Andachten, Gebete und Fürbitten


Pfingstmontag ( 01.Juni 2020 )

Predigtgedanken zu Johannes 20,19-23

„Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“

 

 

Liebe Gemeinde,

beim ersten Hören des Predigttextes bin ich ein bisschen zusammengezuckt, als Jesus seine Jünger angehaucht hat. Das geht doch nicht! So etwas stößt bei mir gerade auf reflexhaften Widerstand. Das kann doch ansteckend sein! Diese Alarmglocke kenne ich aus den ersten Wochen der Corona- Einschränkungen, wenn ich im Fernsehen Menschen dicht an dicht gesehen habe, beim Tanzen, beim Sport am Esstisch oder in Umarmungen.

Viele Millionen Menschen haben sich auf Anordnung ihrer Regierungen in ihre Wohnungen und Häuser begeben, in manchen Ländern mit strengeren Ausgangsbeschränkungen. Für uns in Deutschland gab es immer noch viel Bewegungsfreiheit, manche sind freiwillig aus Angst vor der Ansteckung oder auf Drängen ihrer Angehörigen in ihren Häusern geblieben. Andere waren trotz Einkäufen, Radtouren oder Spaziergängen abgeschnitten von alltäglichen menschlichen Kontakten bei der Arbeit, in der Schule oder im Kindergarten. Kindergeburtstage, Verwandtenbesuche, Stammtisch, Partys alles abgesagt.

Für häusliche Menschen war der Unterschied vielleicht nicht so gewaltig, aber die Kontaktfreudigen, Unternehmungslustigen sind in ihrem Lebensgefühl, ja Lebenstempo schwer ausgebremst worden. Plötzlich stand das eigene Zuhause im Mittelpunkt, man kann von zuhause aus arbeiten, und auch die Küche ist für viele wichtiger geworden. Kantinen und der Mittagstisch in der Gaststätte gegenüber waren ja geschlossen. Viel Platz zuhause oder gedrängte Enge! Zum Beispiel am Laptop, den sich jetzt die Familien teilen müssen, manches Kind wird noch mehr Stunden als sonst unbeweglich am Smartphone geklebt haben. Am schlimmsten hat es aber die Schwächsten getroffen, Menschen mit Demenz im Pflegeheim, Patienten im Krankenhaus, abgeschnitten von Freunden und Angehörigen.

Der Satz „ Die ersten Christen waren Juden“, hat unmittelbare Überzeugungskraft. Er bewirkt ein Aha- Erlebnis, klar, das waren Juden! Sie sind als Juden im Zusammenhang mit ihrer jüdischen Bibel und Tradition zu dem Glauben gekommen, dass der gekreuzigte Jesus von Gott zum Leben erweckt wurde.

 

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes und zugleich der Geburtstag der Kirche. Wir erinnern uns an den Anfang, den Beginn der christlichen Gemeinde. Der gute Geist Gottes hat damals, am ersten Pfingstfest, die aus allerlei Völkern und Ländern bunt zusammengewürfelte erste Gemeinde so begeistert und mit dem Feuer des Glaubens angesteckt, dass sie einander verstanden haben – über alle kulturellen, sprachlichen und Grenzen der Herkunft hinweg. Auch heute dürfen wir in unserer christlichen Gemeinschaft auf diese Kraft des Geistes vertrauen. Gerade dann, wenn wir das Gefühl haben, die Welt sei „ von allen guten Geistern verlassen“, angesichts aller Krisen, der Gewalt, der Terrorakte, Pandemie und kriegerischen Auseinandersetzungen, aller politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen, die uns beunruhigen.

Der Evangelist Johannes erzählt vom Kommen des Heiligen Geistes nicht erst fünf Wochen nach Ostern, sondern am Tag der Auferstehung. Die Jünger hatten sich eingeschlossen, weil sie der Hinrichtungstod Jesu am Kreuz niedergeschlagen hatte. Sie hatten Angst, nach ihrem Rabbi als nächstes selber verhaftet zu werden.

Sie waren zusammen, sie hatten einander. Wir wissen aber nicht , ob das eine Hilfe für sie war. Jeder Einzelne geht unterschiedlich mit Trauer und Angst um. Auch heute in unseren Familien, zum eigenen Schmerz muss man auch die Wut des anderen aushalten. Oder die laute Musik von dem, der sich gerade Luft machen muss, um sich abzulenken.

Ich glaube nicht, dass die Jünger in der Lage waren, wie so manche von uns in den letzten Wochen ihre Wohnung oder Haus auszumisten. Der Beschränkung etwas  Gutes abgewinnen, das geht nur, wenn ich einen Ausgang sehe. Unsicherheit macht sich bei den Jüngern breit. Die Nachrichten Bruchstücke von draußen verstärken, was sowieso in ihren Herzen ist. Viel Neues kommt nicht zu ihnen herein. Durch Fernsehen, Telefon und Internet hatten wir in den letzten Wochen viel mehr Fenster in die Welt als die Jünger damals. In diese Verschlossenheit tritt der auferstandene Jesus Christus hinein, er zeigt sich ihnen als der Gemarterte, der die Kreuzigungsmale an sich trägt. Aber offensichtlich war seine Gestalt nicht mehr die gleiche wie vor Ostern. Der Jesus vor Ostern, vor der Kreuzigung und der Jesus nach Ostern – es ist derselbe Jesus, aber in anderer Gestalt. Die kreisenden Gedanken stehen still.“ Schalom  – Friede sei mit euch.“  Im Orient ist das bis heute eine ganz alltägliche Begrüßung und heißt einfach übersetzt“ Hallo, ich bin wieder da, oder wie man bei uns sagt, Moin.“  Die Niedergeschlagenheit der Jünger wird weggeweht. Jetzt kommt wirklich frischer Wind in ihre Quarantäne.

Der Evangelist Johannes erzählt“ Schon am Ostertag hat der Auferstandene den Blick seiner Freunde über den eigenen Horizont geweitet.““ Das Schalom- Friede sei mit euch.“ bekommt jetzt Gewicht. Denn das ist seine Mission, Gottes heilende, friedensstiftende Kraft unter die Menschen zu bringen. „ Den Frieden lasse ich euch da“ hat er in seinen Abschiedsreden gesagt, jetzt geschieht das. Die Jünger, die es empfangen haben, sollen es hinaus tragen. „ Wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch.“

Damit ihnen nicht die Luft wegbleibt, bläst ihnen der Auferstandene jetzt ins Gesicht „ Nehmt hin den Heiligen Geist!“ Was uns in Corona Zeiten daran stört, ist ja, das die Atemfeuchtigkeit wohl andere anstecken kann. Andererseits hat schon so mancher Ersthelfer durch Mund zu Mund Beatmung Leben gerettet. In der Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose Kapitel 2 steht, dass Gott dem aus Erde geformten Menschen seinen Lebensatem in die Nase bläst und dass er so zu einem lebendigen Wesen wird.

In der gestressten und getriebenen Welt der letzten Jahre haben viele diese Lebensader neu entdeckt, den eigenen Atem spüren. Beim Yoga, in einer kleinen Übung oder in gehetzten Momenten langsam und tief durchatmen und Angst und Druck abklingen lassen, die eigene Mitte spüren. Wenige verbinden diese wertvolle Erfahrung mit den Bibeltexten, dabei gehört beides zusammen. Der Atem Gottes beseelt uns, so erzählt die Schöpfungsgeschichte. Aus dem Evangelium von Johannes weht der Atem des Auferstandenen auch uns heute ins Gesicht. Er will uns inspirieren, er kann uns begeistern für Gottes guten Willen. Erkennen was gut für uns und für das Zusammenleben der Menschen und gut für die Erde ist. Das Gute versuchen mit Geduld und Zuversicht und mit einem langen Atem.

Schalom – Friede sei mit euch!

Amen

Bleiben sie behütet ihre und eure Silke Hars


Predigt für den 5. Sonntag nach Ostern, Rogate

„Wenn Ihr betet, dann tut es nicht wie die Scheinheiligen! Sie beten gern öffentlich in den Synagogen und an den Straßenecken, damit sie von allen gesehen werden. Ich versichere euch: Sie haben ihren Lohn schon kassiert. Wenn du beten willst, dann geh in dein Zimmer, schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen.

