren elf Jüngern. Die vorliegende Geschichte handelt also – strenggenommen – von dem vierten Mal. Überhaupt ist es eine besondere Geschichte: alle anderen Erscheinungsgeschichten des Johannesevangeliums spielen in Jerusalem, zwischen dem Grab Jesu und der Unterbringung der Jüngerinnen und Jünger. Jetzt aber sind sieben von ihnen plötzlich wieder in Galiläa. Es wirkt fast so, als wäre das vorher Erzählte ausgeblendet oder nicht geschehen. Sie sind wieder am See, sie gehen wieder ihrem alten Beruf nach. „Fischen gehen“, das ist alles, was nach Karfreitag zu tun bleibt. Die Sache Jesu: vergangen. Sie hatten so viel Hoffnung in ihn gesetzt, ihn nach seinem Einzug in Jerusalem schon als König und Befreier betrachtet. Es war gescheitert. Rom hatte mit aller Macht zurückgeschlagen bzw. nicht mal mit aller Macht. Ein Richter, ein paar Henker und ein Kreuz hatten genügt, und aus war der Traum. Ein trauriges, ein armseliges Scheitern. „Es ist vollbracht“ sollten Jesu letzte Worte gewesen sein. Was war „vollbracht“?!

Bloß nicht daran denken. Ablenkung suchen, etwas Vertrautes tun.

Auch nicht über die eigene Rolle im Passionsgeschehen reflektieren: sie hatten ihn, ihren Meister, ihr Idol fluchtartig verlassen und dann noch ängstlich verleumdet. Selbst gescheitert. Armselig. Traurig.

Bloß nicht daran denken. Ist eh vorbei. Den Lebensfaden aufnehmen, wo er vor der Jesus-Episode liegengeblieben war.

Fischen gehen. So, wie es (vorher) immer war. Scham, Frust und Resignation hinter sich lassen. Zurück auf Anfang. Reset. Fischen gehen. In der Nacht, wie sie es gelernt haben.

Nicht mal das klappt. Der Morgen graut, das Netz bleibt leer. Der neue Start ins alte Leben: erfrischend erfolglos. Kann Scheitern zur Gewohnheit werden? Sie haben für heute aufgegeben, sind auf dem Weg zurück.

Da steht einer am Ufer.

Wir, die wir uns in der Beobachterperspektive befinden, wissen, dass es Jesus ist. Wir haben auch schon von der Auferstehung gehört, kennen andere Geschichten, wissen, dass die Sache Jesu weitergeht, haben gerade Ostern gefeiert.

Die gescheiterten Fischer*innen offensichtlich nicht. Da steht einer am Ufer. Wer das ist, erkennen sie nicht. Können sie auch nicht: der Auferstandene muss den Anfang machen und sich zu erkennen geben. Außerdem ist ausgerechnet Jesus der letzte, den sie hier und jetzt erwarten würden. Auch das verhindert Erkennen.

Der Mann am Ufer spricht sie an, in befremdlich vertraulichem Ton: Kinder, ihr habt wohl keinen Fisch?

Was mag in denen an Bord vor sich gegangen sein? Der dort am Ufer mochte noch so warm, freundlich und fürsorglich klingen, seine Frage benannte das Offensichtliche, wird sich angefühlt haben, wie der Finger in der Wunde.

Nicht nur gescheitert. Jetzt auch noch erwischt. Tage gibt`s….!

Jetzt nur kein Wort zu viel: Nein.

In ganzen Sätzen: Nein, wir haben keinen Fisch, und Ja, wir sind erfolglos. Das siehst du doch!

Sie bekommen einen Tipp vom Ufer: Werft das Netz auf der rechten Seite aus.

Sie tun es, und es stellt sich überwältigender Erfolg ein: das eben noch leere Netz ist jetzt so schwer, dass sie es nicht an Bord hieven können.

Und auch Erkenntnis stellt sich ein. Zunächst beim Lieblingsjünger, aber der teilt sie sogleich mit Petrus: Es ist Jesus der Lebendige.

Nun kommt Dynamik und Bewegung in die Szene, die für die Jünger*innen bis jetzt etwas Bedrückendes, für uns als Beobachter*innen aber auch Mystisch-Geheimnisvolles hatte. Petrus streift sich sein Obergewandt über und stürzt sich ins Wasser. Man würde eher erwarten, dass er sein Obergewandt vor dem Sprung in den See auszieht, das Gegenteil ist der Fall. So wie Adam und Eva in der Paradieserzählung nach ihrer Erkenntnis erkannten, dass sie nackt waren, so geht es jetzt Petrus: der Verleumder will sich dem Lebendigen (eine Bezeichnung Gottes bzw. des zu Gott Gehörenden) nicht nackt nähern. Dieses hastige Bekleiden ist ein nonverbales Schuldeingeständnis.

Während Petrus gut bekleidet Richtung Ufer schwimmt, fahren die Jünger*innen mit dem Netz im Schlepp. Sie erreichen das Ufer zuerst und staunen: da glimmt ein Kohlenfeuer, mit Fisch und Brot darauf. Der Mann vom Ufer, der sie angeleitet hat, an der richtigen Stelle zu fischen, bedarf ihres Fanges nicht. Trotzdem lädt er sie ein, zur Gemeinschaft etwas beizutragen, etwas Eigenes einzubringen. Petrus hat zur alten Kraft und langjähriger Professionalität zurückgefunden, er hievt das schwere Netz im Alleingang an Land. Es ist voll mit 153 großen Fischen. Über die Zahl 153 ist viel spekuliert worden. Es mag sein, dass sie eine Codezahl war, deren Schlüssel aber lange verloren ist. Jedenfalls ist es ein großartiger Fang. Und er sagt uns und den Fischer*innen vom See: das Scheitern in der Passion ist vergeben, und das jüngste Scheitern in Erfolg überführt. Es duftet nach gebratenem Fisch und geröstetem Brot. Die (Tisch-) Gemeinschaft ist wiederhergestellt, sie werden mit Brot und Fisch gestärkt. Die Nacht des Scheiterns und der Leere, die Nacht der Sonderbarkeiten und Rätsel, sie endet mit einem warmen Essen am Lagerfeuer neben dem See. Noch ein Mal ist es Ostern geworden, auch eine Woche nach dem Fest. Die Feiertage sind vorbei, der Alltag unter Pandemiebedingungen hat uns wieder. Die Zeit des Fischens und Arbeitens, des Weitermachens ist wieder angebrochen. Manches davon wird vergeblich sein. Immer wieder werde ich scheitern und mit leeren Händen dastehen. Gut dann, sich an dieses Seefrühstück mit seiner Gemeinschaft zu erinnern, die bis heute besteht und deren Feuer noch immer wärmt. Ostern ist übrigens nicht an ein Datum oder eine Jahreszeit gebunden. Schon gar nicht bezeichnet Ostern ein historisches Ereignis vor 2000 Jahren. Ostern ist Vergebung; Ostern ist neugeschenkte Gemeinschaft; Ostern ist die Auferstehung der Liebe. Immer.

Amen


Predigt zu Ostern

  1. Mose 14,8-14.19-23.28-30 und 15,20-21

Liebe Gemeinde,

Ostern ist mehr, als Schokohase und Ostereier. Mehr als Osterbrot und Osterfrühstück, auch wenn es schöne Traditionen sind, die wir miteinander teilen können. Ostern ist auch mehr als ein Frühlingsfest, wobei es gerade in diese wunderbare Jahreszeit fällt. Wie prächtig grünt und blüht es schon in den Gärten. Ostern ist mehr.

Das Osterfest hat eine existentielle Botschaft für uns als Menschen. Es geht um Befreiung und Erlösung von der Macht größter Bedrängnis. Es handelt von tiefstem menschlichen Leid und dem Tod. In der Osterbotschaft geht es um Leben und Tod, die Hoffnung auf Gottes Kraft in diesem Leben und darüber hinaus. Ostern ist das Hoffnungsfest der Christen. Wir feiern die Auferstehung Jesu und damit auch unsere eigene Hoffnung, dass mit dem Tod nicht einfach alles aus und vorbei ist. Wir vertrauen darauf, dass sich unsere Seele nicht auflöst im Nichts, sondern dass der Tod ein Durchgang ist hinüber in eine andere Wirklichkeit, die unser menschliches Verstehen und Begreifen übersteigt.

Nach christlichem Verständnis ist der Tod wie ein Durchgang, hinein in Gottes Fülle, den Raum seiner unendlichen Liebe.

So wie es uns der Wochenspruch aus der Offenbarung sagt:“ Christus spricht: Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Das ist der Sieg des Lebens über den Tod. Darüber jubeln wir an Ostern. Diesen Kampf an der Schwelle von Leben und Tod führt uns heute am Ostermorgen ein alttestamentlicher Predigttext vor Augen. Auch in der Schilfmeererzählung in Exodus 14 geht es um die existentielle Bedrängnis durch eine tödliche Macht, doch das Leben ist stärker. Das Volk Israel hat damals überlebt, aus höchster Todesgefahr hat Gott sie gerettet. Die vernichtende Macht der ägyptischen Streitwagen hatte die geknechteten und ausgebeuteten israelitischen Sklavenarbeiter und ihre Familien verfolgt, nachdem sie gerade erst unter Führung des Mose aus der ägyptischen Sklaverei entkommen waren. Aber der Pharao dieser Gewaltherrscher, mit staatlicher Vollmacht ausgestattet, hatte es sich schnell wieder anders überlegt. Er wollte seine billigen hebräischen Sklavenarbeiter, die aufgrund einer Hungersnot nach Ägypten gekommen waren, wieder zurückholen. Rosse, Reiter und die Streitwagen schickte er ihnen in die Wüste hinterher, in der sie geflohen waren.

Vor ihnen war nun ein unüberwindbares Meer und hinter ihnen stürmten ihre grausamen Verfolger heran. Wie durch ein Wunder schenkte Gott seinem Volk in dieser hoffnungslosen Situation das Leben, das Überleben, während die ägyptische Streitmacht in den Fluten ertrank. Das war Rettung in letzter Minute, Überleben, ohne von den Wassermassen in die Tiefe gezogen zu werden.

Diese alttestamentliche Rettungsgeschichte, wird für uns heute an Ostern, zur Symbolgeschichte für den erschütternden Kampf zwischen Leben und Tod. Im Tod kommen unsere menschlicher Erfahrungshorizont und unser Wissen an ihre Grenzen. Als Christen darf uns jedoch im Angesicht des menschlichen Sterbens, das unser aller Schicksal ist, eine große Zuversicht tragen; der Tod ist nur ein Durchgang, wenn auch manchmal kein stiller, sanfter leichter Übergang. Doch am Ende mit der Hoffnung auf Erlösung, die die Seele ans rettende Ufer bringt, hinein in den Raum der Fülle der Liebe Gottes, wo kein Schmerz mehr ist und Gott abwischen wird alle Tränen. Der Herr hat die Macht zur Befreiung und Erlösung hinein in eine andere Wirklichkeit. Das Leben siegt! Neuschöpfung und Neuanfang; also  Auferstehung.

Befreiung, der Weg in die Freiheit ist möglich, manchmal auf wundersame Weise, wie damals im Schilfmeer. Die jüdisch Glaubenden feiern es bis heute jedes Jahr am Pessahfest, das an den Auszug aus Ägypten, die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei erinnert. Die Feier und die mahnende Botschaft gehen dabei Hand in Hand.

Gott lässt das totbringende Kriegsmaterial, die Streitwagen und Waffen untergehen. Erlebte Geschichte und Glaube, sie gehören zusammen. Heilsgeschichte die immer wieder erzählt werden soll, damit die göttliche Botschaft darin nicht vergessen wird. Das geschieht am jüdischen Pessahfest und am christlichen Osterfest, die beide in die gleiche Jahreszeit fallen.

Das Leben in Gott und aus Gott ist stärker als der Tod. Darum ist Ostern mehr als eine volkstümliche Tradition. Ostern ist der Sieg des Lebens über den Tod, geschenkte Erlösung, Durchgang durch den Tod ins ewige Leben. Wie ein Tanz ins Leben bei Gott.

Tanzen wie Mirijam die zur Pauke greift, die das Geschenk ihrer Freiheit mit einem wunderbarem Freudenlied dem sogenanntem Mirijamlied singt und alle Frauen folgen ihr nach singend und tanzend. Das war ihr Dank als Antwort auf die erlösende, rettende, befreiende tat Gottes.

Amen


Predigt an Karfreitag mit Jesaja 52, 13-15; 53, 1-12

 

„Siehe, meinem Knecht wird`s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. Wie sich viele über ihn entsetzten – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder -, so wird er viele Völker in Staunen versetzen, dass auch Könige ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren.

Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und an wem ist der Arm des Ewigen offenbart? Er schoss auf vor ihm wie ein und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und keine Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.

Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt

Wir gingen alle in die Irre wie die Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber GOTT warf alle unsere Sünde auf ihn. Als er gemartert wurde, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.

Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wen aber kümmert sein Geschick? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volkes geplagt war. Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. Aber GOTT wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben, und GOTTES Plan wird durch ihn gelingen. Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben.

Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben dafür, dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünden der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.“

Liebe Gemeinde,

Karfreitag ist der Gedenktag der Hinrichtung Jesu. Für alle, die ihm in der Zeit seines Wirkens gefolgt waren, muss diese bestialisch grausame Hinrichtung  traumatisierend gewesen sein.

Alles war so schön gewesen. Sie hatten Wunderbares erlebt: Blinden waren die Augen aufgetan worden, Gelähmte in Bewegung gebracht, Armen die frohe Botschaft vom Reich Gottes verkündigt. Menschen wurden von ihren bösen Geistern erlöst. Spätestens als Jesus tief zu Esel statt hoch zu Ross in Jerusalem einzog, werden sie das Gefühl vom Anbruch einer neuen Zeit, einer besseren Zukunft gehabt haben. Hatte er nicht gesagt: das Reich Gottes ist mitten unter euch (angebrochen)?

Dann war plötzlich alles sehr schnell gegangen. Die Verhaftung nach dem Abendgebet. Verwirrt und verängstigt waren sie geflohen. Petrus hatte immerhin noch den Mut aufgebracht, den bewaffneten Schergen bis zum Palast des Prokurators zu folgen. Dort aber hatte der Mut ihn schnell verlassen, er hatte seine Jüngerschaft dreimal verleugnet.

Am nächsten Tag wurde Jesus mehrfach gefoltert, verhört, verhöhnt und entwürdigt. Schließlich wurde gekreuzigt und verstarb am Kreuz.

Das Gefühl von Aufbruch, die Hoffnung auf das Reich Gottes; alles dahin durch die grausamste Todesstrafe, die das römische Recht vorsah. Es gilt das Recht der Stärkeren, Recht haben die Schlächter. Das ist Karfreitag.

Es wird eine Weile gedauert haben, bis die Jünger*innen Trost suchten – und fanden –  in der Heiligen Schrift. Diese bestand damals aus dem, wie wir es heute nennen, Ersten bzw. Alten Testament. In Jesajas Liedern über den Gottesknecht, insbesondere im vierten, dem obenstehenden Predigttext, fanden sie einen Deutungshorizont für den Verlust ihres Rabbis. Mit dem Gesang Jesejas konnten sie sich, wenn auch nur mühsam, dem furchtbaren Leid der Kreuzigung nähern.

Im Gesang des Jesaja spricht die Stimme Gottes dem Knecht Segen zu: er wird erhöht und erhaben sein. Gegen jeden Anschein wird er Völker und Könige in Erstaunen versetzen.

Dann singt vielleicht ein Chor wie in der griechischen Tragödie von der Missgestalt, den Schmerzen, der Krankheit, auch von der Verachtung, der ein solchermaßen geschundener Mensch ausgesetzt sein kann. Es geht, ähnlich wie im Buch Hiob, um das Leid des Gerechten.

Es geht, im Angesicht des Leidens um die Frage, ob dieses Leiden in jedem Fall gedeutet werden kann als Gottes Antwort auf Sünden, Missetaten und Verfehlungen, oder ob Gottes Blick darauf nicht ein ganz anderer sein kann oder ist. „ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an“(1. Samuel, 16,7). Wenn Sünde („wir gingen in die Irre“), Missetaten und Verfehlungen wie Eigennutz („jeder sah auf seinen Weg“) in der Welt sind, lösen sie sich nicht einfach auf. Sie haben ihre Folgen. Wenn nicht beim Verursacher, dann anderswo, beim unschuldig Leidenden. Der Chor folgert aus diesem Wissen eine eigene Schuldbeteiligung und zeigt sich bereit, Verantwortung zu übernehmen. So tut es auch die berühmte Ich-Stimme im Passionschoral vom Paul Gerhardt: “Nun was du Herr geduldet, ist alles meine Last; ich hab` es selbst verschuldet, was du getragen hast…“ (EG 85,4).

Am Ende des Liedes vom Gottesknecht erklingt noch einmal die Stimme Gottes, die den Segen auf seinem Knecht bekräftigt.

Wir können dieses alte profetische Wort nicht einfach gleichsetzen mit dem Leiden und Sterben Jesu, auch wenn dies oft unternommen worden ist. Wir dürfen aber für uns und alle, die uns am Herzen liegen heraushören: Gottes Blick auf Geschehenes, zu damaliger Zeit wie auch heute, kann ein ganz anderer sein als der, den wir erkennen. Dass Gott Segen erkennt, wo Menschen nur Unheil und Katastrophe sehen können, mag uns heute Trost sein wie den Jünger*innen damals. Für Karfreitag sei dies erstmal Ostern genug.

Amen

 


Predigt zum Sonntag Judika, d. 5. Der Passionszeit, mit Hiob 19,19-27

Liebe Gemeinde,

Da hat sich Gott auf eine Wette eingelassen mit dem Satan. Dieser hatte geargwöhnt, Hiob sei nur fromm, weil es ihm gutginge. Verlöre er Wohlstand, Kinder und Gesundheit, würde er sich von Gott abwenden. Gott hat sich auf das böse Experiment eingelassen, Hiob wurde alles genommen…

Was für ein armer Kerl! Nichts ist ihm geblieben. Seine Kinder: erschlagen, als im Sturm das Dach auf sie fiel. Sein Wohlstand, sein Besitz an Vieh und Lasttieren: zerstreut in alle Winde. Von seiner Frau hat er auch lange nichts mehr gehört. Und dann auch noch diese Geschwüre am ganzen Körper! Sie verursachen Schmerzen und Juckreitz. So sitzt Hiob in den Trümmern seines Hauses und schabt seine Geschwüre mit einer Tonscherbe. Ein Bild des Jammers! Und dann sind da noch seine Freunde Elifas, Bildad und Zofar. Sie sind eigentlich gekommen, um ihn zu trösten. Doch für die drei steht fest, dass es in der Welt gerecht zugeht und Gott nicht falsch handeln kann. Mit anderen Worten: Hiob müsse gesündigt haben, anders sei nicht zu erklären, dass es ihm so geht, wie es ihm jetzt geht. Dies müsse Hiob einsehen und seine Verfehlung bekennen und bereuen, dann würde Gott sein Schicksal wenden. Denn gut geht es dem Menschen, der fromm und gut lebt und handelt, wohingegen schlechtes und gottloses Tun Unheil nach sich zieht. Hiob hält dagegen: sein Geschick ist der Gegenbeweis, er ist vielleicht nicht ohne Fehl, aber ganz bestimmt hat er nichts getan, um das Unheil, das über ihn gekommen ist, „verdient“ zu haben. Gott tut ihm Unrecht. Und seine Freunde erschlagen ihn mit ihren Rat-Schlägen, so gut die auch immer gemeint sein mögen. Theologisch-figurative „Richtigkeiten“ sind das Letzte, was Hiob jetzt braucht. Was jetzt helfen würde, wäre Mitgefühl der Freunde in seinem Leid und seinem Ringen mit Gott.

Hiob sieht Gott als Verursacher seines Leids, klagt ihn an als den (im rechtlichen Sinne) Schuldigen. Er will mit Gott rechten, aber auch mit ihm rechnen: „ich weiss, dass mein Löser lebt…“ Ein Löser, das ist jemand, meist ein Verwandter, der wie ein Anwalt aus Bedrängnissen hilft, etwa aus Schuldsklaverei freikauft oder verschuldete Ländereien auslöst. Für Hiob soll dies Gott sein, er will Gott nicht davonkommen lassen. Mit diesem Bekenntnis kann er im Leid Vorbild sein, das ist meine persönliche Erfahrung. Damit bin ich durch meine Krebserkrankung gegangen. Allerdings war es für mich so, dass nur ich mir das sagen konnte, etwa als Meditationswort in der Strahlentherapie oder in ähnlichen Situationen. „Ich weiss, dass mein Löser lebt“, das hatte sich für mich spürbar konkretisiert in der Liebe derer, die mich in jener Zeit begleiteten, auch mit guten Wünschen, Wertschätzungen Hoffnungen, Gebeten… Es hätte allerdings nichts genützt, wenn jemand von außen versucht hätte, es an mich deutend heranzutragen. „ich weiss, dass mein Löser lebt“ funktioniert. „Ich weiss, dass dein Löser lebt“ funktioniert in den seltensten Fällen, denn es ist eine Zusage, die für von Leid Betroffene nicht nachvollziehbar ist. Im Buch Hiob wird eindringlich beschrieben, dass theologische Erklärungen seines Leidens durch Andere, so gut sie auch immer gemeint gewesen sein mögen, Hiob nicht geholfen, ihn eher noch verstört und verletzt haben.

Ich denke, das ist bis Heute so. In Zeiten von Krankheit, Trauer und Verlust nützen Menschen in unmittelbarer Betroffenheit keine bekenntnishaften Erklärungen, auch kein vermeintlicher Trost, etwa durch Verweis auf das Leiden Christi oder die Auferstehungshoffnung. Das alles wird von Leidbetroffenen eher als leere Worthülse gehört und trägt nicht, wenn es darum geht, im Hier und Jetzt, in Situationen von Rat-und Mutlosigkeit Weiterleben und Hoffen zu ermöglichen. Besonders dann nicht, wenn sich, wie im Fall Hiob, die Menschen aus dem Umfeld abgewandt haben, weil sie das Leid nicht ertragen konnten.

Hiob gewinnt Hoffnung durch sein Ringen mit Gott, durch sein eindringliches an Gott festhalten, Gott nicht davonkommen lassen Wollen. Und er bekommt schliesslich auch noch Recht: Gott wendet sich ihm zu und spricht mit ihm. Es wird ein Gespräch, das Hiob ein Erkennen, Sehen und Wissen schenkt, das nicht im logischen, sondern im existentiellen Bereich erfolgt und darum trägt. Gott selbst bringt als Löser Hiobs Leben wieder in Ordnung. Nicht immer geht es so schön aus im Leben. Trotzdem ist mir das Buch Hiob eine Ermutigung geworden, Menschen in ihrem Ringen mit Gott, in ihrem Leiden und ihrem Recht zu klagen, zu begleiten und ihnen zuzuhören. Und auch andersherum: mir Menschen zu suchen, die mir zuhören und mich in meinem Ringen mit Gott begleiten, wenn ich das brauche. „Ich weiss, dass mein (Er-)Löser lebt“- das trägt mich durch die Passionszeit.