Wenn ihr betet, leiert nicht Gebetsworte herunter wie die Heiden. Sie meinen, sie könnten bei Gott etwas erreichen, indem sie viele Worte machen. Ihr sollt es anders halten. Euer Vater weiß, was ihr braucht, bevor ihr ihn bittet. So sollt ihr beten:

Vater Unser im Himmel

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich

Und die Kraft

Und die Herrlichkeit

In Ewigkeit

Wenn ihr den andern vergebt, was sie euch angetan haben, dann wird euer Vater im Himmel euch auch vergeben. Wenn ihr aber den andern nicht vergebt, dann wird euer Vater euch eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ (Mt.6, 5-15)

 

Liebe Gemeinde,

es ist schon über zwanzig Jahre her. Ich war damals Pastor mit halber Stelle in einer kleinen Gemeinde am südlichen Lübecker Stadtrand, und mit halber Stelle Religionslehrer an zwei Berufsschulen, der G III am  nördlichen Rand, und der G I im Zentrum. Ich lebte damals allein in einer Wohnung in einem großen Mehrfamilienhaus mit Laubengängen im vierten Stock, getrennt von meiner damaligen Frau, meiner Tochter und meinem Sohn, die in Hamburg geblieben waren.

Damals hatte ich in etlichen Berufsschulklassen Schüler und SchülerInnen aus den (wie man damals noch sagte) „Neuen Bundesländern“. Viele von denen hatten noch nie eine Kirche von innen gesehen. So hatte ich mir ein besonderes Projekt für diese Klassen überlegt: ich machte Ausflüge mit ihnen in Kirchen. Ich ging mit den Klassen der G I meistens in die große St. Marienkirche, ein beeindruckendes Beispiel norddeutscher Backsteingotik. Ich machte vor der Kirche immer dieselben Ansagen: „wir betreten die Kirche durch das Seitenportal. Schweigend. Sobald wir drinnen sind, wenden Sie sich bitte zunächst nach links, gehen dann Richtung Hauptportal, wenden alsdann den Blick Richtung Altarraum. So öffnet sich Ihnen der Blick, den früher Pilger beim Betreten der Kirche hatten. Daraufhin sehen Sie sich gern noch ein bischen um, sammeln Sie Eindrücke. In 20-30 Minuten treffen wir uns dann vor der Absperrung des Altarraumes und tauschen Eindrücke und Fragen aus.“

Das Projekt lief gut, und ich hatte etwas Zeit für mich, während die SchülerInnen sich die Kirche ansahen. St. Marien hat eine Seitenkapelle, die „Gebetskapelle“. An jedem Tag meines Projektes zündete ich erstmal zwei Kerzen zur Fürbitte für meine fernen Kinder an, und schlüpfte dann, sobald ich mich unbeobachtet fühlte in die Gebetskapelle, um im stillen Gebet und der Meditation der Tageslosung, die immer aufgeschlagen auf dem Altar lag, etwas Kraft zu tanken. Genau das hatte ich auch an jenem Tag so gehalten, an dem ich mit einer Kfz-Oberstufe in St. Marien war. In besagter Kfz-Oberstufe waren besonders viele Schüler aus den „Neuen Bundesländern“. Zwei von Ihnen hatten mich beobachtet, und sie waren neugierig geworden: was ich denn in der Seitenkapelle gewollt hätte, wollten sie wissen und da stünde doch über dem Eingang: „Nur zum Gebet“. Sie hatten mich erwischt. Nun ja, erklärte ich ihnen, ich hatte in der Tat gebetet. Ich bin Christ, solche Leute tun das zuweilen. Die Schüler waren skeptisch: Sie hätten mich genau beobachtet, ich hätte ja gar nicht gebetet, zumindest hätte ich ja gar nichts gesagt. Immer mehr Schüler versammelten sich um uns, es entstand ein Gespräch über das Gebet. Was das denn sei, was das soll, ob ich um irgendetwas Besonderes gebetet hätte, und Vieles mehr. Ich erklärte ihnen, dass ich manchmal zum beten gar keine Worte brauche, und das mein „Ausgangsgebet“ immer das Vater Unser ist. Und ich sprach es ihnen einmal vor. Die Atmosphäre wurde unglaublich dicht. Wir sprachen über Gebetshaltungen und Gebetsinhalte, über Gebetszeiten und Gebetsorte. Ich erzählte ihnen, dass es zur Zeit Jesu feste Gebetszeiten gab, zu denen die Menschen beteten, wo sie sich gerade befanden. Das konnte in der Synagoge sein (Kirchen gab es noch nicht, Moscheen wurden noch später gebaut…), Jesus war Jude, aber auch im Bett, auf dem Acker, oder eben auch auf der Straße. Allerdings waren Jesus wohl ein paar Menschen aufgefallen, die sich zu den Gebetszeiten häufig an besonders exponierten Orten aufhielten, um gesehen, und für besonders fromm gehalten zu werden. Er hielt diese Leute für Scheinheilige, und empfahl seinen JüngerInnen, lieber im Zimmer bei verschlossener Tür zu beten. Damit wollte er ihnen nicht, wie es sooft behauptet wird, den Rückzug ins Private oder in die Innerlichkeit nahelegen, sondern gemeint war, dass sie sich von den Scheinheiligen abgrenzen sollten. Gott, der im Verborgenen ist, sieht das Verborgene: erkennt die innere Haltung im Gebet. Das gilt auch für den Inhalt des Gebets: klar, kurz und gerade heraus. Keine rhetorischen Meisterwerke, keine liturgischen Leerphrasen, kein Geleier, kein heidnisches Geplapper und Gedröhne. Und so beschenkte er sie mit dem Vater Unser, dem Gebet, das wir im Zentrum der Bergpredigt, der Magna Charta des Reiches Gottes finden. Dem Aufbau ( Gottesanrede, sieben Bitten und abschließender Lobpreis, sog. Doxologie) nach ein typisch jüdisches Gebet, auch inhaltlich nahe an der Amida, dem Achtzehnbittengebet, das in jedem jüdischen Gottesdienst gebetet wird, bzw. dem Kaddisch, einem Gebet, das am Sterbetag eines Angehörigen gebetet wird. Wie die Schüler und ich feststellen konnten, ist das Vater Unser ein Gemeindegebet(schon der Genitiv „Unser“ legt ein Kollektiv zum Beten nahe) ohne spezifisch auf eine spezielle Religion oder Konfession festzulegende Inhalte. Seine konkreten Formulierungen zielen ab auf Inhalte, die allen Religionen und Konfessionen elementar wichtig sind (zumindest sein sollten): Gerechtigkeit, Vergebung und die Abwehr des Bösen, der Gewalt. Wer Gott als Vater bzw. Mutter anredet und es ehrlich meint, kommt nicht umhin, auch alle anderen Menschen als Kinder Gottes, geliebt und gehalten wie ich selbst(!) anzuerkennen. Die Heiligung seines Namens hat selbstverständlich mit Haltung und Verhalten seiner Kinder zu Ihm und zu einander zu tun. Das gibt dem Vater Unser neben der religiösen auch eine politisch-ethische Dimension. Die Bitte um das Reich und das Geschehen des Willens ebenso: ein Vater kann nur wollen, was gut für seine Kinder ist, das „Reich Gottes“ bedeutet Erfüllung in Frieden und Gerechtigkeit für alle. So auch die Bitte um das tägliche Brot: für Alle! Nicht nur für Nordwest-Europa! Auch Vergebung ist keine Einbahnstraße, wenn Frieden wahr werden soll!


Sonntagsgedanken

 

Am kommenden Sonntag hätten wir erstmalig wieder die Gelegenheit gehabt, Gottesdienst zu feiern. Allerdings nur, wenn wir bis dahin die Hygieneauflagen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie vollumfänglich hätten erfüllen können. Können wir aber nicht: es ist kein Desinfektionsmittel aufzutreiben… Ich hätte mich mich gefreut, wenn es geklappt hätte, selbst wenn ich weiss, dass eine gottesdienstliche Feier nur sehr eingeschränkt stattfinden kann. Wir werden nicht singen dürfen, und das nicht nur nicht am Sonntag Kantate (Latein: „singet!“)! Aber immerhin können wir mal wieder unsere Orgel hören. Es wird auch nur eine begrenzte Anzahl Menschen den Gottesdienst besuchen können, denn die Abstandsregeln gelten selbstverständlich auch im Hause Gottes, ebenso die Verpflichtung, Nase-Mundschutz zu tragen, zur Vermeidung von Infektion unserer Mitmenschen…

Unter diesen Bedingungen und Auflagen können wir (vorbehaltlich der Zustimmung unserer Kirchengemeinderäte) also wieder Gottesdienst feiern, sobald man sich auch bei uns die Hände desinfizieren kann. Es wäre spannend gewesen, die alte Geschichte von der Einweihung des Salomonischen Tempels in Jerusalem zu hören und gleichzeitig merkwürdig, denn die Umstände werden auch künftig so ganz andere sein als damals, mehr als 900 Jahre vor unserer Zeitrechnung…

In 2. Buch der Chronik im 5.Kapitel in den Versen 2-16 wird erzählt, wie es damals gewesen sein soll: Alle Honoratioren, Stammesälteste und Fürsten, Priester und Leviten waren versammelt, um die Bundeslade in das Allerheiligste im damals nach zwanzigjähriger Bauzeit fertiggestellten Tempel zu begleiten. Es wird erzählt von einem feierlichen religiösen Staatsakt in Pracht und Würde, aufwendig und akribisch durchchoreografiert, von Musik und Gesang einer grossen Menschenmenge, die auf magische Weise sich im Lob Gottes zusammenfinden zu einer Stimme. Der richtige Ton ist getroffen, der Gelobte ist plötzlich da. Gott ist gegenwärtig, wie einst am Sinai, wie im Zelt der Begegnung (Luther übersetzt „Stiftshütte“) zur Zeit der Wüstenwanderung. Als Wolke erfüllt die Gegenwart Gottes das Allerheiligste, unterbricht den Ablauf  der Feierlichkeiten wie zur Warnung: seht zu, dass ihr mit eurem gut gemeinten Betrieb nicht euch selbst feiert, nicht eure gesellschaftlich- bürgerlichen Logiken stabilisiert und die Bundeslade zu einem goldenen Kalb eurer religiösen Bedürfnisbefriedigung macht!

Nicht nur am kommenden Sonntag werden wir in unserer Kirche nicht singen können. Zur Zeit steht übrigens auch noch der Rasentrecker im Mittelgang. Doch sobald wir Desinfektionsmittel haben, wird die Orgel (hoffentlich) den Ton treffen und unsere Kirche erfüllt sein. Nicht nur von Luft, Licht und Rasentrecker!

Einen gesegneten Sonntag aus Stuvenborn!

Craig Schott


 

Predigtgedanken zum Sonntag Jubilate 03.05.2020

Predigttext Johannes 15,1-8

Der wahre Weinstock

151 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.

2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.

3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.

4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen.

7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

 

 

Liebe Gemeinde,

Die Bibel schenkt uns Bilder, Bilder voller Kraft, Leben und Fülle. Sie entstehen im Kopf und brauchen nicht viele Worte. Der Weizen der Frucht bringt, der gute Hirte, das frische Wasser. Bilder gefüllt mit Leben, Hoffnungen und Sehnsüchten. Auch im heutigen Predigttext begegnen uns Bilder, Lebens- Bilder. Der Weinstock und die Reben. Gleich hat man die Herbstsonne vor Augen, die reifen Trauben kurz vor der Ernte. Man will probieren, ob sie die Süße schon erreicht haben. Die belebende Frische des Weines an einem Sommerabend lässt sich förmlich erahnen am Gaumen. Zurücklehnen und genießen.

Mit einleuchtenden Bildern kann man die Verbindung von Weinstock und Reben, von Frucht und Lebensströmen deutlich machen. „ Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Wie Reben auf den Weinstock angewiesen sind, so bekommen die Jünger von Jesus und seine Gemeinde die Lebenskraft von ihm. Vorausgesetzt sie Bleiben in ihm, bleiben an ihm und Jesus an ihnen, so verbunden wie Frucht und Rebe, wie der Weinstock und jeder einzelne Trieb, der aus ihm wächst.

Mit solchen starken Bildern im Kopf schreibt man Predigten. Jesus wird damals wohl den Gang durchs Weizenfeld oder das beobachten einer Schafsherde benutzt haben. Mit welchen Bildern würde er heute predigen? Was würde er den Menschen sagen, die im Norden wohnen weit weg von den Weinbergen oder Menschen in hohen Wohnblöcken die keine Schafsherde sehen.

Ich denke an eine Situation die ich mit meinem Sohn erlebt habe. Er war auf dem Rückweg vom DLRG Wochenende und wollte sich melden wenn er in Bad Oldesloe am Bahnhof ist per Handy. Nun hatte er kein Ladekabel dabei und schon sank der Ladezustand und das Handy schaltete sich ab. Kein Lebenszeichen mehr. Er stand am Bahnhof und niemand erwartete ihn, niemand der ihn herzlich begrüßte. Keine Sorge, ich habe ihn noch abgeholt , mit vielen hin und her, er hatte sich das alles einfacher vorgestellt.

Keine Energie mehr, kein Strom mehr- kein Lebensstrom, um die Verbindung zu halten. Getrennt wie die abgeschnittene Rebe vom Weinstock. Das Handy, wertlos weil es nicht aufgeladen war. Die Kommunikation am Ende. Mir ist klar, dass die Bilder aus der Bibel voller Leben und Fülle sind und dass der Lebensstrom eines Handys kaum an die Fülle eines Saftes am Weinstock heranreicht, doch dieses Bild ist dicht dran an uns, am Leben, aber auch an der Kraftlosigkeit vieler Menschen. Bei vielen sind die Akkus wie ausgelaugt, ausgebrannt. Manche haben das Gefühl, sich abzuarbeiten, ohne das es eine Frucht bringt. Man fühlt sich wertlos, ausgebrannt und verdorrt, wie eine tote Rebe, saft und kraftlos.

Nochmal zu meinem Sohn, eigentlich achtet er immer darauf dass sein Akku aufgeladen ist. Er könnte ja etwas verpassen in der digitalen Welt zwischen you tube und WhatsApp, immer online, immer „ unter Strom“ .mit der Angst etwas verpassen zu können. In der unendlichen Fülle der News und Mails verpasst er garantiert etwas. Bis die Erschöpfung da ist, ob dann alles mit einer neuen Akku-Ladung getan ist?

Das Bild vom Weinstock lädt fast zum Nichtstun ein. Die Rebe muss den Lebensstrom nur fließen lassen und schon ist alles am Wachsen und Keimen was soll. Die Herzen nicht verschließen, dann wächst was Kraft bekommt zum Wachsen. Dann nehmen wir uns selbst den Druck, gute Früchte zu bringen, um den Erwartungen zu genügen. Lassen wir doch den Winzer an uns heran, vertrauen wir uns ihm an, wehren wir uns nicht, wenn das Gefühl fruchtlos zu  sein, wenn falsche Erwartungen oder Resignation in uns aufkommen,  damit wir wieder aufatmen können, damit der Strom des Lebens wieder fließen kann.“ Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ Das ist ein Stück Befreiung und zugleich eine Einladung, den falschen Leistungsdruck abzulegen.

Aus seiner Liebe können wir leben. Sie ist der Saft, die Kraft, die reifen und wachsen lässt. Sie durchströmt uns und lässt die Früchte reifen.

Starke Bilder! Amen

Bleiben sie behütet ihre und eure Silke Hars

 



 

Predigtgedanken für Misericordias Domini, Sonntag, d. 26.04.2020

Liebe Gemeinde,

erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Am heutigen Sonntag wollte ich eigentlich acht junge Leute, unter anderem unsere jüngste Tochter Emma, in unserer Petruskirche konfirmieren. Ein schöner, feierlicher Gottesdienst hätte es werden sollen, mit unserem Pop- und Gospelchor Come2light, in dem auch meine Frau Bettina mitsingt, mit einer schönen Abendmahlsfeier, fröhlichen Liedern…Konfirmation eben!  Stattdessen: ein Tag wie viele andere, Gottesdienstverbot, Corona -Krise und ein Ende nicht in Sicht. Die Kirchenpost liegt gedruckt im Gemeindehaus, ausgetragen wird sie nicht: kein Termin stimmt mehr, angekündigte Veranstaltungen fallen samt und sonders aus. Neue Termine zu benennen hielte ich unter den gegebenen Umständen für fahrlässig, fahren wir weiter vorsichtig auf Sicht.