Amen

 


Predigt zu Johannes 12, 20-24

 

Abschlussgottesdienst zur Prädikantenausbildung von Frau Silke Hars, Sonntag Lätare den 14.03.21

Ihr Lieben,

Die Menschen strömen nach Jerusalem, um das jährliche Passahfest zu feiern, eines der jüdischen Hauptfeste. Viele Juden kommen zur Zeit Jesu jedes Jahr nach Jerusalem, denn dort musste man zum Passahfest ein Lamm opfern. In diesem Zusammenhang kamen auch viele Menschen nach Jerusalem, die zwar keine Juden waren, aber von der jüdischen Religion mit ihrem Ein-Gott-Glauben fasziniert waren und die deshalb im Tempel beten wollten. Unter anderen sind auch Griechen zum Passafest nach Jerusalem gereist und wollen  Jesus sehen. Vielleicht waren auch einige von ihnen beruflich nach Judäa gekommen. Es gab Griechen die auf den jüdischen Glauben aufmerksam geworden sind , weil sie seit geraumer Zeit mit Einheimischen zusammen wohnen. Heidnische Griechen die offensichtlich Sympathie für den jüdischen Glauben entwickelt haben. Solche Menschen wurden damals auch Gottesfürchtige genannt, Menschen die mit dem jüdischen Glauben sympathisierten, aber selbst keine Juden werden konnten.

Der jüdische Glaube übte in der Antike auf die Menschen wohl eine große Faszination aus, ein einziger Gott den man nicht sehen konnte und keine Göttergeschichten, in dem sich Götter wie Menschen benahmen. Kein Zeus der sich verliebt  verwandelt um die wunderbare Europa zu entführen. Der jüdische Gott führt sein Volk aus dem Sklavenhaus Ägypten in die Freiheit, das beeindruckte die Menschen! Jetzt wollen  Griechen, Jesus sehen, sie wollen ihn kennenlernen, alles von ihm wissen.“ Wir wollen Jesus sehen.“ Sie sind wissbegierig und wollen etwas dazu lernen. Das wird wohl eine Stärke von ihnen gewesen sein. Ich denke gerade an“ den Satz des Pythagoras“. Pythagoras gilt als Begründer der Zahlentheorie, den Satz des Pythagoras habe ich noch in der Schule gelernt. Das der Satz des Pythagoras heute noch gelehrt wird, verdanken wir ihrem Forschergeist. Was wären wir heute ohne Sokrates, ohne Akropolis und Olympische Spiele? Die Griechen gehen den Dingen auf den Grund.

 Da fordern die Griechen aus dem heutigen Predigttext,  das ist unsere kleine Szene, dass sie Jesus sehen wollen. Sie wenden sich an Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, ein Jünger Jesu, dessen Name eine griechische  Herkunft vermuten lässt. Gemeinsam mit Andreas läuft er zu Jesus um sich mit ihm zu beraten. Nun hatte die griechische Pilgergruppe  nochmal Zeit um alles Revue passieren zu lassen, warum sie Jesus denn nun sehen wollten. Es wird erzählt, dass er vor kurzem den Lazarus auferweckt hat. Einen Toten auferwecken, das ist doch spannend. Ein Mann der mit viel Applaus in Jerusalem eingezogen war, da will man doch mal schauen was das für ein Mann ist. Jubelten die Menschen dazu Recht? Dem möchten die Griechen auf dem Grund gehen, sich vergewissern, wer dieser Jesus ist. Nun haben sie es  geschafft und stehen vor Jesus, der hat aber sehr schwere Kost für sie parat: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Sätze Jesu die Griechen erstmal so richtig zum Nachdenken gebracht haben.

Wofür steht das Weizenkorn? Wer oder was ist die Frucht? Was heißt das für mich heute? Kann es sein, dass das Bild vom Weizenkorn noch immer gilt? Es muss erst etwas vergehen um erneuert, um noch großartiger wiederzukehren. Das Ende von etwas zugleich auch der Anfang von etwas Neuem ist. Nach einem Niedergang folgt der Aufstieg, nach vielen Tränen kommt das Lachen, so sagt man ja immer.

Jesus spricht von sich selbst, er ist das Weizenkorn was gesät wird. Wie ein Weizenkorn wird auch er begraben werden, nicht mehr sichtbar für uns Menschen sein, verborgen sein und doch wird sich im Verborgenen etwas ereignen, was keimt, etwas was wächst bis es schließlich viel Frucht bringt.Jesus deutet sein Sterben und Auferstehen in einem Bild aus Natur und Landwirtschaft.  Aus dem Samen wächst die Frucht.  Die Frucht selber gibt Samen frei, um viel Frucht zu bringen. Sterben, um zu leben. Sterben, um Leben werden zu lassen. Jesus will den Namen des Vaters verherrlichen und geht deshalb seinen Leidensweg, bis ans Ende. Es ist ein Sterben in die Auferstehung hinein. Wir müssen damit klarkommen, dass dahinter eine blutige Hinrichtung steht.

 Der Sonntag Lätare ist in der Passionszeit eine kleine Insel der Hoffnung. Er gilt auch als das kleine Ostern, das die Dunkelheit vertreiben will. Wir dürfen den Blick schon über Kreuz und Golgatha hinausrichten auf die Auferstehung Jesu.

Wir wissen doch, dass aus der Erde neues Leben keimen wird, auch wenn das Weizenkorn scheinbar zum Sterben in die dunkle Erde gesteckt wird und wir von dem Weizenkorn nichts mehr wahrnehmen. In jedem Ende liegt bereits die Hoffnung auf einen Neuanfang. Auch wenn das Ende schmerzen kann.

In den letzten Monaten und auch jetzt noch erstirbt auch so vieles bei mir. Dinge , Gewohnheiten die mein Leben bestimmen.

Meine Kirchensonntage

Mein Kaffee mit Freunden

Meine regelmäßigen Termine

Kein Blumenkauf

Keine herzliche Umarmung

Vom Urlaub möchte ich gar nicht mehr reden. Es stirbt so viel und das tut in der Seele weh

Es stirbt aber auch so mancher Stress. Meinen Kalender hatte ich das letzte Mal länger in der Hand als ich die Termine gestrichen habe und so viele Neue sind noch gar nicht dazu gekommen. Ein paar die Feststehen, merke ich mir so.

Andere Dinge entstehen durch den Wegfall des Alten, es ist Platz für Neues da. Andere Dinge blühen auf. Neue Ideen, noch am Schlummern, liegen sie im Verborgenen nun kommen sie ans Licht. Wachsen und gedeihen, wie so manches zarte Pflänzchen was aus der Erde keimt.

Ein Netzwerk aus helfenden Händen spannt sich durch die Dörfer. Neue Verbindungen werden geknüpft zwischen Vereinen und Gruppen. Es entstehen neue Wege um sich zu sehen, um sich zu hören und voneinander zu erzählen.

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und es erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Ich wünsche mir, dass Gott seinen Segen über uns gießt, damit aus den neuen Ideen und den zarten Pflänzchen eine bunte Wiese wird. Keine die immer gestutzt wird und niedrig gehalten wird, sondern eine, die wachsen darf.

Mit vielen Blumen, zur Freude Gottes und zum Nutzen aller.

Amen

 


Predigt zu Okuli, d. 3.Sonntag der Passionszeit

Mit dem Brief an die Epheser, Kapitel 5, Verse 1-9

 

Seid also solche, die Gott als geliebte Kinder nachahmen, und lebt in Liebe, wie auch der Christus uns geliebt hat und sich selbst für uns gegeben hat als Gabe und Opfer für Gott zum angenehmen Opferduft.

Sexuelle Verletzung aber und jede Unreinheit oder Geldgier soll bei euch keinen Namen haben, so wie es Heiligen entspricht, noch üble Nachrede, leichtfertige Worte oder Stichelei. Das alles gehört sich nicht, sondern vielmehr Dankbarkeit. Denn dies sollt ihr wissen, dass keine Person, die sexuell verletzend, unrein oder geldgierig – das bedeutet Götzendienst – ist, ein Erbteil  im Reich des Gesalbten und Gottes hat. Niemand betrüge euch mit leeren Worten. Denn deswegen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. Also macht euch nicht mit ihnen gemein.

Einst nämlich wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht bei dem, der über uns Herr ist. Lebt als Kinder des Lichts. Denn die Frucht des Lichts besteht in lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit“.

Liebe Gemeinde,

ein Schüler oder eine Schülerin des Paulus schreibt in dessen Namen nach Ephesus. Und er, bzw. sie traut den Angeschriebenen Großes zu: sie werden angesprochen als geliebte Kinder und Nachahmer*innen Gottes, auch als Kinder des Lichts. „Nachahmer*innen Gottes“, das klingt für mich nach großartiger Kreativität und allumfassender Liebe. Und unter „Kinder des Lichts“ stelle ich mir sehr besondere Menschen, gewissermaßen „Lichtgestalten“ vor, die in die Welt leuchten und strahlen… so dass sich in mir der Zweifel regt, der da fragt: geht es nicht vielleicht auch eine Nummer kleiner? Bzw.: ist so sein zu sollen nicht eine riesige Überforderung, der dauerhaft niemand gewachsen ist? Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die ersten Mitglieder der von Paulus gegründeten Gemeinden so anders, so viel heiliger gewesen sein sollten als heutige Christ*innen. Wäre es anders, hätte niemand den Epheserbrief schreiben müssen. Offenbar brauchten die Heiligen in Ephesus Orientierung. Was also macht ihre Lichtgestaltenhaftigkeit aus, bzw. was macht diese Menschen zu „Kindern des Lichts“?

Damals lebten die Menschen in einer Gesellschaft, die sehr streng geordnet und gegliedert war nach Rängen, Ständen, Ethnien und Geschlechtern. Man war sehr festgelegt auf die gesellschaftliche Rolle, die man meistens schon von Geburt an innehatte. Wenn damals jemand zu einer Versammlung oder einem Gottesdienst hinzukam, konnte er oder sie Erfahrungen machen, die das eigene Leben in ein ganz neues Licht stellten. Kirchen gab es noch nicht, man traf sich in Privathäusern. Hier galten die Normen und Gepflogenheiten des öffentlichen Lebens nicht: hier trafen sich Frauen und Männer, Freie und Sklaven, Wohlhabende und Arme, Menschen jüdischer, griechischer, römischer und anderer Herkunft auf Augenhöhe. In den Häusern saßen sie im Namen Jesu an einem Tisch. Sie aßen, tranken und feierten Gottesdienst miteinander. Es gab Sammlungen für Notleidende und Bedürftige. Ohne Ansehen von Herkunft, gesellschaftlicher Stellung, Religion oder Geschlecht wurde theologisch, politisch und gesellschaftlich-kulturell diskutiert. Die Menschen nahmen einander wahr, erwiesen einander eine vorher so nicht gekannte Achtung und Wertschätzung. Das war ein erhebendes Befreiungserlebnis. In religiöser Sprache ausgedrückt: jede(r) Einzelne konnte sich als geliebtes Kind Gottes erfahren. Eine Erfahrung im scharfen Kontrast zum Alltagsleben in der Öffentlichkeit. Aber eine so weitreichende, dass Menschen von einem neuen Leben sprechen konnten. Paulus spricht in diesem Zusammenhang vom Sein-in-Christus, der Epheserbrief von Kindern des Lichts, wieder andere von Auferstehung mitten im Leben.

Dieses (neue) Selbstverständnis und diese Formen des zwischenmenschlichen Miteinanders folgten dem Vorbild Jesu. Er hatte vorgelebt, wie soziale, religiöse, ideologische, ethnische und geschlechterspezifische Grenzen überschritten werden und Menschen als geliebte Kinder Gottes wahrgenommen werden können.

Der Autor des Epheserbriefes erinnert seine Leser*innen daran. In dem sie sich an den zwischenmenschlichen Umgangsformen orientieren, die ihre Gemeinschaft von Anfang an ausgezeichnet haben und an ihnen festhalten, können sie immer wieder Kinder des Lichts werden. Seine Botschaft erreicht uns aber auch heute, denn sie ist noch immer gültig.

Grenzen können überwunden werden. Es gibt Erlebnisse, die mir Mut machen. So habe ich als junger Mensch mit einer Reisegruppe unsere Partnergemeinden in zwei Vororten von Paris besucht. Dort haben wir Gottesdienst in einer Lagerhalle gefeiert, auf Klappstühlen, mit einem Tapeziertisch als Altar und

einer elektrischen Orgel auf Rollen. Mich hat das damals tief beeindruckt und bewegt: 34 Jahre nach dem Krieg zu erfahren, dass der Glaube Grenzen überwindet, nicht nur nationale.

Lebhaftes, anteilnehmendes Interesse am Anderen kann religiöse und kulturelle Grenzen überwinden. Das durfte ich erleben auf einer Reise nach Budapest zum Besuch und Austausch in Jüdischen Gemeinden, aber auch in der Flüchtlingshilfe hier vor Ort.

 Musik und Kunst überwinden Grenzen, wo Sprache nicht weiterkommt.

Die Botschaft des Epheserbriefes gilt.

Es ist die Einladung an Alle, die sich Jesus Christus verbunden fühlen, von Menschen gesetzte Grenzen immer wieder zu hinterfragen und gegebenenfalls zu überwinden. Auch heute und auch in unserer Gesellschaft gibt viele Grenzen, mit denen wir uns nicht abfinden sollten. Sie können überwunden werden. Das hat schon einer vorgemacht.

Amen

 


Predigt zu Jesaja 5, 1-7, am Sonntag den 28.02.21

Reminiszere

Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg

1 Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. 3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? 5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. 6 Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. 7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Liebe Gemeinde,

es ist Abend  in den Straßen, als plötzlich Gitarrenklänge erklingen und ein eigenartiger Gesang. Es ist der Prophet Jesaja, einsam auf der Treppe, die hinaufführt zum Tempel. Die Menschen kommen vorbei und schauen ihn flüchtig an. Einige lauschen den Klängen nach, was sind das für bittere Lieder, die Jesaja da singt.“ Ein üppiger Weinstock waren sie, voll reicher Frucht.“ Weinberg Gottes. Je reicher die Menschen umso großzügiger die Spenden. Doch nur mit halbem Herzen sind sie bei Gott. Mit Gold und Silber wollen sie ihr Heil kaufen. Sie wollen sich rein waschen mit Geld aus schmutzigen Geschäften. Jesaja malt ein Bild der völligen Zerstörung.

Der Entschluss Gottes steht fest, kein Ruf zur Umkehr. Das Urteil ist gefallen: Wo Habgier und Unrecht sich breitgemacht haben, wo allein die eigene Bequemlichkeit, der eigene Genuss zählen, während andere unter erbärmlichen Bedingungen schuften und hungern. Wer sich bereichert auf Kosten anderer, wer seinen nächsten nicht liebt, liebt auch Gott nicht. Wo mit Fake – News gearbeitet wird um die eigenen Machtinteressen auszudrücken, da ist kein Platz für Gott.

Im Kongo zum Beispiel werden Kinder in den Kobaldminen  zur Arbeit eingesetzt. Für zwei Dollar pro Tag schuften dort schon Siebenjährige. Diese Kinder ziehen sich bleibende Lungenschäden zu. In meinem Smartphone oder auf diesem Laptop, auf dem ich diese Predigt geschrieben habe, ist ebenfalls Kobald verbaut.

So viel hat Gott in seinen Weinberg, sein Volk investiert. Gott hat auch mir viel geschenkt und anvertraut. Aber was er erntet, „ ist sauer und schlecht.“ Der Predigttext konfrontiert uns mit einem Gerichtswort und mit einem Gott der traurig und gekränkt ist, wie ein enttäuschter Liebhaber. Ich kann es drehen und wenden wie ich will, das Lied vom Weinberg bleibt was es ist, eine Gerichtsbotschaft. Es geschieht was nicht geschehen sollte, der Weinberg bringt keine Frucht. Das Volk, das mit seinem Gott einen Bund geschlossen hatte ist ausgebrochen, was nun? Ist nun alles aus? Keine Hoffnung? In einer Gerichtsbotschaft ist im Ersten Testament oft die Hoffnungsbotschaft enthalten- Israel bleibt ja Gottes Weinberg. Eines Tages wird Gott das Blatt wieder wenden, eines Tages wird er selbst den Bund wieder aufrichten.

Gott wird etwas tun, kündigt Jesaja an. Gott wird nicht länger zuschauen, wie die Starken die Schwachen ausbeuten. Er wird eingreifen und dem Recht wieder Geltung verschaffen. Für die Opfer von Unrecht und Unterdrückung ist die Ankündigung, dass Gott eingreifen wird, eine gute Nachricht. Aber auch für die Täter kann ein Gerichtswort schließlich zum Heilswort werden. Dann, wenn es Reue hervorruft. Den Wunsch, umzukehren. Es ist ein Beziehungsgeschehen  Gottes Gnade und sein Gericht.

Und dann kommen Menschen zu ihrem Recht. Dann gelingt es, dass wir aufeinander achten und es gerecht unter uns zugeht. Menschen hören, dass es sich lohnt zu lieben, so wie wir geliebt werden. Menschen hören, dass es sich lohnt zu vertrauen, weil Gott unser Vertrauen nicht enttäuscht. Darauf dürfen wir vertrauen, Herr, gedenke an deine Barmherzigkeit!

Amen

Bleiben sie gesund und behütet Ihre Silke Hars


Predigt zu Invocavit, dem 1. Sonntag der Passionszeit, mit

Johannes 13, 21- 30

Als Jesus dies gesagt hatte, war er innerlich aufgewühlt und bezeugte und sagte: Amen, amen, ich sage euch: Jemand von euch wird mich ausliefern. Die Jüngerinnen und Jünger blickten einander an und wussten nicht, von wem er redete. Einer von ihnen lag am Schoß Jesu, ihn liebte Jesus. Diesem nickte Simon Petrus zu, damit er Jesus frage, von wem er spreche. Jener lehnte sich also zurück an Jesu Brust und fragte ihn: Rabbi, wer ist es? Jesus antwortete: Es ist der, für den ich das Stück Brot eintunken und ihm geben werde. Er nahm also das Stück Brot, tunkte es ein und gab es Judas, dem Sohn von Simon Iskariot. Und dann, nach dem Stück Brot, ging der Satan in ihn ein. Also sagte Jesus zu ihm: was du machen willst, das mache schnell! Es verstand aber niemand von denen, die zu Tisch lagen, weshalb er ihm dies sagte. Einige meinten, dass Jesus, weil Judas die Kasse führte, ihm sagen würde: Kaufe ein, was wir für das Fest brauchen! Oder dass er den Armen etwas geben sollte. Nachdem Judas das Stück Brot bekommen hatte, ging er sofort hinaus.

Und es war Nacht.

Liebe Gemeinde,

und es war Nacht. Jetzt wird es dramatisch. Jetzt nimmt die Passion ihren Lauf. Und es war Nacht. Judas hat die Tischgemeinschaft um Jesus verlassen. Er, ein Jünger der ersten Stunden, ist hinausgeeilt. „Was du machen willst, das mache schnell!“ hatte Jesus zu ihm gesagt. Zeit, zu handeln, nun ging es ums Ganze. Von Anfang an war er dem nachgefolgt, der von sich gesagt hatte: „ich bin das Licht der Welt…“, er hatte sich als Kassenwart und Organisator der Jesusbewegung immer engagiert für die Armen und Unterdrückten eingesetzt.

Nun stand er draussen. Und es war Nacht.

Dieser Judas Iskariot ist eine schillernde Figur. In der Lutherbibel ist unser Predigtabschnitt überschrieben mit „Jesus und der Verräter“, bzw. in der neuesten Auflage mit „Jesus, der Lieblingsjünger und der Verräter“. Judas gilt als Verräter, als der schlechthin Böse. Das ist im Neuen Testament bereits angelegt. Im ältesten Evangelium, Markus, wird nur kurz erwähnt, dass er dem Zwölferkreis angehörte, und dass die Hohepriester und Schriftgelehrten ihm Geld boten für den Verrat. Matthäus weiss dann schon, dass es dreissig  Silberstücke waren. Ging es Judas um Geld? Bei Lukas ist bereits zu lesen, dass der Satan in Judas gefahren sei, sowie später dann auch bei Johannes. Judas, der Geldgierige, Judas, der Verräter, Judas, der vom Satan besessene. Eine Chronologie der Dämonisierung, die bis heute anhält: bis heute darf in Deutschland kein Kind den Namen Judas erhalten.

Kirchenvater Augustin (354-430) sorgte für eine unheilvolle Wirkungsgeschichte durch seine Charakterisierung dieses Jüngers Jesu als Repräsentanten der Juden, die als Feinde Christi bezeichnet werden. Nach Augustinus hat sich das Böse in den Juden vererbt und lebt bis heute fort.

Sollte dies alles so zu verstehen sein, dass der Christus ohne die Tat des Judas nicht gekreuzigt worden wäre? Das wäre theologisch kaum zu unterschreiben. Immerhin hat Jesus kurz vor unserem Predigttext darauf hingewiesen, dass die Schrift erfüllt werden müsste (13,18: „die mein Brot aßen, holen jetzt zum Schlag gegen mich aus“, Ps. 41,10). Im Übrigen: durch die Aktion im Tempel hatte Jesus sich die gesamte Tempelbehörde zu Feinden gemacht. Die allerdings sind überwiegend  namenlos, im Gegensatz zu Judas. Brauchen wir einen Schuldigen, den wir beim Namen nennen können? Oder eine tragische Figur, einen, der das Seinige dazu tat, damit „die Schrift erfüllt“ würde?

Viele, zum Beispiel die Schriftstellerin Sue Monk Kidd meinen, dass der Name Iskariot darauf hinweisen könnte, dass Judas zu den Sikariern gehörte, einer hoch gewaltbereiten Gruppe von Widerstandskämpfern, die Attentate mit Dolchen gegen die römische Besatzungsmacht verübte. Dann hätte Judas die große Begeisterung beim Einzug in Jerusalem erlebt. Davon inspiriert hätte er gehofft, dass Jesus sich als „König der Juden“ an die Spitze des gewaltsamen Widerstandes setzen ließe, um dann das Reich Gottes zu errichten. Dann wäre sein Verrat der Versuch, Jesus in diese Rolle quasi hinein zu zwingen. Vielleicht musste er Schmerzhaft zu der Erkenntnis kommen, dass das Böse in der Welt nicht mit Waffengewalt  besiegt, und Gottes Reich des Friedens und der Gerechtigkeit nicht mit Waffengewalt erzwungen werden kann. Vielleicht war seine Tat auch Ausdruck von Enttäuschung.

Wir wissen es nicht. Alles, was wir sehen, ist ein Judas, der hinausgeeilt ist. Und es ist Nacht. Er ist einer von den Zwölfen, in deren Nachfolge wir durch die Jahrhunderte stehen. So gesehen schauen wir auf ihn wie in einen Spiegel. Und er könnte zurückschauen und fragen: bin ich nicht auch einer von euch? Oder ist bei euch alles klar und gerade, wisst ihr immer, wo es lang geht? Ich würde gern mit ihm durch die Nacht gehen, einen Ort zum Beten und zum Reden finden, und später vielleicht eine Taverne, die noch auf hat. Wir hätten viele Themen, ich und Bruder Judas. Die Nacht würde lang.     Amen

 


Predigtgedanken zu Jesaja 58,1-9 am Sonntag Estomihi

Falsches und rechtes Fasten

581Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei.3»Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?«Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat?6Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebundhast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!8Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. 9Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Liebe Gemeinde,

da hat Jesaja mal so richtig Dampf abgelassen und den Glaubensgeschwistern den Kopf gewaschen. Wie kann man auch davon ausgehen, dass wenn man einen Tag auf Speise und Trank verzichtet, damit Gottes Wohlgefallen  wieder erlangt. Was ist wenn die äußeren Rituale der Buße überhaupt nicht der inneren Haltung entsprechen. Wenn man weiterhin die Lohnarbeiter geplagt und misshandelt werden und den Armen herzlos das Brot vorenthalten. Solche Scheinheiligkeiten durchschaut Gott, sagt Jesaja.

Wie sieht das heute aus? Wie viele Menschen gehen sonntags in die Kirche und sind hinterher genauso unberührt, unbewegt wie vorher. Wie viele selbsternannte Christen sind häufig liebloser und unfreundlicher als so mancher anderer Zeitgenosse! Fasten aus Wellnessgründen, Gottesdienstbesucher aus einer rituellen Gewohnheit heraus An solchen Frömmigkeiten die mit Berechnung geschehen und nicht von Herzen kommen,  findet Gott keinen Gefallen, sagt Jesaja: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Wenn ich mal länger darüber nachdenke, würden mir Menschen einfallen aus der Nähe und Ferne, Menschen aus Vergangenheit und Gegenwart denen Jesajas Worte auch gut tun würden. Doch schon  bei dem Gedanken spüre ich, dass ich vorsichtig sein muß . Er könnte sonst wie ein Bumerang sein, der auf mich zurück fällt. Ich denke gerade an die Worte aus dem Matthäus Evangelium im 7 Kapitel, da heißt es: „Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge.“

Jesaja klagt an: Ihr streitet und zankt, schlagt mit Fäusten, so eine Faust muss nicht immer aus Fleisch und Blut bestehen. Worte können manchmal mehr verletzen. Gib frei, die du bedrückst, denen du das Joch aufgelegt hast, reiß jedes Joch weg. Können wir uns Jesajas Anklage entziehen? Legen wir unseren Mitmenschen  nicht auch immer wieder Joche auf?  In der Familie, im Verein, am Arbeitsplatz. Psychodruck in der Familie, die Belastungen der immer selben Menschen in den Vereinen, bis hin zu den Billiglohn Arbeitsplätzen , der zeitgemäßen, unserer Form, moderner Sklaverei. Wir sind nicht anderes als,die Menschen zur Zeit des Jesaja. Ich bin herausgefordert, mein tägliches Handeln zu überprüfen. Dabei wird es immer schwieriger diese komplizierte Welt zu durchschauen, um dann die richtige Entscheidung zu treffen. Mit Gott an meiner Seite, von ihm ermutigt, das Richtige zu tun – auch wenn es für andere manchmal absurd erscheint, weil es sich vielleicht nicht lohnt. Es ist ein gutes Gefühl und immer den Versuch wert Gottes Weg der Gerechtigkeit zu gehen. Auf diesem Weg könnte mir Jemand begegnen, der beschlossen hat, in der Fastenzeit ganz bewusst Schokolade zu essen. Und zwar nur solche aus fairem Handel, der den Kakaobauern in Südamerika ein gutes Auskommen ermöglicht.
Auf diesem Weg kann ich den Mann treffen, der sich entschieden hat seinen Vereinskameraden nicht mehr allein arbeiten zu lassen, sondern mit anzupacken. Ich kann auf eine Familie treffen, die gemeinsam etwas unternimmt  und nicht aus Frust schlägt und misshandelt.

Wir können anfangen aus Liebe zu unseren Mitmenschen auch mal auf unseren eigenen Vorteil zu verzichten. Joche können wir zerbrechen und den Bedürftigen das geben was sie brauchen. Jesaja hat uns gesagt, Jesus hat uns gezeigt: Gott traut uns das zu. Amen

 

Bleiben sie gesund und behütet

ihre&eure

Silke Hars


Predigt zum Sonntag Sexagesimae mit Lukas 8, 3-15

Liebe Gemeinde,

viele Menschen sind ans Ufer gekommen um Jesus zu hören. So Viele sind es, erzählt Lukas, dass Jesus ein Boot besteigen muss, um gehört und gesehen zu werden. Er erzählt ein Gleichnis: Jemand ging hinaus, die Saat zu säen. Beim Säen fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel des Himmels pickten es auf. Anderes fiel auf felsigen Boden und verdorrte, sobald es aufging, da es keine Feuchtigkeit fand. Wieder anderes fiel mitten unter Dorngestrüpp, und da dieses wuchs, wurde es erstickt. Ein anderer Teil fiel auf gute Erde und brachte hundertfältige Frucht. Er sagte es und rief: „wer Ohren hat zu hören, höre!“

Dieses Bild möchte ich mir erstmal ansehen. Ich möchte verstehen können, was ich „hören“ soll. Ich höre: bei der Aussaat gibt es Misserfolge, zuweilen mit positiven Nebeneffekten (wenigstens die Vögel werden satt- und später werden auch sie wieder aussäen). Schliesslich dann der Erfolg: hundertfältige Frucht, überreichliche, sagenhafte Ernte!

Wer arbeitet so? Versierte Landwirt*innen sicher nicht, die würden das mühsam über den Winter gerettete Korn nicht so verschwenden. Aber Lehrer*innen, zumindest gute. Die tun das jeden Tag, und der Mann dort im Boot, der die Saat des Reiches Gottes über das Wasser aussät, ist ja tatsächlich auch ein Lehrer. Lehrer*innen haben Erfolge und Misserfolge. Trotzdem werfen sie im Unterricht ihre Saat reichlich aus, denn sie wissen: jedes Körnchen bedeutet eine Chance. Und sie wissen nicht, was aus den jungen Leuten vor ihnen schlussendlich einmal wird. Deswegen wäre es auch nicht in Ordnung, die Schüler*innen einer Klasse – oder die Bewohner*innen einer Kirchengemeinde- nach den Kategorien des Gleichnisses (Weg, Fels, Dornen, guter Boden) einzuordnen und abzustempeln. Es geht um Erfolge und Misserfolge, die zum guten Teil gar nicht kalkulierbar sind. Denn manchmal fällt die Ernte gerade dort am reichsten aus, wo wir es am allerwenigsten vermutet hätten. So manche/r Konfirmand*in, die/der mich im Unterricht reichlich Nerven gekostet hat, hat mich auf der Konferfahrt oder im Abenteuerlager Dänemark sehr positiv überrascht. Ich denke auch an eine Kfz-Klasse in meinen ersten Jahren als Berufsschulpastor, mit der ich mich sehr schwer getan habe. Ich hatte oft das Gefühl, aufzulaufen, diese jungen Leute nicht zu erreichen. Als das Halbjahr vorüber war, gab es neue Stundenpläne, und ich war dankbar, dass ich diese Klasse nicht weiter im Religionsgespräch haben würde… Zum neuen Schuljahr fand ich dann ebendiese Klasse wiederum auf meinem Plan. Mit einem Gefühl von Bauchschmerzen betrat ich den Klassenraum. Ich wurde mit freundlichem Applaus begrüßt! Etwas musste geschehen, eine Saat aufgegangen sein, die ich völlig falsch eingeschätzt hatte. Ein schönes Erlebnis, ich habe damals an das Gleichnis vom vierfachen Acker denken müssen.

Nun könnte man mit Recht einwenden, dass der Text nicht mit dem bloßen Gleichnis endet. Schon der Evangelist Markus hat ihm eine Deutung angefügt, die Matthäus und Lukas übernommen haben.

Da heißt es bei Lukas: „Seine Jünger*innen (in den Versen 1-3 ist ausdrücklich von „vielen Frauen“ die Rede, Anm. C.S.) fragten ihn, was das Gleichnis bedeute. Er antwortete: „Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen! Den Übrigen aber erzähle ich Gleichnisse, damit sie sehen, ohne zu sehen, und hören, ohne zu begreifen. So ist das Gleichnis: Die Saat ist das Wort Gottes. Die auf den Weg fallen: das sind die Menschen, die das Wort gehört haben. Aber dann kommt eine diabolische Macht und nimmt das Wort aus ihren Herzen, damit sie nicht glauben und nicht gerettet werden. Die auf den Felsen fallen: das sind solche, die das Wort gehört haben und es mit Begeisterung aufnehmen, aber keine Wurzel haben. Die glauben nur für den Augenblick, im Moment der Prüfung jedoch machen sie sich davon. Was ins Dorngestrüpp fällt: das sind solche, die zwar gehört haben, die aber auf ihrem Weg durch Vorsorgen und Reichtum und Lebensgenüsse erstickt werden und keine Reife erlangen. Was aber auf gute Erde fällt: das sind die, die mit ihrem guten und liebenden Herzen das Wort gehört haben. Sie behalten es und bringen Frucht in beharrlicher Kraft“.

In dieser Deutung wird das Bild konkret und detailliert auf Menschen mit verschiedenen „religiösen Musikalitäten“ bezogen. Auch wenn die Deutung Jesus sozusagen in den Mund gelegt wird und auch kaum in seinem Sinne sein dürfte, ohne Weisheit und Wahrheitsgehalt ist sie nicht. Sogar Beispiele dürften jeder und jedem von uns in den Sinn kommen: da geht man in einen Gottesdienst, wird ergriffen von einer guten Predigt, aber schon bei einer Diskussion nach dem Mittagessen ist alles abgehakt und vergessen.

Da ist die brennende Begeisterung vom Kirchentag, die im Alltagsgrau verlischt.

Da sind die Sorgen, aber auch die Bequemlichkeit, die erneuten Aufbruch verhindern.

Und da sind Menschen, die so tief und unerschütterlich im Glauben stehen, dass man nur beeindruckt sein kann.

Das alles gibt es, und noch viel mehr. Wie bereits bemerkt, hielte ich es allerdings für falsch, Menschen in die eine oder andere Kategorie einzusortieren und womöglich festzuschreiben. Denn ich fühle mich in meiner gesamten religiösen Seelenlandschaft angesprochen.

In mir findet sich der deutsche Forstweg, breit, wetterfest, solide. Bitte keine Experimente, kein Risiko. Schliesslich liebt unser Gehirn vertraute Muster. Auch den felsigen Grund habe ich in mir. Viele gute Ideen, die aber noch kaum Wurzeln haben, werden dort zerdrückt vom Gestein der Trägheit. Und da sind auch die wuchernden Dornen der Vorsorge und der Lebensgenüsse, die jungen Pflanzen das Licht und die Luft nehmen.

Aber da ist auch der gute Boden: Quelle von Kreativität, Empfangsort von Inspiration, Ort der Offenheit für Gott, Ort des Vertrauens und des Hörens.

Wer Ohren hat zu hören, der höre! Ruft Jesus dem Gleichnis hinterher. Ich will ihn gern hören, denn ich glaube, dass der Sack dieses Sämannes randvoll ist, dass es für alle und alles reicht.

Amen


Predigtgedanken zum 2. Brief Petrus 1, 16-19

Letzter Sonntag nach Epiphanias/ 31.01.21

„ Über dir geht auf der Ewige, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“

Vor ca. 2000 Jahren erlebte dies ein Mann, namens Simon Petrus, ein Mann aus Israel. Der heutige Predigttext aus dem 2. Brief Petrus 1 Kapitel bezieht sich darauf:

 Unsere Hoffnung auf das Kommen des Herrn ist fest gegründet

16 Wir haben uns keineswegs auf geschickt erfundene Märchen gestützt, als wir euch ankündigten, dass Jesus Christus, unser Herr, wiederkommen wird, ausgestattet mit Macht. Vielmehr haben wir ihn mit eigenen Augen in der hohen Würde gesehen, in der er künftig offenbar werden soll.[5] 17 Denn er empfing von Gott, seinem Vater, Ehre und Herrlichkeit – damals, als Gott, der die höchste Macht hat, das Wort an ihn ergehen ließ: »Dies ist mein Sohn, ihm gilt meine Liebe, ihn habe ich erwählt.« 18 Als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren, haben wir diese Stimme vom Himmel gehört. 19 Dadurch wissen wir nun noch sicherer, dass die Voraussagen der Propheten zuverlässig sind, und ihr tut gut daran, auf sie zu achten. Ihre Botschaft ist für euch wie eine Lampe, die in der Dunkelheit brennt, bis der Tag anbricht und das Licht des Morgensterns eure Herzen hell macht.( Aus die Gute Nachricht Bibel)

Liebe Gemeinde,

„ Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“  Vor ungefähr zweieinhalbtausend Jahren wurden diese Worte dem Volk Israel gesagt. Heute im Gottesdienst, wenn wir denn Gottesdienst gefeiert hätten, hätte Pastor Schott oder ich sie gesagt. Jetzt darf ich diese Worte aufschreiben, für unsere „ Predigtgedanken an die Haustür.“

Da hatte Petrus mit Johannes und Jakobus, zwei weiteren Jüngern dieses Erlebnis am Berg in Galiläa. Dieser Jesus, erst Mensch wie du und ich- erstrahlt in einem besonderen Glanz, voller Herrlichkeit! Er soll Gottes Sohn sein. Klingt das nicht eher nach einem Märchen? Nach überzogener Phantasie? Aber Sie haben es gehört, was die Stimme vom Himmel sagte“ Dies ist mein lieber Sohn.“ Gesehen haben sie es auch mit eigenen Augen. Das sind keine erfundenen Märchen. Der Autor des zweiten Petrusbriefes allerdings war damals gar nicht dabei, er war noch nicht einmal geboren. Aber er birgt sich in der Autorität des galiläischen Fischers und möchte seinen LeserInnen Mut machen, deshalb nimmt er die Geschichte der Verklärung auf dem Berg auf, er hat sie verinnerlicht. Er hat sie so verinnerlicht als wäre er dabei gewesen. Für ihn ist die Geschichte kein erfundenes Märchen.

Auf dies was die Propheten in unterschiedlichsten Formen gesagt haben, sollen wir achten. „ wie ein Licht, das leuchtet, dieses Licht möchte unsere Herzen erleuchten.“ Wenn wir es als Gottes Wort annehmen, dann wird es wie der Morgenstern aufgehen in unseren Herzen. Solch ein Erlebnis, so ein Sonnenaufgang ist so etwas ganz besonderes. Als wir das Letzte Mal in Norwegen waren und unser Schiff früh morgens in den Fjord einfuhr in Richtung Oslo, sind wir ganz früh aufgestanden und sind an Deck gegangen. Dort sahen wir das Licht der aufgehenden Sonne über den Fjord. Was für ein wunderbares Naturerlebnis. Aber auch die Erlebnisse die man hat, wenn man Bedürftigen hilft, das strahlen, der Glanz in den Augen der Menschen, wenn ihnen geholfen werden kann, aus einer dreckigen Wellblech Behausung in eine menschenwürdige Wohnung zu ziehen, das ist so etwas Wundbares. Solche Erlebnisse die wir erleben in der Natur oder bei Bedürftigen, wollen sich in unserem Herzen für immer festmachen. Diese Begebenheiten bringen unsere Herzen zum Leuchten. Ist das nicht, als wenn der Morgenstern zu leuchten anfängt? „ Über dir geht auf der Ewige, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“

Egal, was uns zur Zeit bedrückt und das Leben  immer mal wieder verdunkelt, möglicherweise das es nur noch ein ganz kleines Lichtlein ist, das vielleicht sogar zu verlöschen droht :“ Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir!“

AMEN

Bleiben sie gesund und behütet

Ihre& eure Silke Hars


 


Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias mit Rut 1, 1-19a)

Liebe Gemeinde,

die Bibel erzählt uns immer wieder Geschichten von Menschen, die sich auf die Flucht begeben mussten. Von Beginn an, durch die Generationen. Da wird erzählt von Abram und Sarai, die als Wirtschaftsflüchtlinge nach Ägypten geflohen sind; von Mose, der nach Midian floh, um einer Strafverfolgung zu entgehen, bevor er mit Gottes Hilfe dem Volk Israel zur Flucht aus dem Sklavenhaus verhalf…bis hin zu der Flucht einer jungen Familie aus Bethlehem nach Ägypten vor der Verfolgung durch die Schergen des Herodes. Fluchtgeschichten, sie erzählen von Frauen, Männern Kindern. Es sind viele.

Eine sehr besondere findet sich im Buch Rut, im ersten Testament:

Ein Paar flieht mit zwei Söhnen aus Bethlehem (übers. „Haus des Brotes“) nach Moab (übers. „Vom Vater“). Die Frau heißt Noomi („die Liebliche“), der Mann Elimelech („mein Gott ist König“). Die Namen der Söhne sind Machlon („der Schwächliche“) und Kiljon („der Gebrechliche“). Grund der Flucht: eine Hungersnot, es gibt im „Haus des Brotes“ kein Brot mehr…und so fliehen sie in die „Felder Moabs“, und kommen dort unter.

Bald kommt es zur Katastrophe: Elimelech stirbt, Noomi bleibt mit ihren Söhnen zurück. Machlon und Kiljon nehmen sich moabitische Frauen. Der Name der einen war Orpa („die den Rücken Kehrende“), der Name der zweiten Rut („Freundin“, „Begleiterin“). Nach etwa zehn Jahren kommt es wieder bitter: Machlon und Kiljon folgen ihrem Vater in den Tod.  Drei kinderlose Witwen hinterbleiben, in einer Zeit, in der das Leben für alleinstehende Frauen alles andere als einfach ist. Noomi wurde zugetragen, dass Gott sich inzwischen seines Volkes erbarmt habe, es gäbe wieder Brot in Bethlehem. So macht sie sich in Begleitung ihrer Schwiegertöchter auf Richtung Juda, zurück zu ihren Wurzeln.

Unterwegs jedoch wird Noomi klar, dass ihre Wurzeln nicht die ihrer Schwiegertöchter sind. So schlägt sie ihnen vor, in die Häuser ihrer Mütter zurückzukehren und in ihrem Heimatland neues Glück zu finden. Nach mehreren Diskussionen geht Orpa darauf ein. Sie verabschiedet sich liebevoll von ihrer Schwiegertochter und geht ihrer Wege. Rut jedoch bekundet ihre Entschlossenheit, bei Noomi zu bleiben: „Bedränge mich doch nicht, dich zu verlassen, mich von dir abzuwenden. Denn wo auch immer du hingehst, da gehe ich hin, und wo auch immer du übernachtest, da übernachte auch ich, dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott, wo du stirbst, da sterbe ich, dort will ich begraben werden. Gott tue mir alles Mögliche an, aber nur der Tod wird dich und mich trennen.“  Und so geschieht es: Noomi erkennt die feste Entschlossenheit ihrer Schwiegertochter an; irgendwo im Niemandsland zwischen ihren Heimatländern binden zwei Frauen, eine Israelitin und eine Moabiterin ihre Schicksale aneinander. Zwei Frauen, die eigentlich ihre Abstammungen und Religionen trennen setzen sich über die Normen und Konventionen ihrer Zeit hinweg (nach Deuteronomium 23, 3und 4 sind Moabiter*innen von Gottes Gemeinde ausgeschlossen). Gemeinsam gehen sie  als tapfere und tragische Heldinnen einer ungewissen Zukunft entgegen. Sie machen sich auf nach Bethlehem. Dort finden sie Arbeit und Zukunft. Und Ruts Leben wird noch einmal von der Liebe geküsst: sie lernt einen gewissen Boas („in dem die Kraft wohnt“) kennen und lieben. Er nimmt sie zur Frau. Und auch das geschieht gegen jede Konvention: die Mischehenverbote der Bücher Esra und Nehemia etwa werden hier unterlaufen! Das Buch Rut erzählt eine Frauengeschichte mit katastrophaler Ausgangslage und einer Wendung (Gott gibt wieder Brot) zum Guten aufgrund von Solidarität und dem kreativen Umgang mit der Tora. Eine Geschichte, die erzählt von Liebe und Integration.  Sie wehrt jedem religiösen Fundamentalismus und Nationalismus mit dem entwaffnenden Charme einer schönen, anrührenden Geschichte. Übrigens: Erzvater Josef war mit einer Ägypterin verheiratet, Mose mit der Tochter des Hohepriesters (!) von Midian.  Rut lehrt: Gott ist da, wo die Liebe wohnt.

Amen


Predigtgedanken für den 2. Sonntag nach Epiphanias

17.01.2021

Der heutige Predigttext steht im Evangelium bei Johannes im 2. Kapitel, 1-11

Die Hochzeit zu Kana

1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. 2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. 3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. 4 Jesus spricht zu ihr: Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. 6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. 7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. 8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm. 9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wusste, woher er kam – die Diener aber wussten’s, die das Wasser geschöpft hatten –, ruft der Speisemeister den Bräutigam 10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. 11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn. 12 Danach zog er hinab nach Kapernaum, er, seine Mutter, seine Brüder und seine Jünger, und sie blieben nur wenige Tage dort.( Aus der Lutherbibel 2017)

Es gibt so viele und schöne sozialengagierte Wunder, mit denen Jesus den Menschen aus ihrer Not geholfen hatte. Mit einem Wasser zu Wein Wunder hat der Evangelist Johannes begonnen. Jesus verwandelt Wasser zu Wein. Bei einer Hochzeit, ein Luxuswunder. Warum ist es gerade dieses Luxuswunder was Johannes als erstes Wunder Jesu erzählt?

Sechs Wasserkrüge mit einem Fassungsvermögen von etwa 100 Liter pro Fass, 600 Liter Wein insgesamt, irrsinnig viel auch für eine Hochzeit. Mit der Erzählung von der Hochzeit zu Kana will uns der Evangelist Johannes in den Bann ziehen, er will uns für Jesus begeistern, bei Jesus ist Lebensfreude, Leben in Hülle und Fülle. Wer selber diese Lebensfreude finden will sollte die Zeichen Jesu erkennen, als ein Hinweis auf Gott, als Wegweiser zu einem erfüllten Leben. Da ist eine tiefe Sehnsucht in uns Menschen, die Sehnsucht, bei Gott geborgen zu sein, Frieden mit sich selber zu finden und eins zu werden mit dem Leben, die Johannes da anspricht.

Was muss passieren um die Fülle des Lebens zu finden? Dass wir durchatmen, die Hände über unseren Bauch falten, uns zurücklehnen und von ganz tief aus der Seele sprechen: Danke Gott, das Leben ist wunderbar, danke für die Fülle des Lebens die ich genießen darf. In welchen Momenten haben wir das Glück unseres Lebens gefunden? Wenn wir den Vogel  am Morgen singen hören oder die ersten Frühlingsblüher aufblühen?

Die Fülle des Lebens, ist uns mit Jesus geschenkt, so Johannes. Wir können mit Jesus lernen, was wichtig ist und was nicht. Wenn wir unseren Glauben, das Gottvertrauen nicht verlieren, auch nicht bei allen Herausforderungen, die auf uns einstürzen, mitten in allem, was uns das Leben schwer zu machen droht.

Wir sind Gott wichtig, er schaut nach uns. Ich bin überzeugt davon, wer das für sich erkannt hat, lebt anders, lebt dankbarer. Ich finde es wunderbar dieses Luxuswunder bei der Hochzeit von Kana. Es erzählt auch von der Leichtigkeit des Lebens. Lebensfreude pur, die wir mit Gott finden können, wenn man sich auf Jesus und Gott einlässt.

Amen

Bleiben Sie gesund und behütet, ihre/ eure Silke Hars

 


Predigt für den 1. Sonntag nach Epiphanias mit Worten aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom, aus dem 12. Kapitel, Verse 1-8

Ich ermutige euch, Geschwister: Verlasst euch auf Gottes Mitgefühl und bringt eure Körper als lebendige und heilige Gabe dar, an der Gott Freude hat. Das ist euer vernunftgemäßer Gottes-Dienst. Schwimmt nicht mit dem Strom, sondern macht euch von den Strukturen dieser Zeit frei, indem ihr euer Denken erneuert. Dann wird auch deutlich, was Gott will: das Gute, das, was Gott Freude macht, das Vollkommene.