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt…statt einer fröhlichen Familienfeier mit gutem Essen im Dorfgasthof nun viel Zeit zum Nachdenken, Nordic Walking mit dem Hund durch den Wald…Zeit, am Computer zu sitzen und Predigten voll auszuformulieren. Mir Gedanken machen, Theologie treiben, schliesslich bin ich ja Pastor. Aber..was für einer eigentlich? Menschen, die es gut mit mir meinen, sagen mir oft, ich sei „erfrischend anders“. Meine Mutter (88) glaubt bis heute, ich hätte nur Theologie studiert, um nicht zur Bundeswehr zu müssen, und mein Vater hat vor einigen Jahren verlauten lassen, ich käme ihm „nicht besonders religiös“ vor… sicher, ich bin nicht unbedingt ein typischer Vertreter meines Berufstandes. Ich mag keine religiösen Phrasen und Floskeln, und auch theologisch figurative „Richtigkeiten“ sind mir ein Graus. Ich bin auf meine Weise fromm, nicht so sehr im herkömmlichen Sinne. Ich glaube auch nicht daran, dass die Bibel in der Lutherübersetzung vom Himmel gefallen ist. Ich halte sie auch nicht für „Gottes Wort“. Ich weiss, dass die Bibel aus mehreren, zu verschiedenen Zeiten von ganz unterschiedlichen Menschen geschriebenen Büchern besteht. „Gottes Wort“ steht zwischen den Zeilen, weniger in ihnen. Für mich ist die Bibel nicht Gottes Wort, sie enthält es. Genau wie viele andere Heilige Schriften, etwa die Thora, der Koran, die Veden, die Upanishads etwas davon enthalten. Als studierter Theologe weiss ich, um diese alten Texte zu verstehen, sollte ich die geschichtlichen und kulturellen Zusammenhänge kennen, unter denen sie entstanden sind. Nur dann kann ich etwas darin finden, was für unser heutiges spirituelles Leben bedeutsam sein kann. Das Leben in Stuvenborn-Seth-Sievershütten im 21.Jahrhundert unterscheidet sich in Vielem vom Leben in Galiläa vor zweitausend Jahren oder in der Wüste vor dreitausend Jahren. Es ist auch anders als das Leben in Mekka und Medina im 4.Jahrhundert. Das gilt es zu berücksichtigen, wenn ich versuche, diese alten Texte zu verstehen und neu erklingen lassen möchte, mich auf die Suche begebe nach „Gottes Wort“- irgendwo zwischen den Zeilen…

So auch in dem Text, der Predigttext ist für den heutigen Sonntag. Er steht im 1. Petrusbrief im 2. Kapitel in den Versen 21b)-25. Zum besseren Verständnis beginne ich mit Vers 18.

„Ihr Sklavinnen und Sklaven im Haus, die ihr den Herinnen und Herren, den guten und milden, aber auch den unberechenbar grausamen Herinnen und Herren unterworfen seid und ihnen voll Furcht begegnet: Versteht es als besondere Gabe, wenn jemand es erträgt, grundlos zu leiden, weil er oder sie zu Gott gehört und daran festhält. Denn was für ein Licht fällt auf euch, wenn ihr Misshandlungen aushaltet, die eine Folge von Verfehlungen sind? Wenn ihr aber im Leiden standhaft bleiben könnt, auch wenn ihr tut, was von euch erwartet wird, ist das eine besondere Gabe vor Gott. Denn in dieses Leben seid ihr berufen: Weil auch Christus für euch litt, euch hinterließ er ein Vorbild, damit ihr seinen Spuren folgt. Der nichts Übles getan hat, keine List kam aus seinem Mund, der geschmäht wurde, er litt und drohte nicht, überlies es Gott, für Recht zu sorgen. Der unsere Verfehlungen selbst an sich trug, an seinem Körper bis zum Kreuz, damit wir leben sollen, um zu tun, was gerecht ist, weil wir getrennt sind von allem, was verfehlt ist. Durch seine Striemen seid ihr geheilt. Denn ihr wart verirrt wie Schafe, aber nun habt ihr euch dem Hirten zugewendet, der euer Leben behütet“.

Das ist eine Zumutung. Uns aufgeklärten ZeitgenossInnen des 21.Jahrhunderts wird erzählt, es sei eine Gnade, wenn jemand in der Bindung an Gott Misshandlungen hinnehme und Leiden ertrage. Wir finden hier eine „Sklavenmoral“ (im wahrsten Sinne des Wortes), die, aus späterer Sicht zurecht mehrfach angeprangert worden ist, z.B. von Friedrich Nietzsche. Gemeint ist das Schwächliche der Herde, die einen Hirten braucht, im Unterschied zur vornehmen Selbstbestimmtheit der Herren. Die Herde braucht eine Religion, und die Religion schafft eine Priesterkaste voller Ressentiment. Wie sollte es anders sein? Ist doch der christliche Gott (eine Kopie des jüdischen Originals) ein Gott der Verneinung, ein Gott der Kranken und Schwachen: „Gott zum Widerspruch des Lebens abgeartet, statt dessen Verklärung und ewiges Ja zu sein! In Gott dem Leben, der Natur, dem Willen zum Leben die Feindschaft angesagt! Gott, die Formel für jede Verleumdung des ‚Diesseits‘, für jede Lüge vom ‚Jenseits`. In Gott das Nichts vergöttlicht, der Wille zum Nichts heilig gesprochen!“ Nietzsches Kritik trifft eine Leidensmystik, wie sie etwa Franziskus von Assisi nachgesagt wird, ins Mark, ebenso die gesamte Haustafelmoral des 1. Petrusbriefes, in denen es um Loyalität gegenüber dem Staat und dem Gehorsam der Ehefrauen gegenüber ihren Männern geht. Demütigungen hinnehmen, sich Misshandlungen gefallen lassen und Schikanen akzeptieren – einfach so!- ist keine Gnade, und Leiden -als solches! – hat keinen Sinn.

Der Autor des 1.Petrusbriefes (Jesu erster Jünger kann es nicht gewesen sein, der hat im 2.Jahrhundert nicht mehr gelebt) weiss allerdings um die Situation der Sklavinnen und Sklaven seiner Zeit. Es bleibt ihnen in ihrer kulturellen gesellschaftlichen Situation kaum etwas anderes üblich, als auszuhalten, was ihnen angetan wird. An Aufstand, Rebellion oder gar Revolution war nicht zu denken, die Römer hätten derartige Bemühungen sofort und ohne Federlesens im Keim erstickt. Der Schreiber des 1. Petrusbriefes möchte diese Menschen trösten. Er stellt ihnen den Christus zur Seite der, genau wie sie, gelitten hat. Und er bedient sich dabei der Sprache aus Jesajas Gottesknechtslied Jes. 53. „Durch seine Striemen seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe“ das sind wörtliche Zitate aus Jesaja 53, 5 und 6, die seinen AdressatInnen wohltuend vertraut gewesen sein dürften. Mit seinen seelsorgerlichen Worten bereitet der Schreiber sie auf das Martyrium vor. So lädt er sie ein zur Nachfolge in Jesu Spuren.

Unsere heutige Situation ist eine völlig andere. Wir sind keine Sklavinnen und Sklaven. Trotzdem gibt es so etwas wie „moderne Sklaverei“: grausame Abhängigkeiten in prekären Beschäftigungsverhältnissen, Ausbeutung in Billiglohnjobs überall auf der Welt. Selbst in unserem reichen Land geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander, und es sollte keinen Grund geben, sich damit abzufinden. Auch, wenn wir zurzeit (schon Corona-bedingt) in unserer Freiheit eingeschränkt sind, wäre Verklärung von Leidensethik (womöglich noch in Verbindung mit Vertröstung auf irgendein „besseres Jenseits“) einfach nur makaber, morbide und völlig am Leben vorbei. Niemand sollte dergleichen predigen. Leider habe ich dergleichen schon zu oft erlebt. Ich bin Pastor geworden, um den ewigen Karfreitags-Leidens-Predigern nicht unsere Kirche zu überlassen. Dazu waren und sind mir Glaube und Spiritualität, die ich in unserer Kirche verortet wissen will, zu wichtig und, ja, zu heilig. Ich schulde meiner Gemeinde das Evangelium; Brot, das geistlich nährt und Kein „der- Herr- ist- für- eure- Sünden- gestorben“ -Desaster im Maschinengewehr- Stakkato.- Wo aber ist das Evangelium, was können wir in die Woche mitnehmen? Vielleicht den letzten Satz unseres Predigttextes: „Ihr habt euch dem Hirten zugewendet, der euer Leben behütet“. Im Evangelium des Sonntags (Joh. 10,11-16) sagt der Christus: „ich bin der gute Hirte…“. Wir sind eingeladen zum Leben! Amen.