Durch die Befähigung, die Gott mir geschenkt hat, sage ich nun einer jeden und einem jeden von euch: Überfordert euch nicht bei dem, wofür ihr euch einsetzt, achtet auf eure Grenzen bei dem, was ihr vorhabt. Denn Gott hat jedem und jeder ein bestimmtes Maß an Kraft zugeteilt, Vertrauen zu leben. Denkt an unseren Körper. Er besteht aus vielen Gliedern, aber nicht jedes Teil hat dieselbe Funktion. So sind wir, obwohl wir viele sind, doch ein einziger Körper in der Gemeinschaft des Messias. Einzeln betrachtet sind wir Körperteile, die sich füreinander einsetzen. Wir haben jeweils unterschiedliche Befähigungen, die uns in göttlicher Zuwendung geschenkt wurden: Wer die Gabe hat, profetisch zu reden, nutze sie, um deutlich zu machen, welches Handeln dem Vertrauen auf Gott entspricht.

Wer die Gabe hat, für andere zu sorgen,

nutze sie zum Wohle der Gemeinschaft.

Wer mit anderen teilt, sei aufrichtig dabei.

Wer eine Leitungsaufgabe übernimmt, fülle sie mit Begeisterung aus. Wer solidarisch mit anderen lebt, soll dies heiter tun.“ (Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache)

Liebe Gemeinde,

ein neues Jahr liegt vor uns. Es hält neue Aufgaben aber sicher auch Verheißungen bereit. Der Anfang gestaltet sich zäh und schwierig. Wir sind verunsichert: was dürfen wir, was nicht? Wann werden wir die Pandemie überwunden haben? Was dürfen wir hoffen, was können wir planen? Was wünschen wir uns? Neulich sagte eine Hauptkonfirmandin: „ich würde so gern mal wieder singen!“ Und ich konnte mich nur anschließen. Ja, mit der ganzen Gottesdienstgemeinde singen, überhaupt wieder Gottesdienst feiern, dem Chor lauschen… Aber auch andere Dinge: zum Sport gehen, Freunde treffen, reisen… Alles dieses wird noch längere Zeit nicht möglich sein. Aber vielleicht schon bald wieder: Gottesdienst. Gottesdienst als kirchliches Ritual. Sobald die Inzidenzzahlen gesunken und die Belegung der Intensivstationen durch an Covid 19 Erkrankte rückläufig ist, soll es in unserer Gemeinde wieder losgehen. Der „vernunftgemäße Gottesdienst“, den Paulus in unserem Predigttext anführt, ist schon vorher möglich. Paulus will ermutigen zum Tun. Es soll ein Tun sein, an dem Gott Freude hat. Paulus lädt dazu ein, Ängste und Bedrängnisse hintanzustellen, und im Kopf frei zu werden, gedanklich neue Wege zu suchen und zu finden. Dann, so seine Verheißung, wird deutlich, was Gott will: das Gute, das, was ihm Freude macht, das Vollkommene.

Ach so, habe ich gedacht, als ich den Text zum ersten Mal gelesen habe, mehr nicht? Niemand ist doch nur gut, niemand macht Gott ausschliesslich Freude, und vollkommen ist auch niemand, ich jedenfalls am allerwenigsten… Mir klang es nach Überforderung. Doch dann wurde mir klar, dass Paulus mit dem „Vollkommenen“ das Ganze im Miteinander der Gemeinde meint, in das jede und jeder Einzelne sich mit dem einbringt, was er und sie jeweils kann. Ohne jede Überforderung und Selbstausbeutung.

Mir ist dann spontan ein Teilaspekt unseres Gemeindelebens eingefallen. Die Sommerfreizeit Abenteuerlager Dänemark. Dafür ist immer ein Team erforderlich: es müssen genug Fahrer dabei sein, damit wir alle hinkommen. Es braucht geschickte Hände um Zelte aufzubauen und handwerklich versierten Verstand für technische Lösungen. Jemand muss kochen können. Jemand muss einfühlsam trösten können im Fall von Liebeskummer oder Heimweh. Sportliche Fähigkeiten sind gefragt, spirituelle und musikalische. Ersthelfer-Fertigkeiten müssen sein, aber auch Humor und Mut, Offenheit und Zugewandtheit. Es muss jemand leiten. Und das über zwölf Tage. Oft genug kommt es zu Erschöpfungen, weil einzelne an ihre Grenzen kommen. Dann tritt im Idealfall (und den habe ich oft erlebt) jemand anderes ein, übernimmt einen Dienst, oder leitet etwas Neues an. Niemand von uns ist vollkommen. Das Ganze auch nicht. Es ist aber deutlich näher dran. Und wenn nach zwölf Tagen die Eltern ihre sonnengebräunten Kinder wieder in Empfang nehmen, die dann übersprudeln von dem, was sie alles erlebt haben, denke ich, dass das vielleicht auch Gott gefällt…

Amen


Predigtgedanken zu Lukas2, 41-52

  1. Sonntag nach Weihnachten 03.01.21

Der zwölfjährige Jesus im Tempel

41Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. 42Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. 43Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten’s nicht. 44Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. 45Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.46Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. 47Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. 48Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. 49Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? 50Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. 51Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. 52Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Liebe Gemeinde,

als Kind wurde ich öfter mal gefragt „ zu wem gehörst du denn?“ Da war alles angesprochen, was mir aus meinem Elternhaus mitgegeben wurde, an Überzeugungen, Verhaltensweisen, bis hin zum Aussehen. All das , was uns , ob wir es wollten oder nicht, zeitlebens mitbestimmt und prägt. Schließlich sollte doch meine Herkunft, also meine Eltern und mein Elternhaus, nicht allein Auskunft darüber geben, wer ich war und vor allem wer ich sein wollte, nämlich eine unverwechselbare, eigenständige Person. Kein Wunder also, das so der ein oder andere bei der Frage nach der Herkunft,“ Sag mir, wohin du gehörst, und ich sage dir, wer du bist!“ Vor allem aber der lauernde Ton dahinter, dieses provozieren und reduzieren einen auch immer etwas verlegen gemacht hat. Mit zunehmendem Alter auch immer ärgerlicher.

„ Hast du vergessen, wohin du gehörst?“ So mögen Maria und Joseph gefragt haben, als sie ihren Sohn nach langem Suchen und durchfragen gefunden haben. Drei Tage lang, so wird es uns erzählt, wurde er gesucht und dann endlich im Tempel, mitten unter den Schriftgelehrten gefunden. Seltsam unbeeindruckt von der elterlichen Suchaktion, von ihrer Angst. Warum mutet er das seinen Eltern zu? Wo bleibt da das 4. Gebot?“ Ehre Vater und Mutter.“ Zum Erwachsenwerden gehört es ja dazu, sich aus den liebevoll gemeinten Umarmungen zu lösen um ein verantwortungsvoller, eigenständiger Mensch zu werden, das wünscht sich doch jeder. Dass Kinder sich mit der Zeit von ihren Eltern, den Ort, wo sie aufgewachsen sind lösen um dann mit einer eigenen Familie ein neues Zuhause finden, wo sie hingehören wollen ist ein natürlicher Prozess. Auch wenn wir unsere Kinder gern bei uns behalten wollen.

Das Erstaunliche an diesem Familienkonflikt, wie ihn Lukas berichtet, ist ja nicht , das sie sich jetzt trennen. Das Gegenteil tritt ein, Jesus ging mit ihnen nach Nazareth, weg aus der Atmosphäre religiöser Gelehrsamkeit, zurück  in sein altes Leben…… und war seinen Eltern gehorsam. So formuliert es Lukas.“ Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ „ Ich gehöre zu euch, ich bin euer Sohn. Ich gehöre auch einem Anderen. Ich gehöre zu Gott.“ „ Wisst ihr nicht, dass ich sein muss an dem Ort, der  meinem Vater gehört?“  Das sagt Jesus von sich selbst. Gilt das nicht auch für uns? Sind wir nicht auch auf Orte angewiesen, wo wir  – wie Jesus im Tempel – mit anderen über Gott und die Welt reden können. Was unser Herz bewegt und belastet, das zu Menschen sagen zu können denen wir vertrauen. Alles was uns auf der Seele liegt, all das aussprechen an Orten wo wir gewissermaßen auf du und du sind mit Gott, wo wir seine Gegenwart, die sonst von uns so wenig wahrgenommen wird, besonders spüren. Ist nicht jede christliche Gemeinde ein solcher Ort?

Wir spüren, worin das Wunder der Weihnacht besteht. ES ist diese unbegreifliche Nähe des großen Gottes bei uns Menschen, bei jedem Einzelnen von uns.

Amen

Bleiben sie gesund und behütet ihre & eure Silke Hars

 


Predigt an Altjahrsabend mit Exodus 13,20-22

„So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und GOTT selbst zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Liebe Gemeinde,

Silvester liegt mitten in der Weihnachtszeit. Die erstreckt sich bis zum 6. Januar. Trotzdem kommt am Altjahrsabend ein Gefühl auf von Schwellensituation, von Übergang, vielleicht Neuanfang. Wir haben Wünsche, Vorsätze, Sehnsüchte, sicher aber auch Bedenken, Ängste und Befürchtungen, die uns besonders bewegen in den letzten Stunden des ausgehenden Jahres. Wir schauen nach vorn und zurück. Bei alledem soll uns ein kleines Stück der Befreiungsgeschichte des auserwählten Volkes begleiten. Ich mag die Geschichte vom Auszug aus dem Sklavenhaus Ägypten sehr. Auch das Bild von Wolken- und Feuersäule berührt mich – allerdings sehr ambivalent. Wolken- und Feuersäule stehen in unserer Geschichte für die gute und schützende Nähe GOTTES. Aber: Feuer- und Rauchwolkensäulen waren weithin sichtbar, als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch/ Durch die Luft (Nelly Sachs, Fahrt ins Staublose. Gedichte, Frankfurt 1988). 2020 war nicht nur das Jahr des Pandemieausbruchs. 2020 war auch ein Jubiläumsjahr des Gedenkens an die Befreiung von Auschwitz und Bergen-Belsen. Es fiel – Pandemie-bedingt – schmal aus. Immer wieder frage ich mich: war GOTT in Auschwitz? Steht die Antwort im Predigttext: „zog vor ihnen her…“? Auf keinen Fall ist es auszuschließen, dass GOTT dabei war auf dem schrecklichen Weg in die Gaskammern und den Tod. Genauso wenig ist es auszuschließen, dass GOTT vor der Tür der Synagoge in Halle stand, bei aller Hochachtung für das Können des Tischlers, der diese Tür gebaut hat. Hoffen wir, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland ihre Wege gehen können, angstfrei und furchtlos. Bitten wir den EWIGEN, der durch Jesus auch zu unserem GOTT wurde, vor seinem jüdischen Volk herzuziehen um sie zu führen auf dem Weg, am Tage als Wolkensäule, des Nachts aber als Feuersäule, um ihnen zu leuchten. „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht“. Die schönen Bilder der Säulen als Zeichen der Gegenwart GOTTES wurden in ihrer Handfestigkeit mit der Zeit problematisch. So wurde im Lauf der Zeit das Sichtbare durch das Hör- und Lesbare ersetzt. Dennoch ist die Wolke als Zeichen für die Gegenwart GOTTES nicht ganz verschwunden. So lesen wir bei Markus im 9. Kapitel, dass Jesus mit Petrus, Jakobus und Johannes auf einen hohen Berg stieg, wo er „verklärt“ wurde. Da heißt es in Vers 7: „Da kam eine Wolke und warf ihren Schatten über sie, und eine Stimme aus der Wolke sagte: dies ist mein Sohn, ihm gilt meine Liebe; auf ihn sollt ihr hören.“ Ich könnte mir gut vorstellen, dass es sich bei dieser Wolke um dieselbe gehandelt haben könnte, die über dem Zelt der Begegnung im Fortgang der Wüstenwanderung erschienen ist… In dieser Kontinuität von Abraham zu Mose zu Jesus begründet sich unser Christsein. Für uns Christinnen und Christen wird daher auch 2021 wichtig sein, Antijudaismus keinen Raum zu geben. Der GOTT Israels hält das Gebot bereit: „du sollst nicht falsch Zeugnis reden“. Das gilt auch für und in sozialen Netzwerken. Der grassierende Antisemitismus ist Sünde und hat in die schlimmste Katastrophe geführt, die Aufklärung, Christentum und Deutschland je zu verantworten hatte: die Vernichtung jüdischer Menschen, jüdischen Lebens und jüdischer Kultur. Im Übrigen: Jüdinnen und Juden haben bereits auf deutschem Boden gelebt, bevor es Deutschland überhaupt gab… es ist also eine ganz lange Geschichte, die der Heilige Israels mit seinem Volk hat. Gut und eine große Gnade, dass wir als (Heiden-) Christen in diese Geschichte eintreten durften. Und so dürfen wir uns auch mit Mose aufmachen und die Abenteuer Israels miterleben, indem wir das Buch Exodus weiterlesen. Viele schöne Geschichten erwarten uns noch im Buch Exodus (und auch sonst im Buch der Bücher). Wenn wir weiterlesen, werden wir dankbar darüber sein, dass vor uns nicht 40 Jahre Wüstenwanderung liegen, sondern nur das Jahr2021. Machen wir uns also auf, nehmen wir alles  mit, was uns zum Jahreswechsel bewegt. Breiten wir alles aus vor GOTT, der-bildlich gesprochen- vor uns herzieht. In einer Wolkensäule am Tag, um uns den rechten Weg zu führen; und in einer Feuersäule in der Nacht, um uns zu leuchten.

Amen


1.Weihnachtstag

Predigt zu Jesaja 52,7-10

Im Evangelium bei Johannes steht“ Das Licht scheint in der Finsternis.“ In der Weihnachtsgeschichte bei Lukas leuchtet dieses Licht bei den Hirten, wenn der Engel zu ihnen sagt“ Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ Eine Botschaft, mitten hinein in die Dunkelheit der Welt, das ist Weihnachten. Oft verdrängen wir es, wenigstens zu Weihnachten soll die Welt doch heil und hell sein, doch ist sie oft dunkel und finster. Ich wünsche mir das, alle Jahre wieder. Doch auch in diesem Jahr ist Weihnachten wieder umgeben von Finsternissen. Viele Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Terror. In der Gesellschaft brechen Konflikte auf und Hass wird geschürt. In den Familien werden Schwächere missbraucht und gedemütigt.

In diesem Jahr klammern wir uns an das Licht, das in die Dunkelheit hinein scheint .Die Finsternis kann es nicht auslöschen, die Freudenbotschaft von der Geburt Jesu unter den Menschen.

Heute hören wir eine weitere Freudenbotschaft, aus dem zweiten Teil des Jesajabuches: Die frohe Botschaft

7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König! 8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt. 9 Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. 10 Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

Da sagt ein Prophet zum Volk in Babylon was verschleppt worden ist aus Jerusalem, die sich zurücksehnen,“ Ihr seid nicht gottverlassen, euer Gott wird dafür sorgen, dass Ihr zurückkehren könnt!“  Er lenkt ihren Blick auf Jerusalem und von dort aus in die ganze Welt. Gott nimmt die Dinge in die Hand. Jubel bricht aus, er wird regieren und Frieden, Heil und Gutes bringen, was für eine Botschaft. Noch liegt die Stadt in Trümmern, doch alles soll jubeln, Traurigkeit und Resignation sind vergessen, Gott selbst tröstet uns und befreit uns. Alle werden erkennen, dass er heil bringt! Ich frage mich, ob der Prophet die Leute damals mitreißen konnte, ob sie seine Begeisterung spürten? Waren sie enttäuscht, als sie in das zerstörte Jerusalem kamen? Jedenfalls haben sie die Worte des Propheten aufbewahrt und weitergegeben.

Als Jesus in Jerusalem einzog haben sie sich erinnert, schon als er aufgetreten ist und verkündigt hat, das die Herrschaft und das Reich Gottes nahe ist. Einige werden sich auch gefragt haben, ob er der heilige ,starke Arm Gottes ist, weil er  so anders ist. Er greift nicht nach der Macht, er redet von Liebe und Versöhnung. Er wurde als Kind einfacher Leute geboren und schließlich stirbt er wie ein Verbrecher. Was hat der mit der Freudenbotschaft zu tun, wie kann der der Heiland sein? Was ist die „große Freude, die allem Volk widerfahren wird“? Wir feiern, dass Gott seine Stärke gezeigt und überwunden hat. Mit dem Kind setzt Gott einen neuen Anfang, der klar macht, es geht nicht um Gewaltherrschaft, Macht und  starken Arm. Ihm geht es darum, dass seine Liebe in der Welt, unter uns Menschen , sichtbar und mächtig wird. Gott selbst wird Mensch, er selbst  ist das Licht in der Finsternis , das ist die Botschaft des Propheten, er wird die Finsternis überwinden, er bringt Frieden, Heil und Gutes!

Wir blicken auf ein Jahr zurück, wie es so noch niemand erlebt hat. Wir haben Worte gelernt wie „ Lockdown“ und „ Mund- Nasen Bedeckung.“ Angst und Zweifel sind aufgebrochen. Doch gerade die Beschränkungen haben dazu geführt , dass man sich auf Abstand näher gekommenn ist und man hat darüber nachgedacht, was im Leben wirklich Bedeutung hat. Es könnte uns darin bestärken, dass wir mehr auf den Anderen achten, ob in unserer Nähe oder auf dem Rettungsboot im Mittelmeer. Wenn Gottes Liebe in die Welt kommt, kommt sie nicht mit Macht und Gewalt. Sie kommt mit der Liebe, die wir anderen zeigen. Sie kommt mit der Rücksicht, die wir auf das Schicksal anderer nehmen. Ja, die lieblichen Füße des Freudenboten bringen uns die frohe Botschaft von Frieden, Gutem und dem Heil Gottes. Amen.

Ein besinnliches und gesegnetes Weihnachtsfest, bleiben Sie gesund

Ihre/Eure Silke Hars

 


Predigt an Heiligabend über Jesaja 11, 1-10

 

„dann wird ein Zweig aus dem Baumstumpf Isais austreiben,

und ein Spross wächst aus seiner Wurzel heraus.

Auf dieser Person wird der Geisthauch Gottes ruhen,

der Geisthauch der Weisheit und Einsicht,

der Geisthauch des Rates und der Stärke,

der Geisthauch der Erkenntnis und der Ehrfurcht vor Gott.

Sie wird Wohlgefallen an der Ehrfurcht haben.

Nicht nach dem Augenschein wird sie Recht aufrichten,

nicht nach dem Hörensagen Ausgleich schaffen.

Vielmehr wird sie in Gerechtigkeit die Schwachen richten,

in Aufrichtigkeit für die Armen des Landes entscheiden,

wird das Land mit dem Stock ihres Mundes schlagen

und mit dem Hauch ihrer Lippen die töten, die Böses tun.

Dann wird sie Gerechtigkeit als Gürtel um ihre Hüften

Und die Treue als Gürtel um ihre Taille tragen.

Dann wird der Wolf beim Lamm als Flüchtling unterkommen

Und der Leopard wird beim Böckchen lagern;

Kalb, Junglöwe und Mastvieh leben zusammen, ein kleines Kind treibt sie.

Kuh und Bärin werden weiden, gemeinsam werden ihre Jungen lagern,

und der Löwe wird wie das Rind Stroh fressen.

Der Säugling wird vergnügt an der Höhle der Kreuzotter spielen,

und nach dem Loch der Giftschlange

wird da Kleinkind mit seiner Hand patschen.

Sie werden nichts Böses tun und kein Verderben mehr anrichten

Auf den ganzen Berg meiner Heiligkeit,

denn die Erde ist erfüllt mit Erkenntnis Gottes,

wie die Wasser im Meer den Boden bedecken.

An jenem Tag wird die Wurzel der Familie Isais als Zeichen für die Völker dastehen, nach ihr werden die fremden Völker suchen, und ihr Ruheplatz wird ein Ehrenort sein.

Liebe Gemeinde,

 

im Jahr der Pandemie läuft alles anders. Liebe und Sympathie müssen sich ausgerechnet durch Abstand und Trennscheiben ausdrücken. Zusammentreffen im größeren Rahmen sollen unterbleiben. Als Kirchengemeinderat haben wir schweren Herzens entschieden, unsere Kirchen bis auf Weiteres geschlossen zu lassen.

Dabei finde ich es ausgerechnet an Heiligabend besonders schön, Gottesdienst zu feiern. Ich freue mich, dass Weihnachten sich nicht allein dadurch auszeichnet, dass es ein Fest des Konsums ist, sondern dass an Weihnachten Menschen in den Gottesdienst kommen, weil es für sie dazugehört, weil sie das schon immer so gemacht haben, weil sie damit irgendeinem Familienmitglied eine Freude machen wollen, weil damit das Familienfest einen besonderen Beginn erhält, weil sie an Weihnachten das Kind in sich besonders spüren, weil…weil…weil… obwohl sie gar nicht wissen, warum. Es ist immer schön, eine Ehre und große Freude, alle willkommen zu heißen. Aber das ist in diesem Jahr nicht möglich. Unsere Kirchen sind zu klein, Aus-und Eingänge sind jeweils identisch. Auch Treffen mit mehreren Personen im Freien sind angesichts der hohen Infektionszahlen problematisch. Es ist ein Verzicht, den wir in diesem Jahr leisten, bitte betrachten Sie ihn als Ausdruck von Wertschätzung.

In diesem Jahr begegnen uns zum ersten Mal Worte des Profeten Jesaja aus dem 11.Kapitel an Heiligabend. Jesaja hat eine Vision von Frieden und Gerechtigkeit. Seine Worte treffen uns in einer Zeit, in der viele von uns die Sehnsucht umtreibt, wahrgenommen zu werden in einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen das Gefühl haben, dass sie nicht wichtig sind. Da ist die Sehnsucht nach Frieden in einer Welt, in der unzählige Kriege geführt werden und zu jeder Zeit Menschen gewaltsam ums Leben kommen. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit für alle Menschen in einer Welt, in der die Menschen in Europa und Nordamerika auf Kosten der Menschen in Afrika, Südamerika oder Asien leben, in der längst nicht alle Zugang zu Wasser, Bildung und ausreichender Nahrung haben. Die Sehnsucht nach einem angstfreien, gefahrlosen Leben; das Coronavirus hat uns in diesem Jahr die Zerbrechlichkeit und Bedrohlichkeit des Lebens vor Augen geführt; Sicherheiten sind weggebrochen.

In diese Gemengelage von Weihnachtsseligkeit, Sehnsüchten und Ängsten um unsere Welt rufen Worte aus einem zeitlichen Abstand von 2900 Jahren hinein. Es ist eine Verheißung, die sehr poetisch, zunächst fast schon zu harmonisch klingt, aber das täuscht. Damals, Anfang des 8. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, waren Land und Volk gerade überrollt worden vom assyrischen Heer Nebukadnezars. Jesaja hatte die Zerstörungen und die frischen Gräber der Opfer des Krieges vor Augen. Die Nachfahren des heldenhaften und mächtigen Königs David verfügten weder über dessen Charisma noch über dessen militärische Schlagkraft. Die Eroberung war für die Assyrer leichtes Spiel gewesen. Und jetzt: Lockdown. Handel, Gewerbe und Kultur auf null gestellt. Das alles hatte Jesaja im Blick. Aus diesem Schrecken ist seine Vision vom Frieden hervorgewachsen. Er hat sie aufgeschrieben, denn er wollte Mut zur Hoffnung machen. Andere Zeiten werden kommen, sagt der Profet. Er weist auf das zarte Grün hin, das aus dem abgehauenen Baum sprießt. So wird Isais Stammbaum neu austreiben (Isai war der Vater des legendären Königs David). Es wird einer kommen, der weise, klug, besonnen und beratbar ist, und der die Welt regiert, wie Gott es sich für seine Schöpfung wünscht, wie wir es brauchen. Er bringt Weisheit, Rat, Stärke und Verantwortung gegenüber Gott in die Welt, denn das alles wohnt ihm inne als Geistkraft Gottes. Die Folge dieser Regierung sind Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen: alte und junge, gesunde und kranke. Darüber hinaus wird Frieden sein mit und in der ganzen Schöpfung. Jesaja malt ein Friedensbild, in dem Raub- und Opfertiere einträchtig und harmonisch beieinander liegen, und Kinder – sonst immer Opfer von Kriegen – nicht mehr bedroht sind. Es ist das Bild von Gottes umfassenden Schalom.

An Weihnachten lassen wir die Hoffnung auf diesen Frieden zu, wir geben ihr Raum. Und das aus gutem Grund. Ander Krippe sehen wir Gottes Parteinahme für die Kleinen und Schwachen, sein Eintreten für das Leben. Im Besuch der Hirten haben wir ein Vorbild der Gemeinschaft von Menschen, die im Alltag nichts miteinander zu tun haben. Sie kommen zusammen, überwinden soziale Distanz. An Weihnachten haben sich Menschen immer wieder positiv überrascht, wenn die Waffen für eine Nacht schweigen und Feinde in Schützengräben mit einander singen, wenn Menschen zusammenkommen, die sich das ganze Jahr über nicht die Zeit dafür nehmen.

Der Weltfrieden, die Rückkehr ins Paradies steht noch aus. Aber Weihnachten erinnert uns an unsere eigenen Sehnsüchte und Hoffnungen. Sie haben einen guten Grund, und sie verbinden uns mit vielen Menschen.

 

 


Predigt zum 4.Advent 2020

Liebe Gemeinde,

schon lange nicht mehr war Advent so sehr verbunden mit Warten und Sehnsucht wie in diesem Jahr. Wir warten alle: auf Unterricht ohne Maske, Gemeinschaft beim Sport und bei Kaffee und Kuchen, darauf, liebe Menschen nicht mehr nur am Telefon oder Bildschirm zu erleben…Besuch der Enkelkinder, wir warten.

Und wir hören und lesen Geschichten des Wartens: am 3.Advent die Geschichte von Elisabeth und Zacharias. Am heutigen 4.Advent führt uns der Predigttext in ganz alte Zeiten, zum Urgestein unseres Glaubens, in das Nomadenzelt von Sarah und Abraham.

Schon lange ist es her, dass sie aufgebrochen sind. Unzählige, lange Tagesmärsche und Weiden-Wechsel liegen hinter ihnen. Sie sind der Verheißung gefolgt, eine neue Heimat und Kinder zu bekommen. Darüber sind sie alt geworden. Und die Verheißung, zu bekommen, was sie sich so sehr gewünscht haben, hat sich nicht erfüllt.

Das ist die Ausgangssituation unserer Geschichte: unerfüllte Hoffnung im Nomadenzelt in flirrender Mittagshitze im Schatten der Steineichen im Hain von Mamre. Was soll jetzt noch kommen? Abraham sitzt unter der Plane im Eingang des Zeltes, vielleicht döst er. Als er kurz den Blick hebt, stehen plötzlich drei Männer vor ihm. Schlagartig kommt Bewegung in die eben noch beschauliche Szenerie. Abraham eilt den Gästen entgegen, lädt sie ein, zu verweilen und bittet sie, sich zu lagern. Sarah wird angewiesen, Brot zu backen. Abraham selbst läuft zu den Herden, um ein besonders gutes und zartes Jungtier auszusuchen, das er dann zubereiten lässt. Man liest von orientalischer Gastfreundschaft. Und nach dem festlichen Mahl die erneute Verheißung: ich komme ganz sicher zu dir zurück, zur Zeit, die das Leben braucht, und dann hat Sarah, deine Frau einen Sohn.

Das hat Sarah im Zelt gehört. Es wird erzählt, dass sie innerlich lachte. Es war kein fröhliches oder befreites Lachen. Es war ein Lachen nach einem Warten, bei dem die Hoffnung auf der Strecke geblieben war.

Das ist dem hohen Besuch nicht entgangen: ist für Gott etwas zu wunderbar?

Die Frage fällt in das Schweigen unter dem Baum in der Mittagshitze – und in die Adventszeit 2020.

In der Geschichte Gottes mit seinen Menschen ist immer wieder geschehen, was Sarah und Abraham erlebten: Jahre des Wartens. Zeiten ohne Hoffnung, eine Wirklichkeit, die alle Möglichkeiten zu ersticken droht. Da kommt von Gott ein Versprechen. Und das stößt sich an der Wirklichkeit. Und auch wir erleben etwas davon in dieser Zeit. Aber wir warten. Und lassen uns die Hoffnung nicht abhandenkommen. Denn ein Kind ist unterwegs.

Amen

 

 

 

 

 


Predigt für Sonntag 11.10.2020

Predigttext 5.Mose 30,11-14

Das wandernde Gottesvolk steht an der Grenze zwischen Gestern und Morgen. Hinter sich die Sklaverei in Ägypten und vor sich das verheißenen Land, das Land „ wo Milch und Honig fließen.“ Es ist ein Generationswechsel, die jungen Menschen haben das Land der Zukunft vor sich, mit gemacht , miterlebt haben sie den Aufbruch aus den alten Abhängigkeiten ja selbst nicht. Die alten Menschen, wissen dass sie allenfalls noch die Anfänge erleben, die Vorboten der anderen Zeit sozusagen.

Mose führt 40 Jahre das Volk an, aber das verheißene Land wird er nicht betreten. Nur einen weiten vorausschauenden Blick kann er tun. Auf der Grenze Fasst er alles , die guten Weisungen zum Leben noch einmal zu einer großen Rede zusammen. Die Zeit in der das 5. Buch Mose geschrieben und verbreitet wurde, ist eine Zeit tiefgreifender Wandlungen, ist Wendezeit, Schwellenzeit. Alte Sicherheiten sind da zerbrochen und ein stabiler neuer Lebensrahmen noch nicht erkennbar.

Auch wir stehen an einer solchen Schwelle. Einer Zeitenwende oder auch Epochenschwelle. Eine Zeit tiefgreifender Wandlungen. Heute leben wir auf der Grenze zwischen vergangener Welt und dem was kommt.

Unsere Großeltern, oder sogar Eltern haben öfter mal gesagt“ Unsere Kinder sollen es mal besser haben als wir, Arbeit und Brot, ein Haus, kein Hunger, kein Krieg, gute Schulbildung, ein gutes Auskommen und Wohlstand.“ Die Welt könnte noch ein bisschen heller, freundlicher und friedlicher werden, ein schöner Grundgedanke. Heute hoffen wir für unsere Kinder allenfalls, dass die Welt noch ein bisschen so bleibt, wie sie ist, das unsere Kinder, Enkelkinder überhaupt noch eine lebenswerte Welt vorfinden werden und es nicht schlimmer wird. Epochenschwelle, leben auf der Grenze. Zwischen den Zeiten, zwischen gestern und morgen.

Epochenschwelle, Zeitenwende. Junge Eltern haben früher gesagt, Gott hat uns ein gesundes Kind geschenkt! In der heutigen Zeit werden junge Eltern vor die Entscheidung gestellt, noch den einen oder anderen Test zu machen um auch wirklich sicher zu gehen dass es ein gesundes Kind wird.. Die Eltern werden entscheiden müssen, ob ihm das Leben geschenkt wird, ob es lebenswert ist.

Früher konnte die Gesellschaft noch in nationalen Grenzen gestaltet und regiert werden. Die Menschheitsprobleme der Zukunft, das wissen wir alle ganz tief in unserem Herzen werden nicht mehr in nationalen Grenzen zu lösen sein, sondern nur noch global, wenn überhaupt. Der Klimawandel macht vor einer Landesgrenze keinen Halt! Die digitale Revolution findet im großen Ganzen statt. Die meisten von uns können sich noch an ihr erstes Handy erinnern, das ist gerade mal 20 Jahre her. Vor 10 Jahren kam es zum Siegeszug des Smartphones, um den ganzen Globus. Heute besitzt auch ein Kind aus den Slums von Nairobi oder Manila ein Smartphone und hat Zugang zu den Verheißungen der westlichen schönen neuen Welt. Das er aufbricht in ein Land, „ wo Milch und Hong fließen“, wundert mich nicht. Entweder es kommt in Zukunft zu einer gerechteren Verteilung der Ressourcen an Bildungschancen, Nahrung und Wasser oder es kommt zu noch größeren Flüchtlingsströmen und Machtkämpfen um die Ressourcen. Ein Weltaugenblick tiefgreifender Veränderungen, Zeitenwende, ja Epochenschwelle!

Epochenschwellen sind Orientierungszeiten, jede Umbruchszeit ist eine schwierige Zeit. Altes ist vergangen und kommt nicht mehr zurück. Neues ist erst ganz zart in Sicht, die rasanten Veränderungen beunruhigen uns. Vielleicht ist jede Zeit eine Schwellenzeit, eine Umbruchszeit. Jedes Heute ein Augenblick um darüber nachzudenken, wer oder was kommt auf uns zu? Wo komme ich her? Wer trägt, ja hält mich?

Heute also lasst uns seine Stimme hören. Auf der Grenze zwischen gestern und morgen, wo wir inne halten und fragen: Wo komme ich her?, Wer oder was kommt auf uns zu? Und wer trägt mich?  Gott spricht heute. Und Gottes Wort ist euch ganz nahe. Es ist auf euren Lippen und in eurem Herzen. Was Gott will, dazu braucht es keinen Trip nach Indien, es ist nicht erforderlich eine buddhistische Meditationstechnik zu erfahren, so bereichernd auch das Erlebnis einer fremden spirituellen Kultur sein mag, um zu entdecken , dass auch dort Menschen auf ihre Weise auf der Suche nach dem letzten Grund des Daseins sind. Für den ein oder anderen mag so ein Trip gut sein um mit sich selbst und vielleicht auch mit Gott  neu oder tiefer in Kontakt zu kommen. Doch was Gott will, das wissen wir doch in unserem innersten auch so.“ Gottes Wort ist euch ganz nahe. ES ist auf euren Lippen und in eurem Herzen.

Es ist das Naheliegende, nicht ein theologisches Expertenwissen, keine religiöse Hochseilakrobatik. Das Recht ehren, den Nächsten lieben, die Schwachen schützen, den Fremden Raum geben und so sich bewähren im Mensch sein.

Tief im Innern können wir doch unterscheiden zwischen Aufrichtigkeit und Trickserei, zwischen Wahrheit und Täuschung, zwischen dem, was nur der eigenen Ego- Vergrößerung dient oder dem Zusammenleben, dem Frieden.

Gottes Wort ist euch ganz nahe. Es ist auf euren Lippen und in eurem Herzen. Wir haben die Wahl, zwischen Glück und Unglück, zwischen Leben und Tod, zwischen Fluch und Segen. Wählt klug! Du kannst wählen. Du kannst die Welt nicht retten, gewiss nicht. Sollst du auch nicht. Aber weil du heute angesprochen bist, weil seine Weisungen ganz nahe an deinem Herzen sind , kannst du wissen und wählen , was gut ist, was dem Leben dient, was zum Segen werden kann und du kannst dich bewähren so wie du bist als Mensch!

Amen


Predigtgedanken zu Erntedank am 04.10.20  geschrieben von Silke Hars Prädikantin i. A.

Markus 8,1-9

Liebe Gemeinde,

es wird berichtet, dass die Menschen Jesus drei Tage lang zugehört haben. Worte aus der Fülle. Worte die auf einen Mangel treffen. So  heißt es in der Geschichte von der Speisung der Viertausend. Es jammert Jesus angesichts des Hungers der Menschen, die ihm drei Tage lang zugehört haben, was soll man jetzt tun?

Jesus macht eine Bestandsanalyse. So fragt er seine Jünger „ Wie viele Brote haben wir?“ Sieben Stück ! Kam zur Antwort. Ich frage mich schon die ganze Zeit, woher die Brote kamen. Hatte jemand noch so einen Vorrat und war bereit zu Teilen oder waren die sieben Brote das Ergebnis einer Sammlung unter den Zuhörern?

Warum waren Menschen bereit sich von ihrem Eigentum zu trennen, was war geschehen? Drei Tage lang haben sie Jesus zugehört. Drei Tage haben sie Worte aus der Fülle erhalten. Ein Mann der sie so reichlich beschenkt hat, ist da Vertrauen gewachsen? Können sie Jesus nun auch etwas anvertrauen, in diesem Fall ihr Brot? Vielleicht ist die Gemeinschaft zusammen gewachsen? Vielleicht haben Jesu Worte sie berührt, das es sie so mitgenommen hat.

„ Er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie austeilten und sie teilten sie unter das Volk aus.“ Jesus nimmt was er hat und dankt dafür. Er dankt Gott. Das Wenige , was da ist wird als Geschenk gesehen, als Gabe von Gott. Als geschenkte Möglichkeit! Dankbarkeit weitet den Blick, hin zu Gott und hin zum Nächsten. So entsteht die Möglichkeit des Teilens. Die Fülle entsteht im Teilen. Sie ist nicht die Grundlage, sondern das Ergebnis.

Sie aßen und wurden satt. Das Wenige reicht und nicht nur das, sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Welch eine Fülle. Von sieben Broten und wenigen Fischen werden 4000 Menschen satt. Die übriggebliebenen Brocken werden in sieben Körben gesammelt. Die vorhandenen Gaben reichen für alle, wenn man sie teilt! Aus Mangel entsteht Fülle.

Ein schöner Gedanke zu Erntedank. Auch heute begegnet uns ja der Begriff des Dankens.

Teilen, was wir haben. Darum sind symbolisch Früchte des Feldes um den Altar geschmückt, wir danken Gott für das was wir haben. In manchen Gemeinden kann man diese Früchte nach dem Gottesdienst mit nach Hause nehmen, in den Alltag. Zur Erinnerung, Danke und Teile! Diese Erinnerung haben wir nötig. Wenn man sich bei uns umschaut, so herrscht nicht gerade der Mangel, bei einzelnen Personen sicher schon, in der gesamten gesellschaftlichen Situation wohl eher nicht. Trotzdem tun wir uns schwer mit dem Teilen. Wohl aus der Angst heraus, zu kurz zu kommen.

Als im Frühjahr dieses Jahres die Corona Pandemie in Deutschland herrschte, kam es zu Hamsterkäufen, die völlig unnötig waren. Wasser, Mehl, Nudeln und Toilettenpapier wurden gekauft und gehortet, sodass es kurzfristig zu Engpässen im Einzelhandel kam. Viele dachten nur an sich und schlugen alle gutgemeinten Ratschläge in den Wind, jetzt nur nicht panisch reagieren. Die Angst vor dem Mangel führte dazu, das sich die Menschen mit Vorräten eindeckten und dabei zuerst an sich selber dachten.

Die vorhandene Fülle wurde aus Angst ins Gegenteil gedreht. Was für eine Geschichte, ja Gegengeschichte zu unserem heutigen Predigttext. Was hilft gegen die Angst zu kurz zukommen? Was hilft, damit wir ins Danken und ins Teilen kommen? Was hat die Menschen dazu gebracht loszulassen, zu teilen? Frage ich mich ,wenn ich auf den Predigttext schaue.

Sicherlich waren es die Worte, die sie von Jesus gehört hatten. Worte, die sie in Verbindung zu Gott gebracht haben. Gott der Menschen groß machen möchte, wo sie erniedrigt werden. Worte, die ihnen eine Richtung für ihr Leben geben, wo sie die Orientierung verloren haben. Worte, die sie freisprechen, wo sie schuldig geworden sind. Kurz-  Worte, die ihnen ein neues Leben in der Beziehung zu Gott und zu ihrem Nächsten zeigen.

In diese Veränderung, in diese Bewegung, die damals geschehen ist, können auch wir uns einfinden. Wir können die Worte Jesu auf uns wirken lassen. Wie in der Geschichte der Speisung der viertausend weiß er, was wir brauchen. Als ein geliebtes Kind von Gott angesehen zu werden, kann ich absehen davon, nur auf meinen Gewinn, auf meinen Vorteil zu schauen. Ich kann meinem Nächsten, meinem Gegenüber in Not ansehen und mit ihm teilen, was ich habe. Ich komme nicht zu kurz, auch wenn ich etwas abgebe. Dafür sorgt Gott.

Und der Friede Gottes der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, Amen

 

 


Predigtgedanken für Sonntag den 20.09.2020

Mose 2 ,4- 25

Liebe Gemeinde,

was muss das für ein Gefühl gewesen sein, als Adam sich zum ersten Mal reckte und streckte? Erde und Staub waren nicht länger totes Material. Es spannte sich als Haut über seine Knochen, Muskeln und Sehnen bildeten sich. Warmes Blut pocht in den Adern.

Die Schöpfung ist noch im Rohzustand. Leben brodelt unter der Oberfläche, es will keimen und sprießen. Larven wollen schlüpfen, es gibt aber noch keinen Plan wie alles werden soll. Adam ist geformt worden aus dieser Erde , so ist es überliefert worden. Der Herr gibt im Lebensgeist – ohne diesen Geist wäre er ein Klumpen Erde geblieben.

Gott bereitet einen Garten, er setzt wundervolle Bäume und Adam bekommt eine Berufung: Bebaue und pflege diesen Garten, vergrößere ihn, verwandle die rohe Schöpfung in ein Paradies.

Das Paradies ist kein Ort von Stillstand, sondern die Keimzelle der Schöpfung, ein Raum für Kreativität. Man hat die Freiheit etwas zu tun, sich auszutoben. Dafür sind auch die vier Flüsse wichtig.

Pischon und Gihon fließen da, zwei Flüsse die wir nicht mehr kennen, die Welt hat sich verändert. Die beiden Flüsse Euphart und Tigris  gibt es noch, sie fließen durch den Irak. Das Paradieswasser fließt dort hindurch, eigentlich müssten wir Schaufeln und Gießkannen dorthin schicken und was haben wir Menschen gemacht? Wir schicken Waffen. Die Welt hat sich geändert. Wir haben uns verändert. Das Gefühl für mehr berufen zu sein, das ist die Quittung dafür, dass wir diese Welt geändert haben. Manchmal verspüren wir  die Sehnsucht nach dem Paradies, wo alles so schön und ruhig ist, doch wie finde ich den Weg dorthin? Die Sehnsucht bleibt, auch wenn die Liste der Sinnlosigkeiten länger und länger wird.

Gottes Lebensgeist durchströmt ein jeden von uns aber unser Weg führt uns nicht zwangsläufig zu ihm.

Wer das Paradies sucht hat die Qual der Wahl. Ein Blick in die Gelben Seiten reicht, es gibt: Wellness-, Hunde-, Katzen-, Kinder- FKK-, Küchen und Fliesenparadiese. Alle haben in ihrem Namen das wonach wir uns sehnen, welches Paradies hält, was es verspricht?

Ist die klinische Reinheit eines Fliesenparadieses vergleichbar mit dem tobenden Leben zwischen Obstbäumen im Garten Eden? Der Garten war nicht gekachelt. Das Wellnessparadies bietet Momente der Entspannung, bevor du wieder raus musst in den grauen, nassen Wintertag. Es ist keine Keimzelle des Lebens, sondern ein verzweifelter Zufluchtsort. Wer bei RTL in  „ Adam sucht Eva“ mitmacht, wird nicht als Krone der Schöpfung gefeiert, sondern bloßgestellt. Sind wir wirklich noch auf der Suche?  Manchmal besteht ein Leben aus dem erhaschen des falschen Paradieses. Ich sehne mich danach, dass diese Welt eine Oase der Freiheit und der Gerechtigkeit wird. Die Steppe soll jubeln und blühen und unser Tisch soll reichlich gedeckt sein.

Amen


Predigtteil  zu Matthäus 11,25 bis 30 für Sonnta den 21.06.20

Jesu Lobpreis. Der Heilandsruf

25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart.

26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.

27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.

30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Die Schulter, eine Schlüsselstelle des Körpers zwischen Schlüsselbein und Schulterblatt. Sie gehört zu mir, ich denke nicht über sie nach, solange sie tut, was sie soll, tragen, was auf ihr liegt.

Die Schulter ist auch eine empfindliche Stelle, sie reagiert sofort, wenn ich einer Anspannung ausgesetzt bin. Ich versuche die Schultern nicht zu vergessen, gleich morgens beim Aufwachen lasse ich sie hängen und dann ein paar Mal vorsichtig kreisen. Ich spüre genau, das ich letzte Nacht unglücklich draufgelegen habe, leise kracht es im Gebälk, es ist schwer heute aufrecht zu gehen und ich lasse die Schultern nochmal kreisen und dann auf in den Tag.

Auf vielen Schultern liegen Geschichten, die ein Mensch schon erlebt hat und die er nicht loswird. Geschichten schwer wie Blei, Geschichten vom Verlieren, vom Alleinsein oder vom Alleingelassen werden. Auf allen Schultern liegt etwas, an allen Schultern ziehen Lasten in Rucksäcken und Umhängetaschen.

Oft sehe ich was die anderen tragen, es ist meistens viel schwerer als meins, manchmal muss ich eine Pause machen, die Schultern hängen und kreisen lassen . Dann ist da jemand, den es interessiert, ob mir meine Portion zu schwer ist, ob ich überladen, überfordert, überlastet bin von dem was ich mit mir herum schleppe. Komm her! Sagt Jesus, ihr alle, die ihr an euren Rucksäcken, zentnerschweren Eimern, Einkaufskörben, an euren Laptoptaschen, Schulranzen, an euren Geldsorgen und Kummer zu schwer tragt. „ Kommt her zu mir! Ich will euch erquicken!“

In Zeiten, die manchmal nicht so leicht sind, höre ich oft den Satz von lieben Menschen, Tu dir mal was Gutes. Freundliche Fürsorge klingt da mit und die Frage, Könnte es sein, dass es gerade alles zu viel ist für dich? Könnte es sein das du einfach mal was brauchst, was dich freut? Ein Eis oder schwimmen gehen? Es tut immer gut das zu hören. Manchmal braucht es so einen Anstoß, um auf die eigenen Bedürfnisse aufmerksam zu werden. Auch eine Kunst, die gelernt sein will, mir selbst etwas Gutes zu tun. Kommt her zu mir, sagt Jesus. Ich will euch erquicken. Hier ist es nochmal anders, hier muss ich mir nicht selbst was Gutes tun. Eure Bedürfnisse kenne ich besser als ihr. Es gibt Dinge die können wir nicht kaufen oder irgendwo abholen, da sind wir drauf angewiesen, dass wir sie geschenkt bekommen, dazu ist Jesus da ,er will uns erquicken.

Wie allein dieser Satz den Krampf in den Schultern löst“ Ich will euch erquicken.“ Wie er mich innerlich aufrichtet, weil ich merke, hier geht es um mich. Es geht ihm darum, dass ich es leichter habe, dass ich nicht so schwer trage an dem, was ich mit mir herumschleppe. Ich werde auch nicht zwangsbeglückt mit etwas, das ich nicht will und brauche. Nein! Ich werde erquickt.