Bleibt und bleiben Sie gesund und behütet.

Ihr/ Euer Craig Schott

 


Predigtgedanken zum Sonntag Quasimodogeniti den 19.04.20

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“

So heißt es im Wochenspruch aus dem ersten Petrusbrief. Für mich bleibt von diesem Satz vor allem hängen“ Wir sind wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung.“

Lebendige Hoffnung sein…….. Ich denke daran, dass vor einer Woche an Ostern, in vielen Kirchengemeinden von der Osterkerze aus kleine Kerzen entzündet und im Gottesdienst verteilt worden wären, wenn die Corona Krise uns als Kirchengemeinde nicht gezwungen hätte die Türen zu schließen. Diese Kerzen sind für mich ein Bild dafür, als Gemeinde lebendige Hoffnung zu sein.

Lebendige Hoffnung. Ich, wie die Kerze in meiner Hand. Manchmal hell leuchtend, voller Gottvertrauen und Zuversicht.

Lebendige Hoffnung. Ich, wie die Kerze in meiner Hand, manchmal flackernd, voller Ängste und Zweifel.

Wir sind lebendige Hoffnung. Doch nicht aus uns selbst kommt das Licht, sondern von Gott her. Gottes Licht, das uns leuchtet, gerade auch in der Finsternis und sei es der Tod. Davon erzählt auch die Verheißung des Propheten Jesaja. So heißt es bei Jesaja im 40. Kapitel:

26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?

28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

29 Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden.

30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen;

31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln **wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.**

Ein Hoffnungslicht in finsterer Zeit, das hatten die Menschen damals bitter nötig, denn wie finster waren die Zeiten! Die Babylonier waren in Jerusalem eingefallen und hatten den Tempel niedergebrannt. In Schutt und Asche lag der Ort. Der Ort des Glaubens, der Zuversicht und des Trostes, verbrannt! In den Trümmern des Tempels und der anderen niedergebrannten Häuser, Menschen die traumatisiert und orientierungslos in Jerusalem zurückbleiben und zwischen den Kriegstrümmern herumirren. Genauso wie heute in Syrien, im Jemen, an so vielen Kriegsorten unserer Welt.

In diese finstere Zeit hinein spricht also der Prophet Jesaja die Verheißung Gottes“ Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen?“   Sicher, vielleicht gibt es Momente im persönlichen Leben und in Gewalt und Kriegen auf der Welt, in denen nichts da ist außer Finsternis, aber in so vielen anderen Momenten kann es gut tun, den Blick zu heben. Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Auf einer Wanderung durchs Watt oder schon bei einem Spaziergang durch den Wald, an einem noch so grauen Tag, habe ich das Gefühl, alles um mich herum ist Schöpfung und ich bin ein kleiner Teil davon und all diese Schöpfung hat von Gott her Sinn. Auch wenn ich ihn nicht immer durchschaue, doch in allem was unverständlich ist, bleibt Gott nahe.

Dann heißt es weiter bei Jesaja, Gott gibt den Müden Kraft und Stärke genug den Ohnmächtigen. Den Müden gibt Gott Kraft, hier ist nicht die Rede von der Müdigkeit eines Kindes, dass das Glück hat den ganzen Tag draußen zu spielen und abends müde ins Bett fällt. Sondern es ist die Rede von einer  Müdigkeit nach einer durchwachten Nacht. Müdigkeit, die die Augenlider schwer und die Knie zittrig macht. Müdigkeit die erschöpft und auslaugt.

Diesen Müden und Ohnmächtigen gibt  Gott Kraft und wir können es hören“ Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden!“ Wie schön ist das denn? Eine Verheißung, die zugleich den Müden und Ohnmächtigen, den Niedergedrückten in aller Welt gilt.

Den Blick nicht allein auf die Finsternis richten, den Blick heben und weiten, auch auf die Schöpfung um uns herum und zu erfahren, Gott ist nahe trotz und gerade in der Finsternis. Erfüllt von diesem Hoffnungslicht, können wir selbst zur lebendigen Hoffnung werden, ein Licht verbunden zu einem Lichtermeer auf der ganzen Welt.

Amen

Bleiben sie behütet ihr und eure Silke Hars.


Predigtgedanken zu Ostern

Liebe Gemeinde,

nein, ich beginne diese Predigt nicht mit dem Satz, der mir dieser Tage in den meisten Briefen zur Osterzeit entgegenlacht, denn ob mehr oder weniger: Ostern ist immer anders, kein Ostern wiederholt sich; ein Umstand der z.B. die Sinnhaftigkeit des in konservativen Kreisen beliebten Diktums, 2015 dürfe sich nicht wiederholen, in österlichem Licht offenbart… natürlich leben wir in diesem Jahr mit der Corona-Krise und den Einschränkungen unserer persönlichen Freiheit. Und ich finde es traurig, gerade zum höchsten Fest der Christenheit nicht Gottesdienst in unseren Kirchen feiern zu können. Es wird mir fehlen, Psalm 118 mit Euch und Ihnen zu beten, mit Euch und Ihnen zu singen „Christ ist erstanden von der Marter alle“. Ihr und Sie werdet und werden mir fehlen, sofern wir uns nicht im Wald beim Spazieren gehen sehen. Die sinnliche Erfahrung, dass Gemeinschaft im Abendmahl nach Karfreitag wiederhergestellt ist. Eure und Ihre Gesichter werden mir an Ostern fehlen.

Aber Ostern fällt deswegen nicht aus. Im Gegenteil: Ostern ist das Fest nach der überstandenen Krise! Und im Angesicht der Krise, deren Höhepunkt nach einhelliger Meinung von Fachleuten noch bevorsteht, Ostern gleichsam als Vorwegnahme ihrer Überwindung zu feiern, macht Ostern in diesem Jahr nicht nur „ganz anders“, sondern ganz wichtig. Ich brauche Ostern, wir brauchen Ostern. Ganz besonders in diesem Jahr. Die schönen alten Geschichten vom Sieg der Liebe gegen den Tod, sie geben gerade in diesem Jahr Kraft zum Widerstand. Sie erzählen von einem Gotteskind, dessen Auftritt, Worte und Taten so beeindruckend und so nachhaltig waren, dass auch ein schändlicher, grausamer, gewaltsamer Tod nicht aufhalten konnte, was durch ihn in die Welt gekommen ist: die lebendige Erfahrung des Anbruchs des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit. Sie ist es, die den alten Geschichten ihre quicklebendige Kraft gibt. Angefangen bei den Geschichten vom leeren Grab über die Geschichten der Erscheinungen des Auferstandenen bis hin zum Zeugnis des Paulus, des einzigen Osterzeugen, der im neuen Testament persönlich (und gleich mehrfach) zu Wort kommt. Es sind Geschichten von Menschen, die schrittweise ihre Traumata und Krisen überwinden konnten und denen klar wurde, dass sie die Kraft dafür nicht aus sich selbst hatten, sie wurde ihnen geschenkt. Es sind Geschichten, die die Dynamik nachzeichnen mit der Menschen aus der Starre, in der das (Verlust-)Trauma sie gefangen hielt in die Bewegung fanden, weil sie in sich die Kraft spürten, aufzustehen, loszugehen und zu erzählen, was sie durch Jesus erfahren hatten. Ihnen war klargeworden, dass die Sache Jesu nicht an Karfreitag zu Ende gegangen war, dass sie im Gegenteil gerade erst am Anfang gestanden hatte und weitergehen musste. Es war gleichsam so, als ob die Lebendigkeit und Kraft Jesu leibhaftig in ihren Leben und Herzen Raum und Wohnung genommen habe; so tief und nachhaltig, dass sie dadurch befähigt und in der Lage waren, Menschen mit ihrer Begeisterung anzustecken und die Welt ein gutes Stück weit zu verändern.

Jesu Auferstehung von den Toten ist eine wirkungsgeschichtliche Tatsache, denn das eigentliche Wunder ist nicht das leere Grab, sondern die Tatsache, dass die verwaisten Freundinnen und Freunde Jesu nach der traumatischen Erfahrung von Karfreitag wieder aufstehen. In ihrer Entschlossenheit, den Fußspuren Jesu weiter zu folgen beweisen sie, dass die Leidenschaft für das Reich Gottes die Mächte des Todes überwindet.