„Kommt her zu mir!“ Das klingt so leicht, so einladend, so schön. Aber wo ist das? Wohin muss ich gehen, wenn ich zu ihm kommen will? Wo finden die ihn, die noch viel mühseliger und beladener sind als ich selber, die ihn noch viel dringender bräuchten als ich? Vielleicht würde ich zuerst in der Kirche nach ihn suchen, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, er ist dort wo diese Wörter laut erklingen. Vielleicht ist er im Licht, das durchs Fenster fällt, in der Flamme der Kerze auf dem Altar, im Klang der alten Melodie. Oder finde ich ihn draußen? An der Bushaltestelle? Auf dem Zebrastreifen, wo mich im Aneinander Vorbeigehen jemand so anstrahlt, dass ich zurückstrahlen muss. Ist er im Schulbus, wo der Jakob den kleinen Lukas vor seinen Peinigern schützt?

„Ich will euch erquicken,“ sagt Jesus. Es passiert jeden Tag. Die Schultern tun weh, ich stelle den schweren Rucksack ab. Ich brauche eine Pause und der richtige Platz ist hier, Gott sei dank. Hier ist jemand, den es interessiert, wie schwer das Gepäck ist. Dann gehe ich weiter, ich gehe aufrecht und spüre die Erleichterung in den Schultern. Jetzt trägt an meinem Gepäck jemand mit. Jesus sagt“ Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ Amen

 


Predigtteil zur Apostelgeschichte 4, 32 bis 37

Die Gütergemeinschaft der ersten Christen

 

32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. 33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. 34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. 36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, 37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

„ Das gibt es doch gar nicht!“ Wie oft durchfuhr uns dieser Satz in den zurückliegenden Wochen und Monaten. „ Das kann es doch nicht geben!“ Sprachlos waren wir, wenn wir auf immer neue Schreckensstatistiken blicken mussten, wenn wir die Nachrichten sahen von Menschen und Ländern, die es noch viel härter getroffen hat als uns hier in Deutschland. So eine globale Krise hat noch keiner von uns erlebt.

„ Das gibt es doch gar nicht!“ Wie oft waren wir aber auch ergriffen, was in der Krise plötzlich alles möglich ist. Menschen halten zusammen und helfen einander. Bei allen notwendigen Abstandsgeboten, unglaublich viele Ideen entstehen, wie das Leben trotzdem weitergehen kann. Staaten geben Milliarden frei, um die in Not Geratenen zu unterstützen.   In der Seelsorge, in der Art, wie Gemeinden Gottesdienst feiern sind die Ideen wie Frühlingsblumen aus dem Boden geschossen.

Gottesdienste zu Hause oder per Internet. Seelsorge und Beratung per Videokonferenz, oder wie in unserer Kirchengemeinde die Predigten , Gottes Wort an die Haustür bringen. Sorge für die Schwächsten in der Gesellschaft, für die Obdachlosen und für Kinder in angespannten Familienverhältnissen. Vor ein paar Monaten hätten wir wohl über das meiste davon auch gesagt „ Das gibt es doch gar nicht!“ Doch das gibt es.

Aus der Apostelgeschichte des Evangelisten Lukas hören wir nun von der Gütergemeinschaft der ersten Christen. Wow! Ungläubiges Staunen! So soll das in der ersten Gemeinde in Jerusalem gewesen sein? Alle Einkünfte die jemand hatte, waren für alle da ? Rücklagen wurden geteilt? Erlöse aus Immobilen flossen in die gemeinsame Grundversorgung ein. Da soll es keine Konflikte gegeben haben? Ein Herz und eine Seele war die ganze Gemeinde? „ Das gibt es doch gar nicht!“ Ein schöner Traum. Das ist doch zu schön, um wahr zu sein. Das kann nicht klappen und der Evangelist Lukas sagt uns, dass es das gab und das kann es wieder geben.

Hier ein Beispiel: Ich erinnere mich daran, wie die Methode des Crowd Funding in den vergangenen Wochen soziale Projekte in aller Welt vor dem Ruin bewahrt hat. Via Internet werden von sehr vielen Gebern kleine Beträge eingesammelt, um das notwenige Eigenkapital für Projekte zusammen zu bringen. Es geht! Es schafft nicht den Himmel auf Erden, aber es ist allemal besser als hemmungslose Privatisierung und Profitsteigerung in der Krise und Hamstern und Horten.

Darum erwähnt Lukas auch den Josef so besonders. Der hat es genauso gemacht, wie es der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht. Denken wir an den „ reichen Kornbauern“, der gute Erträge hat, der Scheunen baut und Rücklagen bildet und plötzlich vor der Frage steht „Wofür das alles?“Auf der anderen Seite Zachäus,der sich von der betrügerischen Selbstbereicherung löst. Jesus lobt im Lukasevangelium auch die Witwe, die im Tempel ihren letzten Groschen in den Opferstock legt und damit alles weggibt, ihre letzte Sicherheit, die sie noch zum Leben hat. Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt.

Vielleicht sind wir zu dieser Radikalität, die der Evangelist Lukas in seinem Evangelium schreibt nicht fähig. Sicher ist auch eine Kommunität, in der allen alles gehört, weil sie so gut wie kein persönliches Eigentum haben, nicht das Lebensmodell für alle und jeden. Doch die Haltung die dem zugrunde liegt, an der können wir uns orientieren.  Amen     Bleiben sie behütet ihre Silke Hars


Pfingstmontag ( 01.Juni 2020 )

Predigtgedanken zu Johannes 20,19-23

„Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“

 

 

Liebe Gemeinde,

beim ersten Hören des Predigttextes bin ich ein bisschen zusammengezuckt, als Jesus seine Jünger angehaucht hat. Das geht doch nicht! So etwas stößt bei mir gerade auf reflexhaften Widerstand. Das kann doch ansteckend sein! Diese Alarmglocke kenne ich aus den ersten Wochen der Corona- Einschränkungen, wenn ich im Fernsehen Menschen dicht an dicht gesehen habe, beim Tanzen, beim Sport am Esstisch oder in Umarmungen.

Viele Millionen Menschen haben sich auf Anordnung ihrer Regierungen in ihre Wohnungen und Häuser begeben, in manchen Ländern mit strengeren Ausgangsbeschränkungen. Für uns in Deutschland gab es immer noch viel Bewegungsfreiheit, manche sind freiwillig aus Angst vor der Ansteckung oder auf Drängen ihrer Angehörigen in ihren Häusern geblieben. Andere waren trotz Einkäufen, Radtouren oder Spaziergängen abgeschnitten von alltäglichen menschlichen Kontakten bei der Arbeit, in der Schule oder im Kindergarten. Kindergeburtstage, Verwandtenbesuche, Stammtisch, Partys alles abgesagt.

Für häusliche Menschen war der Unterschied vielleicht nicht so gewaltig, aber die Kontaktfreudigen, Unternehmungslustigen sind in ihrem Lebensgefühl, ja Lebenstempo schwer ausgebremst worden. Plötzlich stand das eigene Zuhause im Mittelpunkt, man kann von zuhause aus arbeiten, und auch die Küche ist für viele wichtiger geworden. Kantinen und der Mittagstisch in der Gaststätte gegenüber waren ja geschlossen. Viel Platz zuhause oder gedrängte Enge! Zum Beispiel am Laptop, den sich jetzt die Familien teilen müssen, manches Kind wird noch mehr Stunden als sonst unbeweglich am Smartphone geklebt haben. Am schlimmsten hat es aber die Schwächsten getroffen, Menschen mit Demenz im Pflegeheim, Patienten im Krankenhaus, abgeschnitten von Freunden und Angehörigen.

Der Satz „ Die ersten Christen waren Juden“, hat unmittelbare Überzeugungskraft. Er bewirkt ein Aha- Erlebnis, klar, das waren Juden! Sie sind als Juden im Zusammenhang mit ihrer jüdischen Bibel und Tradition zu dem Glauben gekommen, dass der gekreuzigte Jesus von Gott zum Leben erweckt wurde.

 

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes und zugleich der Geburtstag der Kirche. Wir erinnern uns an den Anfang, den Beginn der christlichen Gemeinde. Der gute Geist Gottes hat damals, am ersten Pfingstfest, die aus allerlei Völkern und Ländern bunt zusammengewürfelte erste Gemeinde so begeistert und mit dem Feuer des Glaubens angesteckt, dass sie einander verstanden haben – über alle kulturellen, sprachlichen und Grenzen der Herkunft hinweg. Auch heute dürfen wir in unserer christlichen Gemeinschaft auf diese Kraft des Geistes vertrauen. Gerade dann, wenn wir das Gefühl haben, die Welt sei „ von allen guten Geistern verlassen“, angesichts aller Krisen, der Gewalt, der Terrorakte, Pandemie und kriegerischen Auseinandersetzungen, aller politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen, die uns beunruhigen.

Der Evangelist Johannes erzählt vom Kommen des Heiligen Geistes nicht erst fünf Wochen nach Ostern, sondern am Tag der Auferstehung. Die Jünger hatten sich eingeschlossen, weil sie der Hinrichtungstod Jesu am Kreuz niedergeschlagen hatte. Sie hatten Angst, nach ihrem Rabbi als nächstes selber verhaftet zu werden.

Sie waren zusammen, sie hatten einander. Wir wissen aber nicht , ob das eine Hilfe für sie war. Jeder Einzelne geht unterschiedlich mit Trauer und Angst um. Auch heute in unseren Familien, zum eigenen Schmerz muss man auch die Wut des anderen aushalten. Oder die laute Musik von dem, der sich gerade Luft machen muss, um sich abzulenken.

Ich glaube nicht, dass die Jünger in der Lage waren, wie so manche von uns in den letzten Wochen ihre Wohnung oder Haus auszumisten. Der Beschränkung etwas  Gutes abgewinnen, das geht nur, wenn ich einen Ausgang sehe. Unsicherheit macht sich bei den Jüngern breit. Die Nachrichten Bruchstücke von draußen verstärken, was sowieso in ihren Herzen ist. Viel Neues kommt nicht zu ihnen herein. Durch Fernsehen, Telefon und Internet hatten wir in den letzten Wochen viel mehr Fenster in die Welt als die Jünger damals. In diese Verschlossenheit tritt der auferstandene Jesus Christus hinein, er zeigt sich ihnen als der Gemarterte, der die Kreuzigungsmale an sich trägt. Aber offensichtlich war seine Gestalt nicht mehr die gleiche wie vor Ostern. Der Jesus vor Ostern, vor der Kreuzigung und der Jesus nach Ostern – es ist derselbe Jesus, aber in anderer Gestalt. Die kreisenden Gedanken stehen still.“ Schalom  – Friede sei mit euch.“  Im Orient ist das bis heute eine ganz alltägliche Begrüßung und heißt einfach übersetzt“ Hallo, ich bin wieder da, oder wie man bei uns sagt, Moin.“  Die Niedergeschlagenheit der Jünger wird weggeweht. Jetzt kommt wirklich frischer Wind in ihre Quarantäne.

Der Evangelist Johannes erzählt“ Schon am Ostertag hat der Auferstandene den Blick seiner Freunde über den eigenen Horizont geweitet.““ Das Schalom- Friede sei mit euch.“ bekommt jetzt Gewicht. Denn das ist seine Mission, Gottes heilende, friedensstiftende Kraft unter die Menschen zu bringen. „ Den Frieden lasse ich euch da“ hat er in seinen Abschiedsreden gesagt, jetzt geschieht das. Die Jünger, die es empfangen haben, sollen es hinaus tragen. „ Wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch.“

Damit ihnen nicht die Luft wegbleibt, bläst ihnen der Auferstandene jetzt ins Gesicht „ Nehmt hin den Heiligen Geist!“ Was uns in Corona Zeiten daran stört, ist ja, das die Atemfeuchtigkeit wohl andere anstecken kann. Andererseits hat schon so mancher Ersthelfer durch Mund zu Mund Beatmung Leben gerettet. In der Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose Kapitel 2 steht, dass Gott dem aus Erde geformten Menschen seinen Lebensatem in die Nase bläst und dass er so zu einem lebendigen Wesen wird.

In der gestressten und getriebenen Welt der letzten Jahre haben viele diese Lebensader neu entdeckt, den eigenen Atem spüren. Beim Yoga, in einer kleinen Übung oder in gehetzten Momenten langsam und tief durchatmen und Angst und Druck abklingen lassen, die eigene Mitte spüren. Wenige verbinden diese wertvolle Erfahrung mit den Bibeltexten, dabei gehört beides zusammen. Der Atem Gottes beseelt uns, so erzählt die Schöpfungsgeschichte. Aus dem Evangelium von Johannes weht der Atem des Auferstandenen auch uns heute ins Gesicht. Er will uns inspirieren, er kann uns begeistern für Gottes guten Willen. Erkennen was gut für uns und für das Zusammenleben der Menschen und gut für die Erde ist. Das Gute versuchen mit Geduld und Zuversicht und mit einem langen Atem.

Schalom – Friede sei mit euch!

Amen

Bleiben sie behütet ihre und eure Silke Hars


Predigt für den 5. Sonntag nach Ostern, Rogate

„Wenn Ihr betet, dann tut es nicht wie die Scheinheiligen! Sie beten gern öffentlich in den Synagogen und an den Straßenecken, damit sie von allen gesehen werden. Ich versichere euch: Sie haben ihren Lohn schon kassiert. Wenn du beten willst, dann geh in dein Zimmer, schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen.

Wenn ihr betet, leiert nicht Gebetsworte herunter wie die Heiden. Sie meinen, sie könnten bei Gott etwas erreichen, indem sie viele Worte machen. Ihr sollt es anders halten. Euer Vater weiß, was ihr braucht, bevor ihr ihn bittet. So sollt ihr beten:

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

Und die Kraft

Und die Herrlichkeit

In Ewigkeit

Wenn ihr den andern vergebt, was sie euch angetan haben, dann wird euer Vater im Himmel euch auch vergeben. Wenn ihr aber den andern nicht vergebt, dann wird euer Vater euch eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ (Mt.6, 5-15)

 

Liebe Gemeinde,

es ist schon über zwanzig Jahre her. Ich war damals Pastor mit halber Stelle in einer kleinen Gemeinde am südlichen Lübecker Stadtrand, und mit halber Stelle Religionslehrer an zwei Berufsschulen, der G III am  nördlichen Rand, und der G I im Zentrum. Ich lebte damals allein in einer Wohnung in einem großen Mehrfamilienhaus mit Laubengängen im vierten Stock, getrennt von meiner damaligen Frau, meiner Tochter und meinem Sohn, die in Hamburg geblieben waren.

Damals hatte ich in etlichen Berufsschulklassen Schüler und SchülerInnen aus den (wie man damals noch sagte) „Neuen Bundesländern“. Viele von denen hatten noch nie eine Kirche von innen gesehen. So hatte ich mir ein besonderes Projekt für diese Klassen überlegt: ich machte Ausflüge mit ihnen in Kirchen. Ich ging mit den Klassen der G I meistens in die große St. Marienkirche, ein beeindruckendes Beispiel norddeutscher Backsteingotik. Ich machte vor der Kirche immer dieselben Ansagen: „wir betreten die Kirche durch das Seitenportal. Schweigend. Sobald wir drinnen sind, wenden Sie sich bitte zunächst nach links, gehen dann Richtung Hauptportal, wenden alsdann den Blick Richtung Altarraum. So öffnet sich Ihnen der Blick, den früher Pilger beim Betreten der Kirche hatten. Daraufhin sehen Sie sich gern noch ein bischen um, sammeln Sie Eindrücke. In 20-30 Minuten treffen wir uns dann vor der Absperrung des Altarraumes und tauschen Eindrücke und Fragen aus.“

Das Projekt lief gut, und ich hatte etwas Zeit für mich, während die SchülerInnen sich die Kirche ansahen. St. Marien hat eine Seitenkapelle, die „Gebetskapelle“. An jedem Tag meines Projektes zündete ich erstmal zwei Kerzen zur Fürbitte für meine fernen Kinder an, und schlüpfte dann, sobald ich mich unbeobachtet fühlte in die Gebetskapelle, um im stillen Gebet und der Meditation der Tageslosung, die immer aufgeschlagen auf dem Altar lag, etwas Kraft zu tanken. Genau das hatte ich auch an jenem Tag so gehalten, an dem ich mit einer Kfz-Oberstufe in St. Marien war. In besagter Kfz-Oberstufe waren besonders viele Schüler aus den „Neuen Bundesländern“. Zwei von Ihnen hatten mich beobachtet, und sie waren neugierig geworden: was ich denn in der Seitenkapelle gewollt hätte, wollten sie wissen und da stünde doch über dem Eingang: „Nur zum Gebet“. Sie hatten mich erwischt. Nun ja, erklärte ich ihnen, ich hatte in der Tat gebetet. Ich bin Christ, solche Leute tun das zuweilen. Die Schüler waren skeptisch: Sie hätten mich genau beobachtet, ich hätte ja gar nicht gebetet, zumindest hätte ich ja gar nichts gesagt. Immer mehr Schüler versammelten sich um uns, es entstand ein Gespräch über das Gebet. Was das denn sei, was das soll, ob ich um irgendetwas Besonderes gebetet hätte, und Vieles mehr. Ich erklärte ihnen, dass ich manchmal zum beten gar keine Worte brauche, und das mein „Ausgangsgebet“ immer das Vater Unser ist. Und ich sprach es ihnen einmal vor. Die Atmosphäre wurde unglaublich dicht. Wir sprachen über Gebetshaltungen und Gebetsinhalte, über Gebetszeiten und Gebetsorte. Ich erzählte ihnen, dass es zur Zeit Jesu feste Gebetszeiten gab, zu denen die Menschen beteten, wo sie sich gerade befanden. Das konnte in der Synagoge sein (Kirchen gab es noch nicht, Moscheen wurden noch später gebaut…), Jesus war Jude, aber auch im Bett, auf dem Acker, oder eben auch auf der Straße. Allerdings waren Jesus wohl ein paar Menschen aufgefallen, die sich zu den Gebetszeiten häufig an besonders exponierten Orten aufhielten, um gesehen, und für besonders fromm gehalten zu werden. Er hielt diese Leute für Scheinheilige, und empfahl seinen JüngerInnen, lieber im Zimmer bei verschlossener Tür zu beten. Damit wollte er ihnen nicht, wie es sooft behauptet wird, den Rückzug ins Private oder in die Innerlichkeit nahelegen, sondern gemeint war, dass sie sich von den Scheinheiligen abgrenzen sollten. Gott, der im Verborgenen ist, sieht das Verborgene: erkennt die innere Haltung im Gebet. Das gilt auch für den Inhalt des Gebets: klar, kurz und gerade heraus. Keine rhetorischen Meisterwerke, keine liturgischen Leerphrasen, kein Geleier, kein heidnisches Geplapper und Gedröhne. Und so beschenkte er sie mit dem Vater Unser, dem Gebet, das wir im Zentrum der Bergpredigt, der Magna Charta des Reiches Gottes finden. Dem Aufbau ( Gottesanrede, sieben Bitten und abschließender Lobpreis, sog. Doxologie) nach ein typisch jüdisches Gebet, auch inhaltlich nahe an der Amida, dem Achtzehnbittengebet, das in jedem jüdischen Gottesdienst gebetet wird, bzw. dem Kaddisch, einem Gebet, das am Sterbetag eines Angehörigen gebetet wird. Wie die Schüler und ich feststellen konnten, ist das Vater Unser ein Gemeindegebet(schon der Genitiv „Unser“ legt ein Kollektiv zum Beten nahe) ohne spezifisch auf eine spezielle Religion oder Konfession festzulegende Inhalte. Seine konkreten Formulierungen zielen ab auf Inhalte, die allen Religionen und Konfessionen elementar wichtig sind (zumindest sein sollten): Gerechtigkeit, Vergebung und die Abwehr des Bösen, der Gewalt. Wer Gott als Vater bzw. Mutter anredet und es ehrlich meint, kommt nicht umhin, auch alle anderen Menschen als Kinder Gottes, geliebt und gehalten wie ich selbst(!) anzuerkennen. Die Heiligung seines Namens hat selbstverständlich mit Haltung und Verhalten seiner Kinder zu Ihm und zu einander zu tun. Das gibt dem Vater Unser neben der religiösen auch eine politisch-ethische Dimension. Die Bitte um das Reich und das Geschehen des Willens ebenso: ein Vater kann nur wollen, was gut für seine Kinder ist, das „Reich Gottes“ bedeutet Erfüllung in Frieden und Gerechtigkeit für alle. So auch die Bitte um das tägliche Brot: für Alle! Nicht nur für Nordwest-Europa! Auch Vergebung ist keine Einbahnstraße, wenn Frieden wahr werden soll!


Sonntagsgedanken

 

Am kommenden Sonntag hätten wir erstmalig wieder die Gelegenheit gehabt, Gottesdienst zu feiern. Allerdings nur, wenn wir bis dahin die Hygieneauflagen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie vollumfänglich hätten erfüllen können. Können wir aber nicht: es ist kein Desinfektionsmittel aufzutreiben… Ich hätte mich mich gefreut, wenn es geklappt hätte, selbst wenn ich weiss, dass eine gottesdienstliche Feier nur sehr eingeschränkt stattfinden kann. Wir werden nicht singen dürfen, und das nicht nur nicht am Sonntag Kantate (Latein: „singet!“)! Aber immerhin können wir mal wieder unsere Orgel hören. Es wird auch nur eine begrenzte Anzahl Menschen den Gottesdienst besuchen können, denn die Abstandsregeln gelten selbstverständlich auch im Hause Gottes, ebenso die Verpflichtung, Nase-Mundschutz zu tragen, zur Vermeidung von Infektion unserer Mitmenschen…

Unter diesen Bedingungen und Auflagen können wir (vorbehaltlich der Zustimmung unserer Kirchengemeinderäte) also wieder Gottesdienst feiern, sobald man sich auch bei uns die Hände desinfizieren kann. Es wäre spannend gewesen, die alte Geschichte von der Einweihung des Salomonischen Tempels in Jerusalem zu hören und gleichzeitig merkwürdig, denn die Umstände werden auch künftig so ganz andere sein als damals, mehr als 900 Jahre vor unserer Zeitrechnung…

In 2. Buch der Chronik im 5.Kapitel in den Versen 2-16 wird erzählt, wie es damals gewesen sein soll: Alle Honoratioren, Stammesälteste und Fürsten, Priester und Leviten waren versammelt, um die Bundeslade in das Allerheiligste im damals nach zwanzigjähriger Bauzeit fertiggestellten Tempel zu begleiten. Es wird erzählt von einem feierlichen religiösen Staatsakt in Pracht und Würde, aufwendig und akribisch durchchoreografiert, von Musik und Gesang einer grossen Menschenmenge, die auf magische Weise sich im Lob Gottes zusammenfinden zu einer Stimme. Der richtige Ton ist getroffen, der Gelobte ist plötzlich da. Gott ist gegenwärtig, wie einst am Sinai, wie im Zelt der Begegnung (Luther übersetzt „Stiftshütte“) zur Zeit der Wüstenwanderung. Als Wolke erfüllt die Gegenwart Gottes das Allerheiligste, unterbricht den Ablauf  der Feierlichkeiten wie zur Warnung: seht zu, dass ihr mit eurem gut gemeinten Betrieb nicht euch selbst feiert, nicht eure gesellschaftlich- bürgerlichen Logiken stabilisiert und die Bundeslade zu einem goldenen Kalb eurer religiösen Bedürfnisbefriedigung macht!

Nicht nur am kommenden Sonntag werden wir in unserer Kirche nicht singen können. Zur Zeit steht übrigens auch noch der Rasentrecker im Mittelgang. Doch sobald wir Desinfektionsmittel haben, wird die Orgel (hoffentlich) den Ton treffen und unsere Kirche erfüllt sein. Nicht nur von Luft, Licht und Rasentrecker!

Einen gesegneten Sonntag aus Stuvenborn!

Craig Schott


 

Predigtgedanken zum Sonntag Jubilate 03.05.2020

Predigttext Johannes 15,1-8

Der wahre Weinstock

151 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.

2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.

3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.

4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen.

7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

 

 

Liebe Gemeinde,

Die Bibel schenkt uns Bilder, Bilder voller Kraft, Leben und Fülle. Sie entstehen im Kopf und brauchen nicht viele Worte. Der Weizen der Frucht bringt, der gute Hirte, das frische Wasser. Bilder gefüllt mit Leben, Hoffnungen und Sehnsüchten. Auch im heutigen Predigttext begegnen uns Bilder, Lebens- Bilder. Der Weinstock und die Reben. Gleich hat man die Herbstsonne vor Augen, die reifen Trauben kurz vor der Ernte. Man will probieren, ob sie die Süße schon erreicht haben. Die belebende Frische des Weines an einem Sommerabend lässt sich förmlich erahnen am Gaumen. Zurücklehnen und genießen.

Mit einleuchtenden Bildern kann man die Verbindung von Weinstock und Reben, von Frucht und Lebensströmen deutlich machen. „ Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Wie Reben auf den Weinstock angewiesen sind, so bekommen die Jünger von Jesus und seine Gemeinde die Lebenskraft von ihm. Vorausgesetzt sie Bleiben in ihm, bleiben an ihm und Jesus an ihnen, so verbunden wie Frucht und Rebe, wie der Weinstock und jeder einzelne Trieb, der aus ihm wächst.

Mit solchen starken Bildern im Kopf schreibt man Predigten. Jesus wird damals wohl den Gang durchs Weizenfeld oder das beobachten einer Schafsherde benutzt haben. Mit welchen Bildern würde er heute predigen? Was würde er den Menschen sagen, die im Norden wohnen weit weg von den Weinbergen oder Menschen in hohen Wohnblöcken die keine Schafsherde sehen.

Ich denke an eine Situation die ich mit meinem Sohn erlebt habe. Er war auf dem Rückweg vom DLRG Wochenende und wollte sich melden wenn er in Bad Oldesloe am Bahnhof ist per Handy. Nun hatte er kein Ladekabel dabei und schon sank der Ladezustand und das Handy schaltete sich ab. Kein Lebenszeichen mehr. Er stand am Bahnhof und niemand erwartete ihn, niemand der ihn herzlich begrüßte. Keine Sorge, ich habe ihn noch abgeholt , mit vielen hin und her, er hatte sich das alles einfacher vorgestellt.

Keine Energie mehr, kein Strom mehr- kein Lebensstrom, um die Verbindung zu halten. Getrennt wie die abgeschnittene Rebe vom Weinstock. Das Handy, wertlos weil es nicht aufgeladen war. Die Kommunikation am Ende. Mir ist klar, dass die Bilder aus der Bibel voller Leben und Fülle sind und dass der Lebensstrom eines Handys kaum an die Fülle eines Saftes am Weinstock heranreicht, doch dieses Bild ist dicht dran an uns, am Leben, aber auch an der Kraftlosigkeit vieler Menschen. Bei vielen sind die Akkus wie ausgelaugt, ausgebrannt. Manche haben das Gefühl, sich abzuarbeiten, ohne das es eine Frucht bringt. Man fühlt sich wertlos, ausgebrannt und verdorrt, wie eine tote Rebe, saft und kraftlos.

Nochmal zu meinem Sohn, eigentlich achtet er immer darauf dass sein Akku aufgeladen ist. Er könnte ja etwas verpassen in der digitalen Welt zwischen you tube und WhatsApp, immer online, immer „ unter Strom“ .mit der Angst etwas verpassen zu können. In der unendlichen Fülle der News und Mails verpasst er garantiert etwas. Bis die Erschöpfung da ist, ob dann alles mit einer neuen Akku-Ladung getan ist?

Das Bild vom Weinstock lädt fast zum Nichtstun ein. Die Rebe muss den Lebensstrom nur fließen lassen und schon ist alles am Wachsen und Keimen was soll. Die Herzen nicht verschließen, dann wächst was Kraft bekommt zum Wachsen. Dann nehmen wir uns selbst den Druck, gute Früchte zu bringen, um den Erwartungen zu genügen. Lassen wir doch den Winzer an uns heran, vertrauen wir uns ihm an, wehren wir uns nicht, wenn das Gefühl fruchtlos zu  sein, wenn falsche Erwartungen oder Resignation in uns aufkommen,  damit wir wieder aufatmen können, damit der Strom des Lebens wieder fließen kann.“ Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ Das ist ein Stück Befreiung und zugleich eine Einladung, den falschen Leistungsdruck abzulegen.

Aus seiner Liebe können wir leben. Sie ist der Saft, die Kraft, die reifen und wachsen lässt. Sie durchströmt uns und lässt die Früchte reifen.

Starke Bilder! Amen

Bleiben sie behütet ihre und eure Silke Hars

 



 

Predigtgedanken für Misericordias Domini, Sonntag, d. 26.04.2020

Liebe Gemeinde,

erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Am heutigen Sonntag wollte ich eigentlich acht junge Leute, unter anderem unsere jüngste Tochter Emma, in unserer Petruskirche konfirmieren. Ein schöner, feierlicher Gottesdienst hätte es werden sollen, mit unserem Pop- und Gospelchor Come2light, in dem auch meine Frau Bettina mitsingt, mit einer schönen Abendmahlsfeier, fröhlichen Liedern…Konfirmation eben!  Stattdessen: ein Tag wie viele andere, Gottesdienstverbot, Corona -Krise und ein Ende nicht in Sicht. Die Kirchenpost liegt gedruckt im Gemeindehaus, ausgetragen wird sie nicht: kein Termin stimmt mehr, angekündigte Veranstaltungen fallen samt und sonders aus. Neue Termine zu benennen hielte ich unter den gegebenen Umständen für fahrlässig, fahren wir weiter vorsichtig auf Sicht.

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt…statt einer fröhlichen Familienfeier mit gutem Essen im Dorfgasthof nun viel Zeit zum Nachdenken, Nordic Walking mit dem Hund durch den Wald…Zeit, am Computer zu sitzen und Predigten voll auszuformulieren. Mir Gedanken machen, Theologie treiben, schliesslich bin ich ja Pastor. Aber..was für einer eigentlich? Menschen, die es gut mit mir meinen, sagen mir oft, ich sei „erfrischend anders“. Meine Mutter (88) glaubt bis heute, ich hätte nur Theologie studiert, um nicht zur Bundeswehr zu müssen, und mein Vater hat vor einigen Jahren verlauten lassen, ich käme ihm „nicht besonders religiös“ vor… sicher, ich bin nicht unbedingt ein typischer Vertreter meines Berufstandes. Ich mag keine religiösen Phrasen und Floskeln, und auch theologisch figurative „Richtigkeiten“ sind mir ein Graus. Ich bin auf meine Weise fromm, nicht so sehr im herkömmlichen Sinne. Ich glaube auch nicht daran, dass die Bibel in der Lutherübersetzung vom Himmel gefallen ist. Ich halte sie auch nicht für „Gottes Wort“. Ich weiss, dass die Bibel aus mehreren, zu verschiedenen Zeiten von ganz unterschiedlichen Menschen geschriebenen Büchern besteht. „Gottes Wort“ steht zwischen den Zeilen, weniger in ihnen. Für mich ist die Bibel nicht Gottes Wort, sie enthält es. Genau wie viele andere Heilige Schriften, etwa die Thora, der Koran, die Veden, die Upanishads etwas davon enthalten. Als studierter Theologe weiss ich, um diese alten Texte zu verstehen, sollte ich die geschichtlichen und kulturellen Zusammenhänge kennen, unter denen sie entstanden sind. Nur dann kann ich etwas darin finden, was für unser heutiges spirituelles Leben bedeutsam sein kann. Das Leben in Stuvenborn-Seth-Sievershütten im 21.Jahrhundert unterscheidet sich in Vielem vom Leben in Galiläa vor zweitausend Jahren oder in der Wüste vor dreitausend Jahren. Es ist auch anders als das Leben in Mekka und Medina im 4.Jahrhundert. Das gilt es zu berücksichtigen, wenn ich versuche, diese alten Texte zu verstehen und neu erklingen lassen möchte, mich auf die Suche begebe nach „Gottes Wort“- irgendwo zwischen den Zeilen…

So auch in dem Text, der Predigttext ist für den heutigen Sonntag. Er steht im 1. Petrusbrief im 2. Kapitel in den Versen 21b)-25. Zum besseren Verständnis beginne ich mit Vers 18.

„Ihr Sklavinnen und Sklaven im Haus, die ihr den Herinnen und Herren, den guten und milden, aber auch den unberechenbar grausamen Herinnen und Herren unterworfen seid und ihnen voll Furcht begegnet: Versteht es als besondere Gabe, wenn jemand es erträgt, grundlos zu leiden, weil er oder sie zu Gott gehört und daran festhält. Denn was für ein Licht fällt auf euch, wenn ihr Misshandlungen aushaltet, die eine Folge von Verfehlungen sind? Wenn ihr aber im Leiden standhaft bleiben könnt, auch wenn ihr tut, was von euch erwartet wird, ist das eine besondere Gabe vor Gott. Denn in dieses Leben seid ihr berufen: Weil auch Christus für euch litt, euch hinterließ er ein Vorbild, damit ihr seinen Spuren folgt. Der nichts Übles getan hat, keine List kam aus seinem Mund, der geschmäht wurde, er litt und drohte nicht, überlies es Gott, für Recht zu sorgen. Der unsere Verfehlungen selbst an sich trug, an seinem Körper bis zum Kreuz, damit wir leben sollen, um zu tun, was gerecht ist, weil wir getrennt sind von allem, was verfehlt ist. Durch seine Striemen seid ihr geheilt. Denn ihr wart verirrt wie Schafe, aber nun habt ihr euch dem Hirten zugewendet, der euer Leben behütet“.

Das ist eine Zumutung. Uns aufgeklärten ZeitgenossInnen des 21.Jahrhunderts wird erzählt, es sei eine Gnade, wenn jemand in der Bindung an Gott Misshandlungen hinnehme und Leiden ertrage. Wir finden hier eine „Sklavenmoral“ (im wahrsten Sinne des Wortes), die, aus späterer Sicht zurecht mehrfach angeprangert worden ist, z.B. von Friedrich Nietzsche. Gemeint ist das Schwächliche der Herde, die einen Hirten braucht, im Unterschied zur vornehmen Selbstbestimmtheit der Herren. Die Herde braucht eine Religion, und die Religion schafft eine Priesterkaste voller Ressentiment. Wie sollte es anders sein? Ist doch der christliche Gott (eine Kopie des jüdischen Originals) ein Gott der Verneinung, ein Gott der Kranken und Schwachen: „Gott zum Widerspruch des Lebens abgeartet, statt dessen Verklärung und ewiges Ja zu sein! In Gott dem Leben, der Natur, dem Willen zum Leben die Feindschaft angesagt! Gott, die Formel für jede Verleumdung des ‚Diesseits‘, für jede Lüge vom ‚Jenseits`. In Gott das Nichts vergöttlicht, der Wille zum Nichts heilig gesprochen!“ Nietzsches Kritik trifft eine Leidensmystik, wie sie etwa Franziskus von Assisi nachgesagt wird, ins Mark, ebenso die gesamte Haustafelmoral des 1. Petrusbriefes, in denen es um Loyalität gegenüber dem Staat und dem Gehorsam der Ehefrauen gegenüber ihren Männern geht. Demütigungen hinnehmen, sich Misshandlungen gefallen lassen und Schikanen akzeptieren – einfach so!- ist keine Gnade, und Leiden -als solches! – hat keinen Sinn.

Der Autor des 1.Petrusbriefes (Jesu erster Jünger kann es nicht gewesen sein, der hat im 2.Jahrhundert nicht mehr gelebt) weiss allerdings um die Situation der Sklavinnen und Sklaven seiner Zeit. Es bleibt ihnen in ihrer kulturellen gesellschaftlichen Situation kaum etwas anderes üblich, als auszuhalten, was ihnen angetan wird. An Aufstand, Rebellion oder gar Revolution war nicht zu denken, die Römer hätten derartige Bemühungen sofort und ohne Federlesens im Keim erstickt. Der Schreiber des 1. Petrusbriefes möchte diese Menschen trösten. Er stellt ihnen den Christus zur Seite der, genau wie sie, gelitten hat. Und er bedient sich dabei der Sprache aus Jesajas Gottesknechtslied Jes. 53. „Durch seine Striemen seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe“ das sind wörtliche Zitate aus Jesaja 53, 5 und 6, die seinen AdressatInnen wohltuend vertraut gewesen sein dürften. Mit seinen seelsorgerlichen Worten bereitet der Schreiber sie auf das Martyrium vor. So lädt er sie ein zur Nachfolge in Jesu Spuren.

Unsere heutige Situation ist eine völlig andere. Wir sind keine Sklavinnen und Sklaven. Trotzdem gibt es so etwas wie „moderne Sklaverei“: grausame Abhängigkeiten in prekären Beschäftigungsverhältnissen, Ausbeutung in Billiglohnjobs überall auf der Welt. Selbst in unserem reichen Land geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander, und es sollte keinen Grund geben, sich damit abzufinden. Auch, wenn wir zurzeit (schon Corona-bedingt) in unserer Freiheit eingeschränkt sind, wäre Verklärung von Leidensethik (womöglich noch in Verbindung mit Vertröstung auf irgendein „besseres Jenseits“) einfach nur makaber, morbide und völlig am Leben vorbei. Niemand sollte dergleichen predigen. Leider habe ich dergleichen schon zu oft erlebt. Ich bin Pastor geworden, um den ewigen Karfreitags-Leidens-Predigern nicht unsere Kirche zu überlassen. Dazu waren und sind mir Glaube und Spiritualität, die ich in unserer Kirche verortet wissen will, zu wichtig und, ja, zu heilig. Ich schulde meiner Gemeinde das Evangelium; Brot, das geistlich nährt und Kein „der- Herr- ist- für- eure- Sünden- gestorben“ -Desaster im Maschinengewehr- Stakkato.- Wo aber ist das Evangelium, was können wir in die Woche mitnehmen? Vielleicht den letzten Satz unseres Predigttextes: „Ihr habt euch dem Hirten zugewendet, der euer Leben behütet“. Im Evangelium des Sonntags (Joh. 10,11-16) sagt der Christus: „ich bin der gute Hirte…“. Wir sind eingeladen zum Leben! Amen.

Bleibt und bleiben Sie gesund und behütet.

Ihr/ Euer Craig Schott

 


Predigtgedanken zum Sonntag Quasimodogeniti den 19.04.20

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“

So heißt es im Wochenspruch aus dem ersten Petrusbrief. Für mich bleibt von diesem Satz vor allem hängen“ Wir sind wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung.“

Lebendige Hoffnung sein…….. Ich denke daran, dass vor einer Woche an Ostern, in vielen Kirchengemeinden von der Osterkerze aus kleine Kerzen entzündet und im Gottesdienst verteilt worden wären, wenn die Corona Krise uns als Kirchengemeinde nicht gezwungen hätte die Türen zu schließen. Diese Kerzen sind für mich ein Bild dafür, als Gemeinde lebendige Hoffnung zu sein.

Lebendige Hoffnung. Ich, wie die Kerze in meiner Hand. Manchmal hell leuchtend, voller Gottvertrauen und Zuversicht.

Lebendige Hoffnung. Ich, wie die Kerze in meiner Hand, manchmal flackernd, voller Ängste und Zweifel.

Wir sind lebendige Hoffnung. Doch nicht aus uns selbst kommt das Licht, sondern von Gott her. Gottes Licht, das uns leuchtet, gerade auch in der Finsternis und sei es der Tod. Davon erzählt auch die Verheißung des Propheten Jesaja. So heißt es bei Jesaja im 40. Kapitel:

26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?

28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

29 Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden.

30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen;

31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln **wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.**

Ein Hoffnungslicht in finsterer Zeit, das hatten die Menschen damals bitter nötig, denn wie finster waren die Zeiten! Die Babylonier waren in Jerusalem eingefallen und hatten den Tempel niedergebrannt. In Schutt und Asche lag der Ort. Der Ort des Glaubens, der Zuversicht und des Trostes, verbrannt! In den Trümmern des Tempels und der anderen niedergebrannten Häuser, Menschen die traumatisiert und orientierungslos in Jerusalem zurückbleiben und zwischen den Kriegstrümmern herumirren. Genauso wie heute in Syrien, im Jemen, an so vielen Kriegsorten unserer Welt.

In diese finstere Zeit hinein spricht also der Prophet Jesaja die Verheißung Gottes“ Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen?“   Sicher, vielleicht gibt es Momente im persönlichen Leben und in Gewalt und Kriegen auf der Welt, in denen nichts da ist außer Finsternis, aber in so vielen anderen Momenten kann es gut tun, den Blick zu heben. Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Auf einer Wanderung durchs Watt oder schon bei einem Spaziergang durch den Wald, an einem noch so grauen Tag, habe ich das Gefühl, alles um mich herum ist Schöpfung und ich bin ein kleiner Teil davon und all diese Schöpfung hat von Gott her Sinn. Auch wenn ich ihn nicht immer durchschaue, doch in allem was unverständlich ist, bleibt Gott nahe.

Dann heißt es weiter bei Jesaja, Gott gibt den Müden Kraft und Stärke genug den Ohnmächtigen. Den Müden gibt Gott Kraft, hier ist nicht die Rede von der Müdigkeit eines Kindes, dass das Glück hat den ganzen Tag draußen zu spielen und abends müde ins Bett fällt. Sondern es ist die Rede von einer  Müdigkeit nach einer durchwachten Nacht. Müdigkeit, die die Augenlider schwer und die Knie zittrig macht. Müdigkeit die erschöpft und auslaugt.

Diesen Müden und Ohnmächtigen gibt  Gott Kraft und wir können es hören“ Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden!“ Wie schön ist das denn? Eine Verheißung, die zugleich den Müden und Ohnmächtigen, den Niedergedrückten in aller Welt gilt.

Den Blick nicht allein auf die Finsternis richten, den Blick heben und weiten, auch auf die Schöpfung um uns herum und zu erfahren, Gott ist nahe trotz und gerade in der Finsternis. Erfüllt von diesem Hoffnungslicht, können wir selbst zur lebendigen Hoffnung werden, ein Licht verbunden zu einem Lichtermeer auf der ganzen Welt.

Amen

Bleiben sie behütet ihre und eure Silke Hars.


Predigtgedanken zu Ostern

Liebe Gemeinde,

nein, ich beginne diese Predigt nicht mit dem Satz, der mir dieser Tage in den meisten Briefen zur Osterzeit entgegenlacht, denn ob mehr oder weniger: Ostern ist immer anders, kein Ostern wiederholt sich; ein Umstand der z.B. die Sinnhaftigkeit des in konservativen Kreisen beliebten Diktums, 2015 dürfe sich nicht wiederholen, in österlichem Licht offenbart… natürlich leben wir in diesem Jahr mit der Corona-Krise und den Einschränkungen unserer persönlichen Freiheit. Und ich finde es traurig, gerade zum höchsten Fest der Christenheit nicht Gottesdienst in unseren Kirchen feiern zu können. Es wird mir fehlen, Psalm 118 mit Euch und Ihnen zu beten, mit Euch und Ihnen zu singen „Christ ist erstanden von der Marter alle“. Ihr und Sie werdet und werden mir fehlen, sofern wir uns nicht im Wald beim Spazieren gehen sehen. Die sinnliche Erfahrung, dass Gemeinschaft im Abendmahl nach Karfreitag wiederhergestellt ist. Eure und Ihre Gesichter werden mir an Ostern fehlen.

Aber Ostern fällt deswegen nicht aus. Im Gegenteil: Ostern ist das Fest nach der überstandenen Krise! Und im Angesicht der Krise, deren Höhepunkt nach einhelliger Meinung von Fachleuten noch bevorsteht, Ostern gleichsam als Vorwegnahme ihrer Überwindung zu feiern, macht Ostern in diesem Jahr nicht nur „ganz anders“, sondern ganz wichtig. Ich brauche Ostern, wir brauchen Ostern. Ganz besonders in diesem Jahr. Die schönen alten Geschichten vom Sieg der Liebe gegen den Tod, sie geben gerade in diesem Jahr Kraft zum Widerstand. Sie erzählen von einem Gotteskind, dessen Auftritt, Worte und Taten so beeindruckend und so nachhaltig waren, dass auch ein schändlicher, grausamer, gewaltsamer Tod nicht aufhalten konnte, was durch ihn in die Welt gekommen ist: die lebendige Erfahrung des Anbruchs des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit. Sie ist es, die den alten Geschichten ihre quicklebendige Kraft gibt. Angefangen bei den Geschichten vom leeren Grab über die Geschichten der Erscheinungen des Auferstandenen bis hin zum Zeugnis des Paulus, des einzigen Osterzeugen, der im neuen Testament persönlich (und gleich mehrfach) zu Wort kommt. Es sind Geschichten von Menschen, die schrittweise ihre Traumata und Krisen überwinden konnten und denen klar wurde, dass sie die Kraft dafür nicht aus sich selbst hatten, sie wurde ihnen geschenkt. Es sind Geschichten, die die Dynamik nachzeichnen mit der Menschen aus der Starre, in der das (Verlust-)Trauma sie gefangen hielt in die Bewegung fanden, weil sie in sich die Kraft spürten, aufzustehen, loszugehen und zu erzählen, was sie durch Jesus erfahren hatten. Ihnen war klargeworden, dass die Sache Jesu nicht an Karfreitag zu Ende gegangen war, dass sie im Gegenteil gerade erst am Anfang gestanden hatte und weitergehen musste. Es war gleichsam so, als ob die Lebendigkeit und Kraft Jesu leibhaftig in ihren Leben und Herzen Raum und Wohnung genommen habe; so tief und nachhaltig, dass sie dadurch befähigt und in der Lage waren, Menschen mit ihrer Begeisterung anzustecken und die Welt ein gutes Stück weit zu verändern.

Jesu Auferstehung von den Toten ist eine wirkungsgeschichtliche Tatsache, denn das eigentliche Wunder ist nicht das leere Grab, sondern die Tatsache, dass die verwaisten Freundinnen und Freunde Jesu nach der traumatischen Erfahrung von Karfreitag wieder aufstehen. In ihrer Entschlossenheit, den Fußspuren Jesu weiter zu folgen beweisen sie, dass die Leidenschaft für das Reich Gottes die Mächte des Todes überwindet.

Die alten Geschichten machen Mut, die eigene Geschichte zu betrachten. Ich selbst habe die Erfahrung des Scheiterns meiner ersten Ehe machen müssen, und durfte erfahren, dass das Leben nicht nur nicht vorbei war, sondern weiterging- besser und schöner wurde, als ich es mir hatte vorstellen können.

Auch die Erfahrung meiner Krebserkrankung, von Chemo- und Strahlentherapie bis hin zu einer Operation, die mich komplett auf die Seite warf, und ihre schlussendliche Überwindung. Auch dies eine österliche Erfahrung, denn die Kraft, das alles zu überstehen, hatte ich nicht allein aus mir. Ostern ist ein Fest des Lebens.  Ein Fest der lebendigen Geschichten, die Glaube, Hoffnung und Liebe ausweisen als Lebensmittel gegen den Tod.