Die alten Geschichten machen Mut, die eigene Geschichte zu betrachten. Ich selbst habe die Erfahrung des Scheiterns meiner ersten Ehe machen müssen, und durfte erfahren, dass das Leben nicht nur nicht vorbei war, sondern weiterging- besser und schöner wurde, als ich es mir hatte vorstellen können.

Auch die Erfahrung meiner Krebserkrankung, von Chemo- und Strahlentherapie bis hin zu einer Operation, die mich komplett auf die Seite warf, und ihre schlussendliche Überwindung. Auch dies eine österliche Erfahrung, denn die Kraft, das alles zu überstehen, hatte ich nicht allein aus mir. Ostern ist ein Fest des Lebens.  Ein Fest der lebendigen Geschichten, die Glaube, Hoffnung und Liebe ausweisen als Lebensmittel gegen den Tod.


Predigtgedanken zu Karfreitag

Liebe Gemeinde,

wer mich als Theologe kennt, weiss: Karfreitag ist für mich kein Feiertag. Es ist ein trauriger Tag, denn er konfrontiert uns mit dem, was Leben verachtet, schändet und vernichtet, ohne Notwendigkeit und ohne Sinn. Der Mensch ist das einzige Lebewesen auf diesem Planeten, das die Möglichkeit hat, sich bewusst dazu zu entscheiden – und dies nur allzu häufig tut. Grund zum Feiern? Nein, wirklich nicht! Am Kreuz, dem Marterwerkzeug, das schon Cicero als so abgrundtief grausam, dass man es verbieten sollte, gebrandmarkt hatte, verreckt einer, der vor seiner Anheftung noch gebetet hat: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun (Lk.23,34). Ach Jesus, denke ich, wenn ich die Geschichte von seiner Hinrichtung nach Lukas lese, wer einmal ein KZ von innen gesehen hat, der ahnt in seinem tiefsten Inneren: oh, doch! Sie wissen, was sie tun, und sie tun es, weil sie es können, vielleicht sogar, weil es ihnen gefällt. Auch wenn später Mancher auf Nachfrage sagen wird, man habe halt „im Dienst für eine höhere Sache“ gestanden, oder „schliesslich nur auf Befehl“ gehandelt… Nein, kein Grund zum Feiern, Karfreitag gibt uns einen fürchterlichen Blick in den Spiegel, der uns belehrt über unsere Abgründe, über das, was die Bibel „Sünde“ nennt, die Entfremdung von der Quelle aller Liebe und allen Lebens bis hin zu deren Zerstörung, die wir in besonderer Weise beherrschen und betreiben. Karfreitag ist kein Tag zum Feiern, Karfreitag benennt Tatsachen; Karfreitag erzählt vom Recht des Stärkeren, vom Sieg der Schlächter, vom Triumph der Gottlosigkeit. Karfreitag singt das Lied vom Tod.

Möglicherweise ist sogar die Entstehung des Covit-19 Virus eine Folge unserer Art zu leben, die sich jetzt gegen uns richtet, uns bedroht wie auch der Klima-Wandel. Karfreitag sagt, kurz und bündig ausgedrückt, und mit Paulus formuliert: „der Sünde Sold ist der Tod“ (Römer 6,23). In diesen Tagen spüren wir das, wir sind erschrocken und verängstigt, haben keinen Plan B. Stattdessen fühlen wir uns eventuell auch sogar unschuldig verfolgt, vom Tod bedroht und suchen deshalb aus (vermeintlichem) Selbstschutz die Schuld bei anderen… Das sollten wir nicht. Wir könnten gelernt haben, dass Solches immer in die Katastrofe, bzw. ins Nichts führt, nirgendwohin, wo sich auch nur im Enferntesten zu leben lohnte (s.o. Stichwort: KZ).

Vielleicht könnte es helfen und unseren Blick auf unser Leben mit seinen Möglichkeiten heilsam erweitern, den diesjährigen Predigttext zu lesen und auf uns wirken zu lassen. Er mag zunächst sprachlich reichlich sperrig wirken, doch wenn man ihn ganz unvoreingenommen liest, stößt man auf ein Lied aus dem Land des Lebens, das uns dorthin einladen und bewegen will. Ich zitiere aus dem 2. Brief des Paulus an die Christinnen und Christen aus dem 5. Kapitel die Verse 14-21. Allerdings nicht in der Lutherübersetzung, in welcher der Text sich liest wie ein Steinbruch überkommener Dogmatik, sondern in der Übersetzung der BigS (Bibel in gerechter Sprache). Ich finde, dass diese das Anliegen des Paulus in angemessener, guter und verständlicher Form ausdrückt; wir wollen ja Paulus hören, nicht Luther…

„Denn die Liebe des Messias hält uns zusammen, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind sie alle gestorben. Er ist für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und aufgeweckt worden ist. Daher beurteilen wir von jetzt an niemanden mehr nach menschlichen Maßstäben. Und auch wenn wir den Messias nach menschlichen Maßstäben beurteilt haben, tun wir es jetzt doch nicht mehr. Daher: alle, die mit Christus verbunden sind, sind neu erschaffen. Das Erste ging vorüber, seht: Neues kam zur Welt.

Doch alles geht von Gott aus: Gott versöhnt uns durch den Messias mit sich selbst und gibt uns die Aufgabe, die Versöhnung zu vermitteln. Ja, Gott war es, der im Messias die Welt mit sich versöhnt hat. Gott rechnete ihnen ihre Vergehen nicht an und hat unter uns das Wort der Versöhnung in Kraft gesetzt. Im Auftrag des Messias sind wir nun Gesandte in der Überzeugung, dass Gott Euch durch uns ersucht. So bitten wir an der Stelle des Messias: lasst Euch versöhnen mit Gott! Gott hat ihn, der keinerlei Sünde getan hatte, an unserer Stelle zu einem sündigen Menschen gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit verkörpern, in eins mit Jesus“.

Jetzt würde ich gern mit Euch und Ihnen und Jochen Klepper singen: Er will, das ich mich füge./ Ich gehe nicht zurück./ Hab nur in ihm Genüge,/in seinem Wort mein Glück./ Ich werde nicht zuschanden,/ wenn ich nur ihn vernehm. Gott löst mich aus den Banden./ Gott macht mich ihm genehm (EG 452, Strophe 3). Genau das ist gemeint, wenn von unserer Versöhnung mit Gott die Rede ist: Gott macht uns ihm genehm! Wir müssen nicht mehr auf uns selbst bezogen, und damit uns selbst zum Tode(!) leben, sondern wir dürfen auf den bezogen leben, der für uns gestorben und  auferweckt worden ist. Wohlgemerkt, die Formulierung „für uns gestorben“ soll nicht im Sinne von „für uns als Sühnopfer an unserer statt“ verstanden werden. „Für uns gestorben“ meint, dass Jesus es vorzog, umgebracht zu werden, statt auch nur ein Fünklein von Gottes Liebe und Gottes Gerechtigkeit, von dem, was von Gottes Neuer Welt durch ihn in unserer Alten Welt aufgeschienen – und das damit in der Welt war(!) – zurückzunehmen oder zu leugnen. In diesem Sinne – und nur in diesem Sinne hat Jesus der Auserwählte Gottes (lat.: Der Christus, hebr.: Der Messias) das Kreuz auf sich genommen. Deshalb hat er ihn auch vom Tod auferweckt für uns. So haben wir Teil am Christusgeschehen. Paulus sagt uns zu: die mit Christus verbunden sind, sind neu erschaffen. Das Erste ging vorüber, seht: Neues kam zur Welt. In diesem Jahr hören wir Gottes Einladung zum Leben. Sein Licht will am Rand der Todeszone helle strahlen und bietet uns an, uns durch das Dunkel hindurchzuführen. Folgen wir dem Lichtstrahl, der uns leiten will!

Amen


Predigtgedanken zu Gründonnerstag

Liebe Gemeinde,

in diesem Jahr ist alles anders. Es ist Gründonnerstag, normalerweise würden wir uns am Abend in unserer Andreaskirche versammeln, Gottesdienst feiern und Brot und (unvergorenen) Wein miteinander teilen. Nun ist aber nicht „Normalerweise“, es ist Corona-Krise und es gilt- vernünftiger Weise – Versammlungsverbot. Wir müssen in diesem Jahr Verzicht leisten auf so manche Freiheit, auf Gottesdienst und Abendmahl, auf gemeinsames Feiern, Singen, Teilen und (körperliche) Nähe… Mir wird es fehlen, Ps. 111 mit Euch und Ihnen am Gründonnerstagabend zu beten, mit Euch und Ihnen „das sollt ihr Jesu Jünger nie vergessen“ zu singen, ein letztes Mal vor Ostersonntag mit Euch und Ihnen Abendmahl zu feiern, und, besonders in diesem Jahr, der Freiheit zu gedenken, die Gott seinem auserwählten Volk – und damit auch uns, als den im Glauben dazu Getretenen – geschenkt hat. Denn in diesem Jahr fallen der Beginn des Pessach-Festes und der Gedenktag der Gabe des Abendmahls auf dasselbe Datum. Grund genug, den Zusammenhang und die Verbindung  beider Feste zu bedenken, gute Gelegenheit, in Gebet und Gedanken bei unseren jüdischen NachbarInnen zu sein, die sich, genau so wenig wie wir zum Gottesdienst zusammenfinden dürfen. Auch Synagogen und Moscheen bleiben in diesen Tagen ungenutzt. In diesem Jahr ist Ex.(2. Mose) 1-14 Predigttext. Aus Platzgründen möchte ich darauf verzichten, den Text hier abgeschrieben zu präsentieren, ich hoffe und denke, Ihr bzw. Sie habt, bzw. haben Zugang zu einem Exemplar des Buches der Bücher…

So hören bzw. lesen wir in diesem Jahr, weshalb die kommende Nacht anders ist als alle anderen Nächte. In einer Zeit der eingeschränkten Freiheiten kommt die alte und ewig neue Geschichte vom Auszug aus dem Sklavenhaus, vom Zug in die Freiheit über uns.

Am Abend sollte jede Familie, bzw. jede Hausgemeinschaft ein besonderes Lamm (es musste ein einjähriges, männliches Tier ohne jeden Makel sein) schlachten und essen. Das (beim Schlachten aufgefangene) Blut des Lammes sollte an beide Pfosten und den Sturz der Eingangstür gestrichen werden. So würde vorbeigehen, was aller Erstgeburt im Lande den Tod bringen würde. Noch in derselben Nacht sollten sie das am Feuer gebratene Fleisch verzehren. Dazu sollten sie ungesäuertes Brot essen, da zum Durchsäuern keine Zeit war. Bittere Kräuter sollten Beilage sein, um der Bitternis der Gefangenschaft innezuwerden und sich der Bitterkeit der Tränen zu erinnern. Später würde noch Feigenmus dazukommen, rot wie die Ziegel, die für die Unterdrücker herzustellen und zu verbauen waren. Schon beim Essen sollten sie zum Aufbruch gerüstet sein, um die Lenden gegürtet, mit Schuhen an den Füßen und dem Stab in der Hand. Und sie sollten eilig essen, denn es würde schnell gehen müssen, sobald das Signal zum Aufbruch gegeben würde. Diese Nacht würde die Nacht des „Vorbeigehens“(Hebr. Pessach) Gottes werden, wenn „die Plage, die das Verderben bringt“ einträte, Gott  „Ägyptenland schlagen“ würde. Diese zehnte und letzte Plage würde die Freiheit bringen, der Pharao ihnen noch Gold und Silber mit auf den Weg geben, um dieses Volk und seinen Gott gnädig zu stimmen. Daran sollten sie denken, jedes Jahr aufs Neue sollten und sollen sie Pessach feiern. Dem Pessach voraus geht der Sederabend(„Ordnungsabend“. Sobald der erste Stern am Himmel erscheint, muss das jüngste Mitglied der Tischgemeinschaft fragen, warum diese Nacht anders ist als alle anderen Nächte. Dann wird die Geschichte vom Aufbruch in die Freiheit erzählt und der erste Becher Wein geleert. Und hier kommen wir ins Spiel: das letzte Mahl Jesu mit seinen JüngerInnen war, so erzählen es die Evangelisten, ein Seder-Mahl. Sie saßen zusammen, um die Nacht zu feiern, in der Gott die Freiheit schenkte. Sie saßen zum letzten Mal so zusammen. Noch in derselben Nacht wurde Jesus gefangen genommen und von allen Jüngern verlassen. Daran denken wir Christinnen und Christen am Gründonnerstag. Im Geschenk der Gemeinschaft des Abendmahles feiern wir, das wir mit an diesem Tisch sitzen dürfen! In unserer Gemeinschaft und im Teilen der Gaben spüren wir Christi Gegenwart in unseren Herzen und Händen, dürfen sinnlich erfahren, was uns in der Taufe zugesagt ist: „siehe, ich bin mit euch alle Tage, bis an das Ende der Zeit“. In diesem Jahr müssen wir auf die sinnliche Erfahrung verzichten. Doch die Zusage kann und wird uns tragen. Durch das Dunkel hindurch bis ins Licht des Ostermorgens.

Amen


Palmsonntag 05.04.2020

Gedanken zum Predigttext aus dem Markus Evangelium 14, 3-9

Die Salbung in Betanien

3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?

5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.

8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.

9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

 

 

Gedanken, an besondere Momente, wie ein langersehnter Besuch aber auch der Abschied von einem geliebten Menschen können uns an einem Tag wie Palmsonntag einfallen. Jesus zieht in Jerusalem ein und wird wie ein König begrüßt. Wir wissen auch, es kommt der Karfreitag. Es kommen die schwer aushaltbaren Erzählungen von Verrat, Folter bis hin zum Tod am Kreuz .Durch  all das muss Jesus hindurch bis endlich der Ostermorgen anbricht. Der Predigttext aus dem Markus Evangelium hält eine kleine Serie bereit, ohne die etwas fehlen würde in der Reihenfolge dieser unabwendbaren Ereignisse.

Es muss ein ganz besonderer Moment gewesen sein, der den Raum mit diesem intensiven, ja holzig, aromatischen Duft erfüllt hat. Nicht nur einige Tropfen, sondern der Inhalt eines ganzen Gefäßes entfaltete seine beruhigende, angstlösende Wirkung auf Jesus. Die Frau verwendete den ganzen Inhalt um Jesus zu salben. Eine Wohltat, eine Überraschung, ein einmaliges Erleben. Für den Moment genießt er es und ist ganz eingehüllt in den Duft und die Finger, die das Öl einmassieren.

Dann holen ihn die Stimmen der Männer wieder ein. Sie brachten ein Argument vor, wo es schwer war dagegen zu halten, sie hatten den Wert des Öls überschlagen und zählten auf, was man mit diesem Geld nicht alles hätte tun können, wie viele Speise man Arme hätte reichen können um sie zu sättigen.

Menschen haben oft ein Gemisch aus Gefühlen und Gedanken, da sind die Männer, in deren Essensrunde eine Frau hineinplatzt und Jesus sehr nahe kommt. Niemand von ihnen hatte ihn mit solchen Ehren überhäuft und sie treffen hier auf eine Frau, die über großen Reichtum verfügt. Die Männer hatten den Wert des Öls überschlagen, ein Jahreseinkommen für einen Tagelöhner, eine große Summe Geld. Neid, Missgunst und Unsicherheit, das alles kann sich hinter diesem Argument der Männer versteckt haben. Dieses Aufrechnen ist etwas Menschliches. Wir rechnen mit unserem Geld, ob Kosten und Ertrag im Verhältnis stehen. Dazu gibt es  immer mehr Menschen, die einfach rechnen müssen, die den Euro zweimal umdrehen bevor sie ihn ausgeben.

Die Frau beeindruckt mit ihrer Gewissheit. Sie kommt herein und bricht das Gefäß auf. Sie fragt nicht, sie tut es einfach. Sie rechnet nicht, sie liebt.

In der Liebe gibt es keine Kalkulationen. Liebe ist verschwenderisch. Liebe verschiebt nichts auf später, sie ist ganz im Jetzt. Was sie verschwendet ist nicht vergeudet. Liebe erfasst was Gedanken nicht fassen können.

Jesus erkennt die Liebe und nimmt die Frau in Schutz. „ Lasst sie!“ Er bringt ein Argument vor, dem man nichts entgegensetzen kann. „ Sie hat mein Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.“ Er spricht etwas aus was niemand wahrhaben wollte. Er stellt einen anderen Zusammenhang her.