Predigtgedanken zu Karfreitag

Liebe Gemeinde,

wer mich als Theologe kennt, weiss: Karfreitag ist für mich kein Feiertag. Es ist ein trauriger Tag, denn er konfrontiert uns mit dem, was Leben verachtet, schändet und vernichtet, ohne Notwendigkeit und ohne Sinn. Der Mensch ist das einzige Lebewesen auf diesem Planeten, das die Möglichkeit hat, sich bewusst dazu zu entscheiden – und dies nur allzu häufig tut. Grund zum Feiern? Nein, wirklich nicht! Am Kreuz, dem Marterwerkzeug, das schon Cicero als so abgrundtief grausam, dass man es verbieten sollte, gebrandmarkt hatte, verreckt einer, der vor seiner Anheftung noch gebetet hat: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun (Lk.23,34). Ach Jesus, denke ich, wenn ich die Geschichte von seiner Hinrichtung nach Lukas lese, wer einmal ein KZ von innen gesehen hat, der ahnt in seinem tiefsten Inneren: oh, doch! Sie wissen, was sie tun, und sie tun es, weil sie es können, vielleicht sogar, weil es ihnen gefällt. Auch wenn später Mancher auf Nachfrage sagen wird, man habe halt „im Dienst für eine höhere Sache“ gestanden, oder „schliesslich nur auf Befehl“ gehandelt… Nein, kein Grund zum Feiern, Karfreitag gibt uns einen fürchterlichen Blick in den Spiegel, der uns belehrt über unsere Abgründe, über das, was die Bibel „Sünde“ nennt, die Entfremdung von der Quelle aller Liebe und allen Lebens bis hin zu deren Zerstörung, die wir in besonderer Weise beherrschen und betreiben. Karfreitag ist kein Tag zum Feiern, Karfreitag benennt Tatsachen; Karfreitag erzählt vom Recht des Stärkeren, vom Sieg der Schlächter, vom Triumph der Gottlosigkeit. Karfreitag singt das Lied vom Tod.

Möglicherweise ist sogar die Entstehung des Covit-19 Virus eine Folge unserer Art zu leben, die sich jetzt gegen uns richtet, uns bedroht wie auch der Klima-Wandel. Karfreitag sagt, kurz und bündig ausgedrückt, und mit Paulus formuliert: „der Sünde Sold ist der Tod“ (Römer 6,23). In diesen Tagen spüren wir das, wir sind erschrocken und verängstigt, haben keinen Plan B. Stattdessen fühlen wir uns eventuell auch sogar unschuldig verfolgt, vom Tod bedroht und suchen deshalb aus (vermeintlichem) Selbstschutz die Schuld bei anderen… Das sollten wir nicht. Wir könnten gelernt haben, dass Solches immer in die Katastrofe, bzw. ins Nichts führt, nirgendwohin, wo sich auch nur im Enferntesten zu leben lohnte (s.o. Stichwort: KZ).

Vielleicht könnte es helfen und unseren Blick auf unser Leben mit seinen Möglichkeiten heilsam erweitern, den diesjährigen Predigttext zu lesen und auf uns wirken zu lassen. Er mag zunächst sprachlich reichlich sperrig wirken, doch wenn man ihn ganz unvoreingenommen liest, stößt man auf ein Lied aus dem Land des Lebens, das uns dorthin einladen und bewegen will. Ich zitiere aus dem 2. Brief des Paulus an die Christinnen und Christen aus dem 5. Kapitel die Verse 14-21. Allerdings nicht in der Lutherübersetzung, in welcher der Text sich liest wie ein Steinbruch überkommener Dogmatik, sondern in der Übersetzung der BigS (Bibel in gerechter Sprache). Ich finde, dass diese das Anliegen des Paulus in angemessener, guter und verständlicher Form ausdrückt; wir wollen ja Paulus hören, nicht Luther…

„Denn die Liebe des Messias hält uns zusammen, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind sie alle gestorben. Er ist für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und aufgeweckt worden ist. Daher beurteilen wir von jetzt an niemanden mehr nach menschlichen Maßstäben. Und auch wenn wir den Messias nach menschlichen Maßstäben beurteilt haben, tun wir es jetzt doch nicht mehr. Daher: alle, die mit Christus verbunden sind, sind neu erschaffen. Das Erste ging vorüber, seht: Neues kam zur Welt.

Doch alles geht von Gott aus: Gott versöhnt uns durch den Messias mit sich selbst und gibt uns die Aufgabe, die Versöhnung zu vermitteln. Ja, Gott war es, der im Messias die Welt mit sich versöhnt hat. Gott rechnete ihnen ihre Vergehen nicht an und hat unter uns das Wort der Versöhnung in Kraft gesetzt. Im Auftrag des Messias sind wir nun Gesandte in der Überzeugung, dass Gott Euch durch uns ersucht. So bitten wir an der Stelle des Messias: lasst Euch versöhnen mit Gott! Gott hat ihn, der keinerlei Sünde getan hatte, an unserer Stelle zu einem sündigen Menschen gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit verkörpern, in eins mit Jesus“.

Jetzt würde ich gern mit Euch und Ihnen und Jochen Klepper singen: Er will, das ich mich füge./ Ich gehe nicht zurück./ Hab nur in ihm Genüge,/in seinem Wort mein Glück./ Ich werde nicht zuschanden,/ wenn ich nur ihn vernehm. Gott löst mich aus den Banden./ Gott macht mich ihm genehm (EG 452, Strophe 3). Genau das ist gemeint, wenn von unserer Versöhnung mit Gott die Rede ist: Gott macht uns ihm genehm! Wir müssen nicht mehr auf uns selbst bezogen, und damit uns selbst zum Tode(!) leben, sondern wir dürfen auf den bezogen leben, der für uns gestorben und  auferweckt worden ist. Wohlgemerkt, die Formulierung „für uns gestorben“ soll nicht im Sinne von „für uns als Sühnopfer an unserer statt“ verstanden werden. „Für uns gestorben“ meint, dass Jesus es vorzog, umgebracht zu werden, statt auch nur ein Fünklein von Gottes Liebe und Gottes Gerechtigkeit, von dem, was von Gottes Neuer Welt durch ihn in unserer Alten Welt aufgeschienen – und das damit in der Welt war(!) – zurückzunehmen oder zu leugnen. In diesem Sinne – und nur in diesem Sinne hat Jesus der Auserwählte Gottes (lat.: Der Christus, hebr.: Der Messias) das Kreuz auf sich genommen. Deshalb hat er ihn auch vom Tod auferweckt für uns. So haben wir Teil am Christusgeschehen. Paulus sagt uns zu: die mit Christus verbunden sind, sind neu erschaffen. Das Erste ging vorüber, seht: Neues kam zur Welt. In diesem Jahr hören wir Gottes Einladung zum Leben. Sein Licht will am Rand der Todeszone helle strahlen und bietet uns an, uns durch das Dunkel hindurchzuführen. Folgen wir dem Lichtstrahl, der uns leiten will!

Amen


Predigtgedanken zu Gründonnerstag

Liebe Gemeinde,

in diesem Jahr ist alles anders. Es ist Gründonnerstag, normalerweise würden wir uns am Abend in unserer Andreaskirche versammeln, Gottesdienst feiern und Brot und (unvergorenen) Wein miteinander teilen. Nun ist aber nicht „Normalerweise“, es ist Corona-Krise und es gilt- vernünftiger Weise – Versammlungsverbot. Wir müssen in diesem Jahr Verzicht leisten auf so manche Freiheit, auf Gottesdienst und Abendmahl, auf gemeinsames Feiern, Singen, Teilen und (körperliche) Nähe… Mir wird es fehlen, Ps. 111 mit Euch und Ihnen am Gründonnerstagabend zu beten, mit Euch und Ihnen „das sollt ihr Jesu Jünger nie vergessen“ zu singen, ein letztes Mal vor Ostersonntag mit Euch und Ihnen Abendmahl zu feiern, und, besonders in diesem Jahr, der Freiheit zu gedenken, die Gott seinem auserwählten Volk – und damit auch uns, als den im Glauben dazu Getretenen – geschenkt hat. Denn in diesem Jahr fallen der Beginn des Pessach-Festes und der Gedenktag der Gabe des Abendmahls auf dasselbe Datum. Grund genug, den Zusammenhang und die Verbindung  beider Feste zu bedenken, gute Gelegenheit, in Gebet und Gedanken bei unseren jüdischen NachbarInnen zu sein, die sich, genau so wenig wie wir zum Gottesdienst zusammenfinden dürfen. Auch Synagogen und Moscheen bleiben in diesen Tagen ungenutzt. In diesem Jahr ist Ex.(2. Mose) 1-14 Predigttext. Aus Platzgründen möchte ich darauf verzichten, den Text hier abgeschrieben zu präsentieren, ich hoffe und denke, Ihr bzw. Sie habt, bzw. haben Zugang zu einem Exemplar des Buches der Bücher…

So hören bzw. lesen wir in diesem Jahr, weshalb die kommende Nacht anders ist als alle anderen Nächte. In einer Zeit der eingeschränkten Freiheiten kommt die alte und ewig neue Geschichte vom Auszug aus dem Sklavenhaus, vom Zug in die Freiheit über uns.

Am Abend sollte jede Familie, bzw. jede Hausgemeinschaft ein besonderes Lamm (es musste ein einjähriges, männliches Tier ohne jeden Makel sein) schlachten und essen. Das (beim Schlachten aufgefangene) Blut des Lammes sollte an beide Pfosten und den Sturz der Eingangstür gestrichen werden. So würde vorbeigehen, was aller Erstgeburt im Lande den Tod bringen würde. Noch in derselben Nacht sollten sie das am Feuer gebratene Fleisch verzehren. Dazu sollten sie ungesäuertes Brot essen, da zum Durchsäuern keine Zeit war. Bittere Kräuter sollten Beilage sein, um der Bitternis der Gefangenschaft innezuwerden und sich der Bitterkeit der Tränen zu erinnern. Später würde noch Feigenmus dazukommen, rot wie die Ziegel, die für die Unterdrücker herzustellen und zu verbauen waren. Schon beim Essen sollten sie zum Aufbruch gerüstet sein, um die Lenden gegürtet, mit Schuhen an den Füßen und dem Stab in der Hand. Und sie sollten eilig essen, denn es würde schnell gehen müssen, sobald das Signal zum Aufbruch gegeben würde. Diese Nacht würde die Nacht des „Vorbeigehens“(Hebr. Pessach) Gottes werden, wenn „die Plage, die das Verderben bringt“ einträte, Gott  „Ägyptenland schlagen“ würde. Diese zehnte und letzte Plage würde die Freiheit bringen, der Pharao ihnen noch Gold und Silber mit auf den Weg geben, um dieses Volk und seinen Gott gnädig zu stimmen. Daran sollten sie denken, jedes Jahr aufs Neue sollten und sollen sie Pessach feiern. Dem Pessach voraus geht der Sederabend(„Ordnungsabend“. Sobald der erste Stern am Himmel erscheint, muss das jüngste Mitglied der Tischgemeinschaft fragen, warum diese Nacht anders ist als alle anderen Nächte. Dann wird die Geschichte vom Aufbruch in die Freiheit erzählt und der erste Becher Wein geleert. Und hier kommen wir ins Spiel: das letzte Mahl Jesu mit seinen JüngerInnen war, so erzählen es die Evangelisten, ein Seder-Mahl. Sie saßen zusammen, um die Nacht zu feiern, in der Gott die Freiheit schenkte. Sie saßen zum letzten Mal so zusammen. Noch in derselben Nacht wurde Jesus gefangen genommen und von allen Jüngern verlassen. Daran denken wir Christinnen und Christen am Gründonnerstag. Im Geschenk der Gemeinschaft des Abendmahles feiern wir, das wir mit an diesem Tisch sitzen dürfen! In unserer Gemeinschaft und im Teilen der Gaben spüren wir Christi Gegenwart in unseren Herzen und Händen, dürfen sinnlich erfahren, was uns in der Taufe zugesagt ist: „siehe, ich bin mit euch alle Tage, bis an das Ende der Zeit“. In diesem Jahr müssen wir auf die sinnliche Erfahrung verzichten. Doch die Zusage kann und wird uns tragen. Durch das Dunkel hindurch bis ins Licht des Ostermorgens.

Amen


Palmsonntag 05.04.2020

Gedanken zum Predigttext aus dem Markus Evangelium 14, 3-9

Die Salbung in Betanien

3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?

5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.

8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.

9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

 

 

Gedanken, an besondere Momente, wie ein langersehnter Besuch aber auch der Abschied von einem geliebten Menschen können uns an einem Tag wie Palmsonntag einfallen. Jesus zieht in Jerusalem ein und wird wie ein König begrüßt. Wir wissen auch, es kommt der Karfreitag. Es kommen die schwer aushaltbaren Erzählungen von Verrat, Folter bis hin zum Tod am Kreuz .Durch  all das muss Jesus hindurch bis endlich der Ostermorgen anbricht. Der Predigttext aus dem Markus Evangelium hält eine kleine Serie bereit, ohne die etwas fehlen würde in der Reihenfolge dieser unabwendbaren Ereignisse.

Es muss ein ganz besonderer Moment gewesen sein, der den Raum mit diesem intensiven, ja holzig, aromatischen Duft erfüllt hat. Nicht nur einige Tropfen, sondern der Inhalt eines ganzen Gefäßes entfaltete seine beruhigende, angstlösende Wirkung auf Jesus. Die Frau verwendete den ganzen Inhalt um Jesus zu salben. Eine Wohltat, eine Überraschung, ein einmaliges Erleben. Für den Moment genießt er es und ist ganz eingehüllt in den Duft und die Finger, die das Öl einmassieren.

Dann holen ihn die Stimmen der Männer wieder ein. Sie brachten ein Argument vor, wo es schwer war dagegen zu halten, sie hatten den Wert des Öls überschlagen und zählten auf, was man mit diesem Geld nicht alles hätte tun können, wie viele Speise man Arme hätte reichen können um sie zu sättigen.

Menschen haben oft ein Gemisch aus Gefühlen und Gedanken, da sind die Männer, in deren Essensrunde eine Frau hineinplatzt und Jesus sehr nahe kommt. Niemand von ihnen hatte ihn mit solchen Ehren überhäuft und sie treffen hier auf eine Frau, die über großen Reichtum verfügt. Die Männer hatten den Wert des Öls überschlagen, ein Jahreseinkommen für einen Tagelöhner, eine große Summe Geld. Neid, Missgunst und Unsicherheit, das alles kann sich hinter diesem Argument der Männer versteckt haben. Dieses Aufrechnen ist etwas Menschliches. Wir rechnen mit unserem Geld, ob Kosten und Ertrag im Verhältnis stehen. Dazu gibt es  immer mehr Menschen, die einfach rechnen müssen, die den Euro zweimal umdrehen bevor sie ihn ausgeben.

Die Frau beeindruckt mit ihrer Gewissheit. Sie kommt herein und bricht das Gefäß auf. Sie fragt nicht, sie tut es einfach. Sie rechnet nicht, sie liebt.

In der Liebe gibt es keine Kalkulationen. Liebe ist verschwenderisch. Liebe verschiebt nichts auf später, sie ist ganz im Jetzt. Was sie verschwendet ist nicht vergeudet. Liebe erfasst was Gedanken nicht fassen können.

Jesus erkennt die Liebe und nimmt die Frau in Schutz. „ Lasst sie!“ Er bringt ein Argument vor, dem man nichts entgegensetzen kann. „ Sie hat mein Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.“ Er spricht etwas aus was niemand wahrhaben wollte. Er stellt einen anderen Zusammenhang her.

Jesus wird in Kürze sterben und es wird keine Begräbnisfeier geben. Jesus salben, das ist der Liebesdienst, den die Frauen am Ostermorgen tun wollen. Wir wissen, dass es nicht nötig sein wird.

Jetzt trägt der Duft Jesus durch die kommenden Tage und uns auch. Er wird seine Wirkung nicht verfehlen.

AMEN

Bleiben sie gesegnet, behütet und gesund!

Ihre und Eure Silke Hars

 


Sonntagsbetrachtung für Judika, 29.03.2020

Während wir unser Leben „entschleunigen“, darauf Acht geben, bei aller menschlichen Nähe den jetzt nötigen (räumlichen) Abstand zu wahren und unnötige Wege zu meiden, schreitet die Passionszeit voran, die Karwoche kommt näher, die Leiden Christi immer mehr in den Blick und damit all das, wodurch Leben misshandelt und verächtlich gemacht wird. Schon am kommenden Sonntag (Judika) werden wir mit dem Geschehen des Karfreitag konfrontiert. Da heisst es aus dem Brief an die HebräerInnen:

Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.

So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Diese drei Sätze dürften in Menschen, die mit der hebräischen Bibel (unserem ersten Testament) im jüdischen Glauben aufgewachsen waren, wahre Assoziationsketten ausgelöst haben. Da wäre zum einen das in Leviticus (3.Mose) 16 beschriebene, sehr archaische (und sehr blutige) Ritual an Jom Kippur, dem Versöhnungstag. So Manchem mag auch in Erinnerung  gekommen sein, dass Mose auf der Wanderung durch die Wüste nach dem Götzendienst des Volkes am Goldenen Kalb das Zelt der Begegnung (in der Lutherübers. „die Stiftshütte“) draußen vor dem Lager aufgeschlagen hat (Exodus bzw,2.Mose 33,7).

Sei es Versöhnung, sei es direkte Gotteserfahrung, was entscheidend ist, ereignet sich „draußen vor dem Tor“ bzw. „vor dem Lager“ ausserhalb der Orte, an denen wir uns normalerweise bewegen, in deren Schutz wir uns ein- und festgelebt haben und bleiben wollen, vielleicht im Vertrauen darauf, das „die Grenzen verschlossen“ bleiben…

„Wir haben hier keine bleibende Stadt…“, diese Feststellung konfrontiert uns mit der Vergänglichkeit und Vorläufigkeit unserer Existenz. Das könnte uns verängstigen und zu Hamsterkäufen animieren, es kann uns aber auch eine Verheißung sein: es gibt weiterhin Bewegung und Veränderung, es gibt noch etwas zu entdecken und zu erreichen! Wir sind noch nicht am Ziel, das Gott uns schenken will. In einem meiner Lieblingslieder heißt es: „Komm in unser festes Haus/ der du nackt und ungeborgen/ Mach ein leichtes Zelt daraus, / das uns deckt kaum bis zum Morgen; / denn wer sicher wohnt, vergisst, / dass er auf dem Weg noch ist.“

Einen guten Sonntag aus Stuvenborn,

Craig Schott

 


 

Gedanken zum Sonntag Lätare

Freut euch mit Jerusalem und Jauchzt alle, die ihr sie liebt!

Seid fröhlich mit ihr alle, die ihr um sie trauert!

Weil ihr saugen dürft und euch sättigen an den Brüsten ihres Trostes,

weil ihr schlürfen dürft und euch erquicken an den Brüsten ihres Glanzes.

Denn so spricht Gott: ich breite bei dir Frieden aus wie einen Strom

Und wie einen überschäumenden Bach den Reichtum der fremden Völker.

Ihre Säuglinge sollen auf der Hüfte getragen

und auf den Knien geschaukelt werden.

Wie eine Mutter tröstet,

so will ich euch trösten und an Jerusalem sollt ihr getröstet sein.

Ihr werdet es sehen und euer Herz wird sich freuen

Und eure Knochen sollen sprossen wie junges Gras.

Die Hand Gottes ist wahrnehmbar an denen, die im Dienst Gottes stehen,

aber Fluch denen, die Gott feindlich sind. (Jesaja 66,10-14)

 

 

Liebe Gemeinde,

es sind alte Worte des Profeten Jesaja, die uns in diesem Jahr an Lätare (Lat.: sich freuen), dem Sonntag in der Mitte der Passionszeit begegnen. Sie transportieren archaische Bilder, die unmittelbar berühren und uns in Zeiten der Corona-Krise anders treffen als in allen Passionszeiten, die wir bisher erlebt haben. Denn in diesen Tagen sind wir verunsichert und befremdet. Gottesdienste und andere Aktivitäten finden nicht mehr statt. Ständig gibt es neue Nachrichten, selten sind es gute. Wo wir es gewohnt waren, im Angesicht von Bedrohung eng zusammen zu stehen, sind wir plötzlich gehalten (räumlichen) Abstand zu wahren. Wir machen uns Sorgen um Menschen, die uns lieb sind, die eigene Gesundheit und die persönliche Freiheit jeder/s Einzelnen. In diese emotionale Gemengelage klingt das alte Profetenwort gleichsam hinein. Wir erfahren, dass wir uns mit Jerusalem freuen dürfen. Wir verstehen, dass wir gar nicht die ersten AdressatInnen sind, wir dürfen uns als zum Gott Israels Hinzugetretene mit-freuen. Und so empfangen auch wir die Verheißung vom Leben aus der Fülle und einem Gott, der zärtlich tröstet, wie es eine Mutter kann. Zunächst klingt das wie eine Einladung, die eigene Verantwortung, jedes selbst-machen-Wollen, die Regie des eigenen Lebens abzugeben, sich einfach fallen zu lassen, um liebevoll umsorgt, genährt und getragen zu werden. Willkommen in Gottes Rundumsorglosparadies, all inclusive, hoch die Tassen, wer nur den lieben Gott lässt walten…

Wie bitte, das glauben Sie nicht? Nun…Sie haben Recht. Auch ich glaube das nicht, und ich bin mir sicher, dass Jesaja das auch nicht geglaubt bzw. gemeint hat. Schliesslich glauben wir an Gott und nicht an den Weihnachtsmann. Nicht umsonst kommt am Ende unseres Predigttextes ein ganz anderer Aspekt des Handelns Gottes ans Licht: die Hand Gottes ist auch „ein Fluch denen, die Gott feindlich sind“ Es wäre gerade in der Passionszeit unredlich, diesen Aspekt unter den Tisch fallen zu lassen. Denn zur liebevollen Mütterlichkeit Gottes gehört auch sein Zorn auf (und sein Leiden an) alles Lebensfeindliche, jede Form von Unfrieden, Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Unterdrückung und Zerstörung. Gott ist ein mitleidender Gott, der Visionen schenkt, mit denen er uns in seinen Dienst an seiner Schöpfung freundlich und liebevoll-mütterlich einlädt. In aller Freiheit und mit unser ganzen Verantwortlichkeit als Seine/Ihre mündigen und freien Kinder im Zusammenhang mit der ganzen Schöpfung. Es gibt keinen Weg zurück in den Körper, der uns geboren hat, an den Ort ohne Angst, ohne Not, ohne Stress, ohne Schmerz. Doch der Wunsch danach macht klar, dass es unsere Aufgabe ist, diesem Ort durch unser Denken und Handeln möglichst nahe zu kommen. Das geht nicht ohne uns. „Alles wird gut“ geschieht nur durch unser Tun und Lassen. Ja, auch durch unser Lassen: in den letzten Tagen hat der Straßenverkehr stark nachgelassen. Ganze Flotten von Kreuzfahrtschiffen bleiben vor Anker, Flugzeuge zuhauf am Boden. In Peking und anderen Metropolen unserer Erde sehen junge Menschen vielleicht zum ersten Mal in ihren Leben einen smogfreien Himmel, für unser Land rückt das angestrebte Klimaziel schon fast in greifbare Nähe. Trotz aller Bedrängnis durch die rasante und aggressive Ausbreitung eines krankmachenden Virus könnte etwas Neues entstehen, das zu tun hat mit Heil und Heilung unseres Planeten mit allem, was darauf lebt… es hätte mit Segen zu tun, den Gott uns schenken will.

Amen