Jesus wird in Kürze sterben und es wird keine Begräbnisfeier geben. Jesus salben, das ist der Liebesdienst, den die Frauen am Ostermorgen tun wollen. Wir wissen, dass es nicht nötig sein wird.

Jetzt trägt der Duft Jesus durch die kommenden Tage und uns auch. Er wird seine Wirkung nicht verfehlen.

AMEN

Bleiben sie gesegnet, behütet und gesund!

Ihre und Eure Silke Hars

 


Sonntagsbetrachtung für Judika, 29.03.2020

Während wir unser Leben „entschleunigen“, darauf Acht geben, bei aller menschlichen Nähe den jetzt nötigen (räumlichen) Abstand zu wahren und unnötige Wege zu meiden, schreitet die Passionszeit voran, die Karwoche kommt näher, die Leiden Christi immer mehr in den Blick und damit all das, wodurch Leben misshandelt und verächtlich gemacht wird. Schon am kommenden Sonntag (Judika) werden wir mit dem Geschehen des Karfreitag konfrontiert. Da heisst es aus dem Brief an die HebräerInnen:

Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.

So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Diese drei Sätze dürften in Menschen, die mit der hebräischen Bibel (unserem ersten Testament) im jüdischen Glauben aufgewachsen waren, wahre Assoziationsketten ausgelöst haben. Da wäre zum einen das in Leviticus (3.Mose) 16 beschriebene, sehr archaische (und sehr blutige) Ritual an Jom Kippur, dem Versöhnungstag. So Manchem mag auch in Erinnerung  gekommen sein, dass Mose auf der Wanderung durch die Wüste nach dem Götzendienst des Volkes am Goldenen Kalb das Zelt der Begegnung (in der Lutherübers. „die Stiftshütte“) draußen vor dem Lager aufgeschlagen hat (Exodus bzw,2.Mose 33,7).

Sei es Versöhnung, sei es direkte Gotteserfahrung, was entscheidend ist, ereignet sich „draußen vor dem Tor“ bzw. „vor dem Lager“ ausserhalb der Orte, an denen wir uns normalerweise bewegen, in deren Schutz wir uns ein- und festgelebt haben und bleiben wollen, vielleicht im Vertrauen darauf, das „die Grenzen verschlossen“ bleiben…

„Wir haben hier keine bleibende Stadt…“, diese Feststellung konfrontiert uns mit der Vergänglichkeit und Vorläufigkeit unserer Existenz. Das könnte uns verängstigen und zu Hamsterkäufen animieren, es kann uns aber auch eine Verheißung sein: es gibt weiterhin Bewegung und Veränderung, es gibt noch etwas zu entdecken und zu erreichen! Wir sind noch nicht am Ziel, das Gott uns schenken will. In einem meiner Lieblingslieder heißt es: „Komm in unser festes Haus/ der du nackt und ungeborgen/ Mach ein leichtes Zelt daraus, / das uns deckt kaum bis zum Morgen; / denn wer sicher wohnt, vergisst, / dass er auf dem Weg noch ist.“

Einen guten Sonntag aus Stuvenborn,

Craig Schott

 


 

Gedanken zum Sonntag Lätare

Freut euch mit Jerusalem und Jauchzt alle, die ihr sie liebt!

Seid fröhlich mit ihr alle, die ihr um sie trauert!

Weil ihr saugen dürft und euch sättigen an den Brüsten ihres Trostes,

weil ihr schlürfen dürft und euch erquicken an den Brüsten ihres Glanzes.

Denn so spricht Gott: ich breite bei dir Frieden aus wie einen Strom

Und wie einen überschäumenden Bach den Reichtum der fremden Völker.

Ihre Säuglinge sollen auf der Hüfte getragen

und auf den Knien geschaukelt werden.

Wie eine Mutter tröstet,

so will ich euch trösten und an Jerusalem sollt ihr getröstet sein.

Ihr werdet es sehen und euer Herz wird sich freuen

Und eure Knochen sollen sprossen wie junges Gras.

Die Hand Gottes ist wahrnehmbar an denen, die im Dienst Gottes stehen,

aber Fluch denen, die Gott feindlich sind. (Jesaja 66,10-14)

 

 

Liebe Gemeinde,

es sind alte Worte des Profeten Jesaja, die uns in diesem Jahr an Lätare (Lat.: sich freuen), dem Sonntag in der Mitte der Passionszeit begegnen. Sie transportieren archaische Bilder, die unmittelbar berühren und uns in Zeiten der Corona-Krise anders treffen als in allen Passionszeiten, die wir bisher erlebt haben. Denn in diesen Tagen sind wir verunsichert und befremdet. Gottesdienste und andere Aktivitäten finden nicht mehr statt. Ständig gibt es neue Nachrichten, selten sind es gute. Wo wir es gewohnt waren, im Angesicht von Bedrohung eng zusammen zu stehen, sind wir plötzlich gehalten (räumlichen) Abstand zu wahren. Wir machen uns Sorgen um Menschen, die uns lieb sind, die eigene Gesundheit und die persönliche Freiheit jeder/s Einzelnen. In diese emotionale Gemengelage klingt das alte Profetenwort gleichsam hinein. Wir erfahren, dass wir uns mit Jerusalem freuen dürfen. Wir verstehen, dass wir gar nicht die ersten AdressatInnen sind, wir dürfen uns als zum Gott Israels Hinzugetretene mit-freuen. Und so empfangen auch wir die Verheißung vom Leben aus der Fülle und einem Gott, der zärtlich tröstet, wie es eine Mutter kann. Zunächst klingt das wie eine Einladung, die eigene Verantwortung, jedes selbst-machen-Wollen, die Regie des eigenen Lebens abzugeben, sich einfach fallen zu lassen, um liebevoll umsorgt, genährt und getragen zu werden. Willkommen in Gottes Rundumsorglosparadies, all inclusive, hoch die Tassen, wer nur den lieben Gott lässt walten…

Wie bitte, das glauben Sie nicht? Nun…Sie haben Recht. Auch ich glaube das nicht, und ich bin mir sicher, dass Jesaja das auch nicht geglaubt bzw. gemeint hat. Schliesslich glauben wir an Gott und nicht an den Weihnachtsmann. Nicht umsonst kommt am Ende unseres Predigttextes ein ganz anderer Aspekt des Handelns Gottes ans Licht: die Hand Gottes ist auch „ein Fluch denen, die Gott feindlich sind“ Es wäre gerade in der Passionszeit unredlich, diesen Aspekt unter den Tisch fallen zu lassen. Denn zur liebevollen Mütterlichkeit Gottes gehört auch sein Zorn auf (und sein Leiden an) alles Lebensfeindliche, jede Form von Unfrieden, Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Unterdrückung und Zerstörung. Gott ist ein mitleidender Gott, der Visionen schenkt, mit denen er uns in seinen Dienst an seiner Schöpfung freundlich und liebevoll-mütterlich einlädt. In aller Freiheit und mit unser ganzen Verantwortlichkeit als Seine/Ihre mündigen und freien Kinder im Zusammenhang mit der ganzen Schöpfung. Es gibt keinen Weg zurück in den Körper, der uns geboren hat, an den Ort ohne Angst, ohne Not, ohne Stress, ohne Schmerz. Doch der Wunsch danach macht klar, dass es unsere Aufgabe ist, diesem Ort durch unser Denken und Handeln möglichst nahe zu kommen. Das geht nicht ohne uns. „Alles wird gut“ geschieht nur durch unser Tun und Lassen. Ja, auch durch unser Lassen: in den letzten Tagen hat der Straßenverkehr stark nachgelassen. Ganze Flotten von Kreuzfahrtschiffen bleiben vor Anker, Flugzeuge zuhauf am Boden. In Peking und anderen Metropolen unserer Erde sehen junge Menschen vielleicht zum ersten Mal in ihren Leben einen smogfreien Himmel, für unser Land rückt das angestrebte Klimaziel schon fast in greifbare Nähe. Trotz aller Bedrängnis durch die rasante und aggressive Ausbreitung eines krankmachenden Virus könnte etwas Neues entstehen, das zu tun hat mit Heil und Heilung unseres Planeten mit allem, was darauf lebt… es hätte mit Segen zu tun, den Gott uns schenken will.

Amen